Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

07.10.2015

Presseerklärung von Dr. med. Ulrich Fegeler, Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.), anlässlich der Pressekonferenz am 12. Oktober 2015 im Rahmen des 43. Herbst-Seminar-Kongresses des BVKJ in Bad Orb

Kindergesundheit – Chancengleichheit für alle Kinder

In der Bundesrepublik wachsen etwa 15 – 20% der Kinder im Vorschulalter ohne die Möglichkeit auf, durch eine geeignete frühkindliche Entwicklungsanregung ihre intellektuellen und sozialen Kompetenzen ausreichend zu entfalten. Meist stammen diese Kinder aus bildungsfernen, häufig sozial benachteiligten Familien in prekären Lebensverhältnissen oder Familien mit zusätzlichem Migrationshintergrund (sog. „anregungsarme Familien“). Diese Kinder verbringen ihre wichtigsten Jahre vor Bildschirmen, sie wachsen auf ohne Bücher, ohne Erwachsene, die sich ausreichend um sie kümmern, mit ihnen regelmäßig spielen, ihnen Geschichten erzählen oder ihnen vorlesen. Solche Kinder werden früh in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und manche von ihnen nachhaltig traumatisiert. Sie fallen daher nicht selten bereits im Kindergarten mit deutlichen Entwicklungsstörungen auf (Sprachentwicklung, kognitive Entwicklung, Verhalten).

 Kinder mit Störungen funktionaler Grundkompetenzen wie Wahrnehmungs-Fähigkeit, Sprachverständnis und damit verbundener Sprach- und Ausdrucksfähigkeit oder Störungen des Sozialverhaltens haben von vornherein schlechtere Chancen, einen Schulabschluss oder einen höherwertigen Schulabschluss zu erringen als Kinder aus sozial besser gestellten bzw. bildungsnahen Familien. Jährlich verlassen insgesamt 60.000 bis 70.000 Kinder (davon 35.000 ohne Hauptschulabschluss), mithin ca. 10% unserer Kinder, die Schule ohne Abschluss und werden nur über zeit- und kostenintensive Integrationsprogramme mit mehr oder weniger Erfolg zu Schulabschlüssen bzw. in eine berufliche Ausbildung  geleitet. Vernachlässigt, ohne Anerkennung, mit erheblichen Erziehungs- und Bildungsdefiziten können diese jungen Menschen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht mitwirken, bleiben am Rande und haben keine Stimme. Die Gefahr ist groß, dass die prekären Lebensumstände und die chronische Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen an die nächste Generation „weitergeben“ werden. Die Rate eines sozial abweichenden Verhaltens bzw. der Delinquenz dieser Jugendlichen ist relativ hoch. Solche soziogene frühkindliche Entwicklungsstörungen sind demnach in Abhängigkeit von ihrer Ausprägung geeignet, eine erhebliche Beeinträchtigungen der späteren Sozialprognose zu determinieren.

Kindertagesstätten und Schulen vermögen es derzeit nicht oder viel zu wenig, vorhandene familiäre häusliche Förderdefizite (soziogene Entwicklungsdefizite) auszugleichen. Damit fehlen diesen Kindern die ihnen zustehenden Entwicklungschancen – obwohl sich die Bundesrepublik durch die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet hat, allen hier lebenden Kindern ein Recht auf Bildung zu gewähren.

 Für uns Kinder- und Jugendärzte sind Kinder mit soziogenen Entwicklungsstörungen Alltag. Sie werden von Kindertageseinrichtungen, aber auch Schulen sehr häufig „zur  Therapie“ überwiesen. Einmal im Medizinsystem angelangt, erfolgt rasch eine Pathologisierung der Störung, d.h., sie wird mit einer Diagnose belegt. Auf die Diagnose, also die Erkennung einer Erkrankung, erfolgt der Logik des Medizinsystems folgend die „Therapie“, im Falle der soziogen entwicklungsgestörten Kinder die Verordnung eines Heilmittels. Dies allein schon deswegen, weil die spezifische Förderqualität außerfamiliärer Betreuungseinrichtungen in Deutschland nicht ausreichend ist und häufig die betreuenden Pädiater keine andere Möglichkeit einer außerfamiliären Entwicklungsanregung als durch eine Therapie sehen.

