Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

13.10.2008

Presseerklärung von Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.), anlässlich der Pressekonferenz am 13. Oktober 2008 im Rahmen des 36. Herbst-Seminar-Kongresses des BVKJ in Bad Orb

1. Zukunft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) sieht nach wie vor die Zukunft einer eigenständigen Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland in großer Gefahr. Die jüngsten Beschlüsse zur Honorierung der Vertragsärzte, die unterschiedliche und somit unzureichende Vergütungen für die gleiche ärztliche Leistung in den Regionen Deutschlands weiterhin beinhalten, die Einführung des Gesundheitsfonds mit einem zunehmenden Insolvenzrisiko für die gesetzlichen Krankenkassen, die massive Einmischung der Politik in die Aufgaben der ärztlichen Selbstverwaltung durch eine einseitige Bevorzugung der Erwachsenenmedizin in Hausarztverträgen nach § 73 b und die weiterhin nicht gewährleistete Übernahme des Morbiditätsrisikos durch die Krankenkassen sind geeignet, die qualifizierte ärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland durch Kinder- und Jugendärzte ernsthaft zu gefährden.

Etwa 35% der aus Altersgründen freiwerdenden Kinder- und Jugendarztpraxen in Deutschland finden keinen Nachfolger mehr, in den neuen Bundesländern ist sogar davon auszugehen, dass bis zu 60% der Praxen ohne Nachfolger bleiben. Das Durchschnittsalter der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland ist mit > 45 Jahren eines der höchsten in allen Arztgruppen.

Es ist absehbar, dass innerhalb der nächsten 5 Jahre eine flächendeckende Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte nicht mehr gesichert ist. Hier muss dringend gegengesteuert werden, auch durch finanzielle Förderung der Weiterbildung in den Praxen analog der Förderung Allgemeinmedizin. Dies fordert der BVKJ seit Jahren, es wird aber nicht umgesetzt.

2. Zusammenarbeit mit der Allgemeinmedizin

Wenn überall von Qualität und Qualifikation gesprochen wird, muss sichergestellt werden, dass da, wo Pädiatrie draufsteht, auch Pädiatrie drin ist. In diesem Zusammenhang erhebt sich die Frage, ob Allgemeinärzte aufgrund ihrer jetzigen Weiterbildungsinhalte und ihrer vielfältigen Aufgaben in der Sicherstellung der Versorgung multimorbider Erwachsener in der Lage sind, Kinder und Jugendliche mit ihren besonderen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen ebenso kompetent und gut zu versorgen, wie Ärztinnen und Ärzte mit einer abgeschlossenen Weiterbildung im Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin, wie es der Hausärzteverband öffentlich behauptet.

Aus Sicht der Kinder- und Jugendärzte bedarf die ärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen neben umfassenden Kenntnissen über die besonderen Erkrankungen dieser Altersgruppe auch eingehende Kenntnisse über

  • Sozialisations- und Verhaltensstörungen
  • Auffälligkeiten in der Gewichtsentwicklung
  • Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung
  • Zahn-, Mund- und Kieferanomalien
  • Störungen beim Ablösungsprozess von den Eltern und Auffälligkeiten bei der Entwicklung zur Selbständigkeit
  • Störungen im Bereich der Fein- und Grobmotorik
  • Störungen im Sozialverhalten (z.B. ADHS)
  • Störungen im Bereich der psychischen Entwicklung
  • Schulleistungsstörungen
  • Sozialisations- und Verhaltensstörungen
  • gesundheitsschädliches Medien- und Konsumverhalten
  • Störungen der Pubertätsentwicklung
  • ersten Zeichen einer Suchtentwicklung
  • psychosomatischen Störungen (Kopf- und Bauchschmerzen, Durchfälle, Ängste, Schlafstörungen)
  • Störungen der Persönlichkeitsentwicklung

    Im Hausärztlichen Versorgungsbereich muss es daher eine Aufgabenteilung geben. Der BVKJ hat nie einen Alleinvertretungsanspruch für die komplette Versorgung von Kindern und Jugendlichen erhoben. Wir haben für uns in Anspruch genommen, dass wir für bestimmte Versorgungsaufträge bei Kindern und Jugendlichen aufgrund unserer fünfjährigen Weiterbildung, während der wir uns ausschließlich mit Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Entwicklungsstufen befassen, eine besondere Qualifikation haben. Allgemeinärzte, die in der Fläche Kinder bei akuten Erkrankungen mitversorgen, müssen sich im Fach Kinder- und Jugendmedizin weiterbilden. Kinder- und Jugendärzte erwerben während ihrer vorwiegend klinischen Weiterbildung in den Ambulanzen auch umfassende Kenntnisse in der ambulanten Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit akuten und chronischen Erkrankungen. Diesen umfassenden Überblick über das breite Spektrum der Kinder- und Jugendmedizin kann ein Allgemeinarzt während seiner Weiterbildung in Klinik und Praxis nicht erwerben.

