Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

30.01.2008

Antwort auf den offenen Brief von Herrn Weigeldt an den BVKJ

Herrn
Ulrich Weigeldt
Bundesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes e.V.
Bleibtreustr. 24
10707 Berlin

31. Januar 2008


Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Hausärzteverband e.V. und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e.V. (BVKJ).
Ihr Schreiben UW/sc vom 29.01.2008.

Sehr geehrter Herr Kollege Weigeldt,

in Ihrem o.g. Schreiben greifen Sie mich persönlich an und werfen mir vor, die Qualität der hausärztlichen Versorgung durch Hausärztinnen und Hausärzte zu verunglimpfen. Sie behaupten, der Deutsche Hausärzteverband e.V. habe jahrelang versucht, mit mir vernünftige Versorgungsstrukturen für Patientinnen und Patienten zu entwickeln.

Ich darf Sie darauf aufmerksam machen, dass ich in meiner Funktion als Präsident des BVKJ die Beschlüsse unserer Beschlussgremien (Vorstand, Länderrat und Delegiertenversammlung) nach außen vertrete. Der Präsident bestimmt im BVKJ nicht die Politik des Verbandes im Alleingang, er hat das umzusetzen, was seine Gremien beschlossen haben. Insofern halte ich persönliche Angriffe für nicht Ziel führend und weise sie zurück. Ich antworte Ihnen daher im Namen von Vorstand und Länderrat des BVKJ, mit denen dieses Schreiben abgestimmt ist.

Sie ignorieren bei Ihren Ausführungen, dass der BVKJ schon in der Amtszeit von Herrn Kollegen Gritz in den Jahren vor 2003 zusammen mit Herrn Kossow und dann im Jahr 2005 sogar mit einem schriftlichen Vorschlag immer wieder versucht hat, mit dem Deutschen Hausärzteverband eine Aufgabenteilung entsprechend der WBO im hausärztlichen Versorgungsbereich zu vereinbaren. Herr Eßer und ich waren deshalb am 25.08.2005 zu einem Gespräch in Ihrer damaligen Geschäftsstelle in Köln und haben mit Herrn Mehl und Herrn Kötzle eine Einigung angestrebt. Am 28.10.2005 haben wir uns nochmals mit Herrn Mehl, Herrn Kötzle und Herrn Conrad in Bad Orb getroffen und dort ein Diskussionspapier vorgelegt, das eine Aufgabenteilung im hausärztlichen Versorgungsbereich vorsah. Von Seiten Ihres Verbandes wurde zugesagt, dieses Papier in Ihrem Vorstand zu beraten und uns dann einen in Ihrem Verband abgestimmten Vorschlag zu unterbreiten. Darauf warten wir bis heute. Ich habe das mehrfach bei Herrn Kötzle angemahnt und mit ihm, aus meiner Sicht sehr kollegial, über die immer noch ungelöste Problematik gesprochen und war guten Mutes, dass wir ein gegenseitiges Einvernehmen erzielen könnten.

Wir kommen in der Diskussion um qualitätsgesicherte Versorgungsstrukturen für unsere Patientinnen und Patienten nicht umhin, zu definieren, welche Leistungen bei Kindern und Jugendlichen an eine abgeschlossene Weiterbildung im Fach Kinder- und Jugendmedizin gebunden sind. Die Führung des BVKJ findet bei ihren Mitgliedern keinerlei Verständnis, wenn sie sich nicht mit Nachdruck dagegen wehrt, dass Ärztinnen und Ärzte, die während ihrer Weiterbildung keine nennenswerten Zeiten im Fachgebiet Kinder- und Jugendmedizin abgeleistet haben, alle speziellen Leistungen dieses Fachgebiets uneingeschränkt abrechnen dürfen. Andere Fachgruppen nehmen das ebenfalls nicht hin.

