Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2008

Kinderschutz – Wo stehen die Kinder- und Jugendärzte?

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands
der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ)

1. Was können verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder leisten?
Um Gewalt gegen und die meist chronische Vernachlässigung von Kindern frühzeitig und nachhaltig bekämpfen zu können, bedarf es unbedingt multiprofessioneller Netze der Akteure (u.a. Frauenärzte, Hebammen, Kinder- und Jugendgesundheitsdienste, ämterseitige Hilfsangebote, Kinderschutzbund, Kinder- und Jugendärzte) vor Ort, die niedrig schwellige Hilfsangebote machen, die Familien annehmen und sich um das Kindeswohl intensiv kümmern.

Der Gesetzgeber muss hier wesentlich mehr tun, als verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen einzuführen. Im Sinne des Kindeswohls sollten z.B. alle Familien mit Neugeborenen und Kleinkindern aufsuchend und engmaschig betreut werden. Wir Kinder- und Jugendärzte verstehen uns als Netzakteur, wir sind professionelle Fachleute, die aufgrund ihrer Aus- und Weiterbildung den Entwicklungsstand eines Kindes in den verschiedenen Lebensphasen qualifiziert beurteilen und im Rahmen solcher Netzstrukturen daher sicher einen bedeutsamen Beitrag zur Früherkennung und -prävention von Kindeswohlgefährdung leisten können.

2. Konzept eines neuen Kindervorsorgeprogramms
Das bisherige Programm der Kinderfrüherkennungsuntersuchungen besteht seit 1971 und entspricht nicht mehr den Erfordernissen der Zeit. Der Gesetzgeber hat die Voraussetzung für eine Primär-Prävention im Sinne einer vorausschauenden Beratung im Bereich der GKV bislang nicht geschaffen.

Ein System von verbindlichen Vorsorgeuntersuchungen stellt sicher, dass möglichst alle Kinder untersucht werden und ihr Gesundheits- sowie Entwicklungsstand beurteilt wird. Dabei achten die Kinder- und Jugendärzte natürlich auch auf Zeichen von Vernachlässigung, Missbrauch oder Misshandlung. Bei offensichtlichen Befunden war es schon immer Pflicht von Ärztinnen und Ärzten, die Jugendämter oder die Polizei einzuschalten, um weiteren Schaden für das Kind auszuschließen. Es gibt aber kein Instrument, mit dem man im Rahmen solcher Vorsorgeun-tersuchungen frühzeitig erkennen kann, dass ein Kind von Misshandlung oder Vernachlässigung bedroht ist.

Das derzeitige Vorsorgeprogramm muss inhaltlich und von der Frequenz den neuen Entwicklungen angepasst werden. Dazu hat der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte ein Konzept mit vier zusätzlichen, inhaltlich völlig neu gestalteten Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche entwickelt. Ein wesentlicher Aspekt der neuen Vorsorgeangebote für Kinder und Jugendliche ist die primäre Prävention, die besonders mittels Elternfragebögen erfasst wird. Kinder haben ein Recht auf bestmögliche gesundheitliche Versorgung und damit auch ein vollständiges Präventionsprogramm. Durch die Verpflichtung können auch Familien erfasst werden, die aus verschiedenen Gründen ihren Kindern diese wichtigen Vorsorgeuntersuchungen vorenthalten und zu einer Nachuntersuchung aufgefordert werden. Dabei können auch Familien auffallen, die dringend Unterstützung bei der Erziehung ihrer Kinder benötigen. Mehr kann dieses System aber nicht leisten.

Derzeitiges Untersuchungsprogramm für Kinder und erweitertes Programm gemäß Vorschlag des BVKJ:

Untersuchung: Alter, Toleranzgrenze
U1: bei Geburt
U2: 3. – 10. Lebenstag, 3. – 14. Lebenstag
U3: 4. – 6. Lebenswoche, 3. – 8. Lebenswoche
U4: 3. – 4. Lebensmonat, 2. – 4 ½ Lebensmonat
U5: 6. – 7. Lebensmonat, 5. – 8. Lebensmonat
U6: 10. – 12. Lebensmonat, 9. – 13. Lebensmonat
U7: 21. – 24. Lebensmonat, 20. – 27. Lebensmonat
U7a: 33. – 36. Lebensmonat
U8: 43. - 48. Lebensmonat, 43. – 50. Lebensmonat
U9: 60. – 64. Lebensmonat, 58. 66. Lebensmonat
U10: 84. – 96. Lebensmonat
U11: 108. – 120. Lebensmonat
J1: ab dem 12. Geburtstag bis zum 15. Geburtstag
J2: ab dem 16. Geburtstag bis zum 18. Geburtstag