Da eine Versorgung von Kindern und Jugendlichen ohne Berücksichtigung des sozialen Umfeldes nicht möglich ist, ist dies auch Bestandteil der Weiterbildung in der Kinder- und Jugendmedizin. Viele Kinder- und Jugendärzte haben sehr gute sozialpädiatrische Kenntnisse. Familienmedizin ist kein Privileg der Hausärzte, zumal sich die familiären Strukturen in Deutschland im Wandel befinden und eine Familienmedizin, die mehrere Generationen umfasst, nur noch im Ausnahmefall möglich ist. Probleme bei Kindern und Jugendlichen finden wir besonders häufig bei inkompletten Familien und zersplitterten Familienstrukturen.

In Hausarztverträgen nach § 73 b sollte festgelegt sein, dass die Regelversorgung von Kindern und Jugendlichen durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte erfolgt. Dies schließt nicht aus, dass auch Allgemeinärzte und hausärztliche Internisten Kinder und Jugendliche versorgen dürfen. Bei Bagatellerkrankungen und im Notfall ist dies auch bisher selbstverständlich und wird in keiner Weise in Frage gestellt.

Die Kinder- und Jugendärzte fordern aber, dass folgende Leistungen grundsätzlich an den Nachweis einer abgeschlossenen Weiterbildung im Fach Kinder- und Jugendmedizin gebunden sind:

  • Durchführung der gesamten Entwicklungsdiagnostik bei Säuglingen und Kindern nach standardisierten Testverfahren,
  • Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die zu einer Pflegestufe führen
  • Behandlung von Frühgeborenen,
  • von Neugeborenen mit Adaptationsstörungen,
  • von Kindern und Jugendlichen mit seltenen und/oder chronischen Erkrankungen, die eine Dauerbehandlung erforderlich machen
  • von Kindern mit behandlungsbedürftigen Entwicklungsstörungen im Bereich von Sprache, Motorik, Sozialverhalten, Kognition, Sexualentwicklung, Wachstum usw.
  • Durchführung weiterentwickelter Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche
  • die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit schwerwiegenden akuten Erkrankungen, die potenziell lebensbedrohlich sind
  • Überweisung an hoch spezialisierten Ambulanzen der Kinder- und Jugendmedizin in Schwerpunkt- und Universitätskliniken

3. Arme Kinder – kranke Kinder

Die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die auch nach den jüngsten Beschlüssen im Bewertungsausschuss anhaltende Unterfinanzierung vieler ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit mit vielen Arzt-Patienten-Kontakten und hohem sozialpädiatrischen Anspruch an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können.

Auch führt die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr unverändert zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diese Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung, gerade auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen weiterhin benachteiligt. Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, haben gesetzlich krankenversicherte Kinder z.B. im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten
Lebensjahres Anspruch auf ärztliche Untersuchungen zur primären Prävention und
Früherkennung von Störungen der psychischen und physischen Gesundheit, die ihre
Entwicklung in nicht geringfügigem Maße gefährden…

Bisher lehnt dies die Bundesregierung ab und verweist auf den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen!

Wir begrüßen aber ausdrücklich die Einführung einer zusätzlichen Vorsorgeuntersuchung mit 3 Jahren zum 01.07.2008, der U 7a. Allerdings hätten wir uns gewünscht, dass der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die seit 3 Jahren vorliegenden Vorschläge zur Umsetzung eines Kindervorsorgeprogramms mit dem Schwerpunkt auf primärer Prävention aufgegriffen und nicht eine Untersuchung eingeführt hätte, die ebenso wie die inhaltlich veralteten Untersuchungen U2 bis U9, eine reine Krankheitsfrüherkennungsuntersuchung und auch entgegen dem Anspruch der Politik nicht geeignet ist, Kindesmisshandlungen und Kindesvernachlässigung frühzeitig aufzudecken oder sogar zu verhindern.