Eine Stellungnahme des Deutschen Hausärzteverbandes, die die Unterschiede in der WBO auch ausreichend berücksichtigt, ist überfällig. Das haben wir auch immer im Beratenden Fachausschuss für die Hausärztliche Versorgung bei der KBV betont. Das auf die "Hausärzte-Zugehen" und mancher Kompromiss in diesem Fachausschuss haben uns bisher nur Nachteile gebracht, das sieht man ganz deutlich am EBM 2005 und jetzt auch bei den Beschlüssen zum EBM 2008, an denen Vertreter der Hausärzte maßgeblich beteiligt waren. Hier sind wir Kompromisse eingegangen, die die Grenze des Erträglichen weit überschritten haben.

Der Gesetzgeber hat mit dem GKV-WSG den Wettbewerb in der medizinischen Versorgung der Patienten ausdrücklich stärken wollen, gleichzeitig hat er mehr Qualität und Qualifikation gewünscht. Auch die Selbstverwaltungsorgane knüpfen seit vielen Jahren die Erbringung von Leistungen im GKV-Bereich an den Nachweis bestimmter Qualifikationen. So ist unser Fachgebiet seit Einführung des EBM 96 massiv beschnitten worden, weil wir angeblich nicht die nötigen Qualifikationen z.B. im Bereich der Diagnostik und Therapie von psychischen Auffälligkeiten und Störungen bei Kindern und Jugendlichen nachweisen können, obwohl wir ganz sicher eine entscheidende Rolle bei der Versorgung dieser Patienten spielen.

Im G-BA haben Sie selbst für Mindestmengen bei zahlreichen Leistungen gestimmt, um die Qualität zu sichern und den Vorgaben des Gesetzgebers zu entsprechen. Nur für die Versorgung von Kindern im hausärztlichen Versorgungsbereich soll dies alles nicht gelten?

Der Deutsche Hausärzteverband hat als erster Verband einen bundesweiten Vertrag mit der BEK abgeschlossen und steht bei zahlreichen weiteren Verträgen in direktem Wettbewerb mit den KVen, die er bei allen besonderen Verträgen ausschalten will. Er schließt sogar Verträge ab, die dem Gesamtsystem wichtige finanzielle Mittel entziehen. Auch die Altersgrenze von 18 Jahren ist seit einiger Zeit kein Tabu mehr.

Der BVKJ hat den im GKV-WSG vorgesehenen Wettbewerb aufgenommen und mit Kassen Verträge abgeschlossen, die im Wesentlichen die von unserem Verband entwickelten vier neuen Vorsorgeuntersuchungen (U7a, U10, U11, und J2) enthalten. Dies ist vom BMG offiziell (am 24.01.2008 durch Herrn Knieps im Rahmen einer Pressekonferenz bei Vorstellung des Vertrages mit der GEK) ausdrücklich begrüßt und als dem Wunsch des Gesetzgebers entsprechend bezeichnet worden. Die von uns geschlossenen Verträge sind "add on-Verträge" und gehen nicht zu Lasten der Gesamtvergütung.

Sie verbieten auch nicht, dass Allgemeinärzte ihre Patienten unter 18 Jahren einschließlich aller bisherigen Vorsorgeuntersuchungen bei Kindern und Jugendlichen weiterbehandeln können, sie verwehren ihnen nur den Zugang zu den vier neuen Untersuchungen U7a, U10, U11 und J2. Diese Untersuchungen haben neue Inhalte und verlangen eingehende Kenntnisse der kindlichen Entwicklung in ihren unterschiedlichen Phasen und Normierungen. Sie umfassen wesentlich mehr als die reine körperliche Untersuchung und dienen in erster Linie der primären Prävention und nicht der reinen Früherkennung von Krankheiten. Auch dies hat Herrn Knieps vom BMG am 24.01.2008 in Berlin ausdrücklich begrüßt wie vorher schon der parlamentarische Staatssekretär Kues vom BMFSFJ bei der Vorstellung des Vertrages mit der Deutschen BKK und der KKH am 29.11.2007 in Berlin. Wir finden also ausdrücklich Rückendeckung für unsere Verträge bei der Politik, die diese gesetzlichen Grundlagen geschaffen hat, die auch Ihr Verband im Interesse seiner Mitglieder umsetzt.