3. Schwerpunkte der neuen Vorsorgeuntersuchungen
Im Rahmen der U7a (33. – 36. Lebensmonat) geht es schwerpunktmäßig um
- allergische Erkrankungen
- Sozialisations- und Verhaltensstörungen
- Auffälligkeit in der Gewichtsentwicklung
- Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung
- und Zahn-, Mund- und Kieferanomalien
- Störungen beim Ablösungsprozess von den Eltern und Auffälligkeiten bei der Entwicklung zur Selbständigkeit
- Beratung zum Kindergartenbesuch

Im Rahmen der U10 (7. bis vollendetes 8. Lebensjahr) geht es um folgende Schwerpunkte:
- Lese-Rechtschreibstörungen, Rechenschwäche und Schulleistungsstörungen
- Störungen im Bereich der Fein- und Grobmotorik
- Störungen im Sozialverhalten (z.B. ADHS)
- Ängste
- Auffälligkeiten in der Gewichtsentwicklung
- Allergien

Bei der U11 (9. bis vollendetes10. Lebensjahr) liegt das Gewicht auf folgenden Schwerpunkten:
- Schulleistungsstörungen
- Sozialisations- und Verhaltensstörungen
- gesundheitsschädliches Medien- und Konsumverhalten
- Zahn-, Mund- und Kieferanomalien
- Allergien
- Pubertätsentwicklung
- erste Zeichen einer Suchtentwicklung
- psychosomatische Störungen (Kopf- und Bauchschmerzen, Durchfälle, Ängste, Schlafstörungen)
- Störungen der Persönlichkeitsentwicklung

Bei der J2 (16. bis vollendetes 18. Lebensjahr) liegen die Schwerpunkte bei
- Pubertäts- und Sexualitätsstörungen
- Haltungsproblemen
- Störungen der Schilddrüsenfunktion
- Störungen der Gewichtsentwicklung
- Sozialisations- und Verhaltensstörungen
- Suchtberatung
- Beratung bei der Berufswahl

4. Qualifikation zur Durchführung dieses Vorsorgeprogramms für Kinder und Jugendliche
Diese neuen Inhalte der Untersuchungen verlangen aber fundierte Kenntnisse über das breite Spektrum unterschiedlicher Entwicklungen von Kindern. Deshalb fordern wir den Nachweis einer entsprechenden Weiterbildung im Fachgebiet der Kinder- und Jugendmedizin für die Durchführung dieser wichtigen Untersuchungen bei Kindern, die den weiteren Lebensweg eines Kindes ganz entscheidend beeinflussen können. Nur Kinder- und Jugendärzte mit abgeschlossener Facharztausbildung verfügen über die berufliche Erfahrung und Qualifikation, körperliche, psychische und soziale Entwicklungsstörungen zu erkennen, Lösungswege vorzubereiten und dazu auch mit anderen Fachrichtungen entsprechende Therapie- und Förderkonzepte zu koordinieren. Denn das beste Vorsorgesystem nützt Kindern und Ju-gendlichen gar nichts, wenn Ärzte anderer Fachrichtungen, denen die Qualifikation, eingehende Kenntnisse und Erfahrung fehlen, Vorsorgen durchführen dürfen.

5. Umsetzung dieses Vorsorgeprogramms
Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat in den letzten Monaten mit zahlreichen Krankenkassen Verträge abgeschlossen, um diese wichtigen ergänzenden Vorsorgeuntersu-chungen möglichst allen Kindern zugute kommen zu lassen. Die Beratungen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) zur Überarbeitung des gesamten Kinderfrüherkennungsprogramms kommen aufgrund der Blockadehaltung der Krankenkassenvertreter einfach nicht voran. Erstaunlicherweise sind aber die Verantwortlichen einiger Krankenkassen bereit, ihrer Verpflichtung für das Kindeswohl gerecht zu werden und mit uns entspre-chende Sonderverträge abzuschließen. Wir haben auf Bundesebene Verträge mit der Deutschen BKK, mit der KKH und der GEK, regional Verträge mit der AOK Brandenburg und der AOK Niedersachsen, mit der TK in Sachsen sowie in Hessen, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein mit den Landesverbänden der Betriebskrankenkassen.

Anmerkung für die Redaktionen:
Bei Nachfragen steht Ihnen
Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Verantwortlich: Berufsverband der Kinder-und- Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel: 0221/68909-0
Pressesprecher: Dr. med. Uli Fegeler, Berlin