Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2008

Kinderschutz: Wie können frühe Hilfen aussehen?

Dr. Monika Niehaus
Niedergelassene Kinder- und Jugendärztin
Pressesprecherin im BVKJ für Thüringen

Kinderschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aber jeder Einzelne kann seinen Beitrag dazu leisten. So sollten wir hinsehen, wenn es einen Verdacht auf Vernachlässigung und/oder Misshandlung eines Kindes gibt. Ebenso sollten wir Hilfe anbieten, wenn schwangere Frauen in Not geraten.

Das Land Thüringen verfügt im Bereich des Kinderschutzes über eine sehr große Palette von Hilfsangeboten:

• Es gibt Schwangeren- und Konfliktberatungsstellen

• An jeder Thüringer Geburtsklinik gibt es die Möglichkeit, anonym, aber unter ärztlicher Leitung zu entbinden. Die Kosten dafür trägt das Land. Etwa 25 Frauen nutzten innerhalb der letzten drei Jahre diese Möglichkeit.

• In Erfurt, Eisenach und neuerdings in Saalfeld gibt es eine Babyklappe. Die Inanspruchnahme liegt bei zwei bis drei Fällen im Jahr.

• Verbesserung des sozialen Frühwarnsystems mit dem Ziel, den Schutz von Kindern aus belasteten Familien zu verstärken. Dazu gehören nicht zuletzt die Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern und die Einleitung früher Hilfen.

• Vernetzte, niedrigschwellige und frühzeitige Angebote für Eltern in schwierigen Situationen, die von sich aus keine Hilfe suchen würden.

• Die Aktion „Thüringen sagt JA zu Kindern“.

Verpflichtende Vorsorgen? Was plant das Land Thüringen?
Eine gesetzliche Pflicht zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen wird es in Thüringen nicht geben. Das verbietet das Grundgesetz. Zurzeit wird geprüft, wie sich ein thüringenweit geltendes, verbindliches Einladesystem zur Vorsorge realisieren lässt.

Eine Einladung soll mehr der Bewusstseinsbildung von Eltern dienen, damit diese die Notwendigkeit von Vorsorgemaßnahmen erkennen. Denn je früher Krankheiten oder gesundheitliche Störungen erkannt werden, umso eher können Therapien oder Förderungen greifen.

Bei Nichterscheinen eines Kindes erfolgt eine Meldung an das zuständige Jugendamt. Dieses wirkt in geeigneter Weise auf die Eltern ein, ihr Kind einem Kinder- oder Jugendarzt vorzustellen, oder es prüft die Notwendigkeit eines Hausbesuches oder den Hilfebedarf der einzelnen Familie.

Die Zahlung des Erziehungsgeldes wird künftig an die Teilnahme an Vorsorgen gekoppelt sein. Dieses Gesetz soll noch bis zur Sommerpause den Landtag passieren.

Als eines von nur vier Bundesländern plant Thüringen, ab dem zweiten Geburtstag eines Kindes ein einkommensunabhängiges Landeserziehungsgeld (Betreuungsgeld) in Höhe von 150 Euro pro Jahr zu zahlen.

Der garantierte Anspruch auf einen Kindergarten-Platz ab drei Jahren von 7.00 bis 17.00 Uhr soll Eltern den Widereinstieg in die Berufstätigkeit nach Ablauf der Elternzeit erleichtern.

Neue Vorsorgen in Thüringen
Wie in den anderen Bundesländern auch, übernehmen die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), die Gmünder Ersatzkasse (GEK) und die Deutsche BKK seit dem 1.2.2008 die drei neuen Vorsorgen U7a, U10 und U11, die GEK zusätzlich die J2.
Neu seit dem 1.3.2008 ist speziell in Thüringen ein weiterer Vertrag zwischen der Techniker Krankenkasse (TKK) mit dem Berufs-verband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und der KV Thüringen (KVT) hinzugekommen. Die Leistungen in diesem Vertrag sind sogar mit Pseudoziffern über die Versichertenkarte für Kinder- und Jugendärzte abrechenbar.

Maßnahmenkatalog der Landesregierung für frühe Hilfen für Familien und wirksamen Kinderschut:z

1. Verbesserung der Personalstruktur in Jugendämtern

2. Durchführung einer zweiten Kinderschutzkonferenz zur Fortentwicklung des Kinderschutzsystems

3. Ausbildung von ehrenamtlichen Mitarbeitern des Thüringer Kin-der- und Jugendsorgentelefons

4. Fortbildung von Hebammen zu Familienhebammen – Einsatz von Familienhebammen. Deren Qualifizierungsprozess ist zwar im Gange. Derzeit weiß aber niemand, wie deren Einsatz künftig finanziert werden soll und wie die Zuständigkeiten zwischen Jugendamt und Krankenkassen aussehen.

5. Qualifikation der Fachkräfte aus verschiedenen sozialen Einrichtungen – flächendeckende Wiederaufnahme dieser Fortbildungsreihe

6. Prüfung eines Modellprojekts auf der Grundlage des Programms „Opstapje“ in Thüringen. Dabei handelt es sich um ein niedrigschwelliges Lern- und Trainingsprogramm durch Laien

7. Ausbau des Kinderschutzdienstes

8. Beteiligung an der Bundesinitiative „Frühwarnsystem für vernachlässigte oder misshandelte Kinder“

9. Vorsorgeuntersuchungen schärfen den Blick für Gefährdung oder Vernachlässigung eines Kindes

10. Da nicht absehbar ist, ob und wann verpflichtende Vorsorgen bundesweit eingeführt werden, wird in Zusammenarbeit mit den Krankenkassen modellhaft die Einführung eines Bonussystems für Früherkennungsuntersuchungen in den ersten beiden Lebensjahren geprüft

11. Neuer Thüringen Leitfaden für Ärzte „Gewalt gegen Kinder“

12. Kinderschutz als Aufgabe der Grundschule. Hier sind Konflikte im Elternhaus oftmals früh erkennbar. Bei Bedarf sollte es eine Verpflichtung zur Einschaltung des Jugendamtes ange-sichts einer Gefährdung des Kindeswohls geben

13. Datenaustausch zwischen Standesamt und Jugendamt. Erst durch die Schaffung einer Rechtsgrundlage werden Hilfsangebote möglich

14. Kindgerechte Informationsmaterialien