Ihr Hinweis auf die Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch Allgemeinärzte in Niedersachsen sollte doch im Einzelnen aufgeschlüsselt werden, dann relativieren sich die Zahlen, die auch Frau Goesmann beim Deutschen Ärztetag vorgetragen hat, doch erheblich.

Mir liegen genaue Analysen aus unterschiedlichen KVen vor. So kamen in Westfalen-Lippe auf einen Hausarzt im Jahr 2006 199 Kinder und Jugendliche bis zum 14. Lebensjahr, auf einen Kinder- und Jugendarzt allerdings 4.448. Bei den Kinderfrüherkennungsuntersuchungen einschließlich der J1 sehen die Unterschiede noch drastischer aus. Auf 219 Untersuchungen U1 bis J1 pro Kinder- und Jugendarzt kommt 1 Untersuchung aus dem gesamten Kinderfrüherkennungsspektrum pro Allgemeinarzt im Jahr! Wo bleibt hier die Qualitätssicherung durch Mindestmengen, wie sie vom G-BA immer wieder gefordert wird? Auch die Kassen sehen das ähnlich, wie sie in den Gesprächen mit uns betont haben.

Wie ich aus Niedersachsen weiß, sieht es dort ganz ähnlich aus, wenn man die plakativen Zahlen von Frau Goesmann einmal im Einzelnen analysiert. Auch aus Bremen kennen wir die Zahlen. Von den ca. 400 Allgemeinärzten in Bremen werden pro Jahr und Arzt 3 Kinderfrüherkennungsuntersuchungen abgerechnet, bei den 0-4-Jährigen haben die Allgemeinärzte in Bremen pro Quartal 11 Kontakte, jeder Kinder- und Jugendarzt rechnet in Bremen 24fach mehr J1-Untersuchungen ab als ein Hausarzt. In Hamburg rechnen nur 4 % der Hausärzte überhaupt Kinderfrüherkennungsuntersuchungen ab, auch Impfungen bei Kindern werden in Hamburg nur von 1/3 der Hausärzte abgerechnet. In Schleswig-Holstein kommen 85 % aller Kinder zu den Früherkennungsuntersuchungen in die Praxen der Kinder- und Jugendärzte, ja sogar bei der J1 liegt die Quote bei 83 %. Das ist die Versorgungsrealität. Auch Herr Kopetsch von der KBV hat uns darlegen können, dass es in Deutschland für unsere Patienten keine unzumutbar langen Entfernungen zur nächsten kinder- und jugendärztlichen Praxis gibt. Dort wo die Wege länger sind, gibt es auch weniger Patienten und nur wenige hausärztliche Praxen.

Zu den von Ihnen angeführten Hausbesuchen wollen wir uns nicht weiter äußern. Wie diese zustande kommen, wissen wir aus langjähriger Erfahrung beide. Mit medizinischer Notwendigkeit hat das in den meisten Fällen nichts zu tun. Viele Kinder und Jugendliche werden aufgrund der liberalen Handhabung durch Kassen und Selbstverwaltungsorgane gleichzeitig von Hausärzten und Kinder- und Jugendärzten betreut, da es manchmal eben einfacher ist, schnell beim Hausarzt ein Rezept mitzunehmen, als noch einmal beim Kinder- und Jugendarzt reinzuschauen. Auch das muss ja kein Streitpunkt sein und ist in der Mehrzahl unserer Verträge auch nicht ausgeschlossen. Wir wollen die freie Arztwahl in der Regelversorgung nicht in Frage stellen. Es geht bei unseren Verträgen um Zusatzleistungen außerhalb der Regelversorgung.