Der BVKJ stellt mit großer Sorge fest, dass In Deutschland eine Generation von Kindern heranwächst, die von der Gesellschaft vollständig vergessen wird. Es sind Kinder, die täglich viele Stunden lang vor dem Fernseher geparkt werden, mit denen niemand spricht und spielt, denen keiner vorliest. Diese Kinder tauchen in keiner Misshandlungsstatistik und in keiner Fernsehreportage auf, denn die Misshandlung und Vernachlässigung in Form mangelnder familiärer Förderung und Zuwendung, hinterlässt keine blauen Flecken. Sie führen jedoch zu schweren Entwicklungsstörungen, die das ganze Leben belasten. Wir erleben in unseren Praxen immer mehr Kinder mit massiven Spracherwerbsstörungen. Sie sind körperlich und geistig gesund zur Welt gekommen, ihre Eltern – häufig aus bildungsfernen, armen Milieus, teilweise mit Migrationshintergrund – sind jedoch nicht in der Lage, sich angemessen mit ihnen zu beschäftigen.

Damit beginnt ein Teufelskreis: mit fünf oder sechs Jahren können diese Kinder nicht sprechen, in der Schule führt dies zu schlechtem Verstehen und Wiedergeben von Texten. Inhalte werden nicht begriffen. In diesem Fall liegt die Wahrscheinlichkeit, einen regulären Schulabschluss zu erhalten, teilweise nur bei 50%. Diesen Kindern ist nicht damit geholfen, dass kurz vor Schuleintritt ein Sprachtest und danach ein bisschen Förderung stattfinden. Diese Kinder brauchen Einrichtungen, die ihre Entwicklung fördern und damit die elterlichen Defizite ausgleichen. Sie brauchen Einrichtungen, in denen sie lernen, sich sprachlich auszudrücken, Konflikte zu benennen und verbal zu lösen, sich zu konzentrieren, zu spielen und sich zu bewegen. Wir müssen weg von der Vorstellung, dass KiTas oder KiGas Kinder lediglich verwahren, um der Mutter die Berufstätigkeit zu ermöglichen. Diese Institutionen müssen in das gesamte gesellschaftliche Bildungskonzept eingebettet werden. Dazu bedarf es evaluierter Förderkonzepte für die motorische, sprachliche und kognitive Entwicklung. Solche Förderungen sollten in das pädagogische Grundkonzept der KiTas eingebaut werden und allen Kindern zuteil werden. Wir warten heute teilweise viel zu lange ab, bis wir eine pathologische Veränderung feststellen. Diese wird dann mit aufwändigen Therapien behandelt. Wir müssen jedoch die „vergessenen Kinder“ frühzeitig fördern, damit sie erst gar nicht auffällig werden. Der BVKJ wird sich in Zukunft massiv für die Interessen der „vergessenen Kinder“ einsetzen.

4. Verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen und Meldesystem

Um Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen künftig besser erkennen bzw. vorbeugen zu können, fordern wir verbindliche Vorsorgeuntersuchungen für jedes Kind. Der Gesetzgeber will die Kassen zum 01.01.2009 verpflichten, allen bei ihnen versicherten Kindern Einladungen zu den Kindervorsorgen zu schicken. Der BVKJ begrüßt diese Gesetzesinitiative.

Wir begrüßen ebenfalls die derzeitigen Initiativen der Politik zum Ausbau eines sozialen Frühwarnsystems. Doch kann dieses aus unserer Sicht nur funktionieren, wenn ein gesetzlich geregeltes, bundesweites Kontrollwesen für die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen besteht. So könnten ein personell gestärkter Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) bzw. die Jugendhilfe Eltern zusätzlich an die Termine erinnern und diejenigen Familien ausfindig machen, die sich einer Früherkennungsuntersuchung grundsätzlich entziehen. Ziel muss letztendlich ein flächendeckendes Netzwerk verschiedener Fachgruppen und Anlaufstellen sein, das vorbeugend greift. Gefährdete Kinder und Risiko-Familien müssen frühzeitig Hilfe erhalten, überforderte Eltern brauchen zeitnahe und kompetente Unterstützung bei der Erziehung. Nur durch ein balanciertes Nebeneinander von Fordern und Fördern kann die Gesellschaft – gemeinsam mit den Eltern – mittelfristig eine Sicherstellung des Kindeswohls für möglichst alle Kinder erreichen.

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Pressesprecher: Dr. med. Uli Fegeler