 Die in Deutschland im Vergleich zu Europa fast einzigartig hohen Verordnungszahlen von Logopädie und Ergotherapie sind dafür beredtes Zeugnis. Dem Medizinsystem wird damit nolens volens ein gesellschaftlichen Massenphänomen zur Lösung übertragen, wobei dieses wegen seines individuellen Therapieansatzes und des dabei benötigten großen Personaleinsatzes allein schon quantitativ gar nicht in der Lage ist, ausreichend zu „behandeln“. Darüber hinaus sind die eingesetzten therapeutischen Tools aufgrund ihres nur punktuellen, kurzzeitigen Einwirkens kaum geeignet, die eigentlich notwendige permanente pädagogische Anregung und Wegweisung zu kompensieren. Das Medizinsystem löst mithin das Behandlungsproblem der soziogenen Entwicklungsdefizite nicht bzw. nur unzureichend. Der Transfer dieses durch mangelnde Anregung und mangelnde frühe familiäre wie pädagogische Förderung verursachten Problems in das Medizinsystem bedeutet letztlich eine Fehlverortung seiner Lösungserwartungen. Was Kinder aus anregungsarmen Familien aber brauchen, ist eine Begleitung der jungen Familien sowie eine funktionierende frühzeitige, die Grundfähigkeiten der Kinder anregende Förderpädagogik außerhalb, aber auch unter Einbezug ihrer Familien.

 Die Lösung,  viel besser aber die Prävention eines solch großen und nachhaltigen gesellschaftlichen Problems im Kindes- und Jugendalter kann nicht in den Händen eines einzigen Berufsstandes wie der Pädiater in der ambulanten Grundversorgung liegen, auch wenn in ihrem Bereich ein Großteil der Phänomenologie des Problems aufschlägt. Vielmehr bedarf es hierzu einer einvernehmlichen Anstrengung und Kooperation aller an der Kindesentwicklung beteiligten Professionen und Hilfesysteme aus den Bereichen Bildung und Erziehung, Jugendhilfe, Gesundheitssystem, Städtebau und Kommunalpolitik. Wir brauchen eine neue Kultur der Zusammenarbeit der gesellschaftlichen Hilfesysteme, einen von einengenden Fachperspektiven unabhängigen, unverstellten und vom Kind ausgehenden lösungsorientierten Blick auf die Herausforderungen des Aufwachsens von Kindern. Nicht mehr nur aus dem Blickwinkel der jeweiligen Professionen dürfen Versorgungskonzepte im Sozialraum projektiert werden, sondern nur noch auf dem Hintergrund dialogischer Kooperation in gegenseitiger wertschätzender Wahrnehmung. Entwicklungsdefizite und Verhaltensstörungen, Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen sowie gesundheitliche Gefährdungen, Schulleistungsprobleme, Schulverweigerung und Schulabbruch, Drogenkonsum und Kriminalität von Kindern und Jugendlichen können so viel leichter in ihren Zusammenhängen verstanden und angegangen werden. Die gegenwärtige „Versäulung“ der Hilfesysteme mit den entsprechenden Denk- und Handlungsmustern hat ausgedient.

 Ein konkreter Lösungsansatz zur sozialkompensatorischen Behandlung und der Prävention der soziogenen Entwicklungsdefizite im Sozialraum könnte die Einrichtung von Kinder- und Familienzentren sein. Kern solcher Institutionen sind Kindertagesversorgungseinrichtungen, die neben der allgemeinpädagogischen ErzieherInnenkompetenz spezifische Förderkompetenzen bei allen Grundfähigkeiten (Sprache, Motorik, Sozialverhalten) aufweisen. Unter dem gleichen Dach befinden sich Einrichtungen der sozialen Hilfesysteme, die hier niederschwellig (Mütterkaffees) den Familien mit ihren Angeboten entgegenkommen und nicht in distanzierenden Behördenkomplexen untergebracht sind. Gleichzeitig könnten in Familienzentren medizinische Spezialambulanzen wie z.B. SPZs, aber auch Einrichtungen des ÖGD untergebracht sein. Auf diese Weise wären kurze Dienst- bzw. Versorgungswege zwischen den Hilfeanbietern gewährleistet. Niedergelassene Kinder- und Jugendärzte könnten eng mit allen Einrichtungen des Familienzentrums kooperieren. Aufgrund ihrer niederschwelligen Erreichbarkeit und ihres strukturellen Eingebundenseins in die gesundheitliche Begleitung der Kinder von frühester Zeit an sind sie ein optimaler Monitor der gesundheitlichen und Förderbedürfnisse der Kinder und ein entsprechender Mittler und Zuweiser zu den anderen Hilfesystemen im Sozialraum. Familienzentren würden zusätzlich zu ihren bisherigen Aufgaben der direkten Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern im Dialog mit den Familien und unter Mithilfe signifikanter Akteure des Sozialraums die Verantwortung für das einzelne Kind und sein Aufwachsen neu leben. All dies erfordert aber ein „Neues Denken“ für die Aufgabenstellung und Strukturierung der Hilfesysteme, insbesondere aber ein Abrücken von jeglicher professionszentristischer Betrachtung der Lösungswege und ihrer Strukturierung. Gemeinsam erkennen und gemeinsam handeln nutzt Kind und Helfern.

 

Bundespressesprecher des BVKJ:

Dr. med. Ulrich Fegeler

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