Zu unseren Fortbildungsveranstaltungen kommen so gut wie keine Allgemeinärzte, nicht einmal zu unserem jährlichen Kongress Jugendmedizin, der die Hausärzte doch besonders interessieren müsste. Auch der Fortbildungskatalog des Deutschen Hausärzteverbandes weist nur sehr wenige Fortbildungen aus dem Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin auf, in erster Linie Akutmedizin und Impfungen. Die wichtigen Themen der kindlichen Entwicklung in Sprache, Motorik, Sozialverhalten, der Probleme von Früh- und Mangelgeburten, der vielen Kinder mit chronischen Erkrankungen und dauerhaften Behinderungen, der besonderen Probleme der Jugendlichen aber auch der Präventionsleistungen in den einzelnen Alterstufen kommen so gut wie nicht vor, auch nicht in den allgemeinärztlichen Qualitätszirkeln. Daran sehen auch Außenstehende, welchen Stellenwert die qualifizierte Versorgung von Kindern und Jugendlichen bei Hausärzten hat. Es ist auch ganz unmöglich, die rasante Entwicklung der Kinder- und Jugendmedizin und die neuen Morbiditäten in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen neben den umfangreichen Aufgaben im Bereich der Erwachsenen und Senioren mit ihren besonderen Erkrankungen aufzunehmen und qualifiziert in der Praxis umzusetzen.

Die Akutversorgung von banalen Erkrankungen und die Sensibilität, schwere Erkrankungen rechtzeitig zu diagnostizieren und einer adäquaten Behandlung zuzuführen, müssen wir alle beherrschen. Das gilt auch für uns bei Erwachsenen. Fast alle Kinder- und Jugendärzte waren während ihrer Aus- und Weiterbildung oft mehrere Jahre in der Erwachsenenmedizin tätig und haben sich hier vielfältige Kenntnisse erworben, umgekehrt kann man das von der Mehrzahl der Hausärzte heute nicht mehr sagen, das ist auch Ihrem Verband bewusst. In vielen Weiterbildungsordnungen der Landesärztekammern ist die Ableistung fester Zeiten im Fach Kinder- und Jugendmedizin nicht mehr obligat. Das ist nun mal eine Tatsache und hat mit Diffamierung absolut nichts zu tun. Wir haben gegenüber Ihrem Verband, aber auch gegenüber der Bundesärztekammer hier unsere Unterstützung angeboten.

Den Vorwurf der "Diffamierung der niederländischen Kollegen" sollten Sie schon konkret belegen können, ich bin mir keiner entsprechenden Stellungnahme bewusst. Die Presseabteilung der KV Westfalen-Lippe hat allerdings im letzten Jahr darauf hingewiesen, dass niederländische Patienten in Westfalen-Lippe eine sehr gute medizinische Versorgung finden. Dieser Einschätzung haben sich unsere Landesverbände Nordrhein und Westfalen-Lippe in einer Pressemitteilung angeschlossen. Auch beim Kongress der ESAP im Oktober in Budapest, wo die europäischen Länder ihre Erfahrungen mit und ohne ambulante Kinder- und Jugendmedizin mit drastischen Beispielen einer völlig unzureichenden Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Ländern ohne eigenständige ambulante Kinder- und Jugendmedizin (England, die baltischen Staaten, Schweden, neuerdings auch Frankreich, Ungarn, Slowakei) geschildert haben, waren die Niederlande nicht mit dabei.

Sehr geehrter Herr Weigeldt, die Wettbewerbssituation im Gesundheitswesen ist gerade vom Deutschen Hausärzteverband in den letzten Jahren deutlich herausgestrichen worden. Wir haben die Möglichkeiten, die uns der Gesetzgeber gegeben hat, genutzt und werden unsere besondere Qualifikation in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen auch weiterhin im Wettbewerb deutlich machen. Das ist legitim, wir vertreten als BVKJ die Interessen unserer Mitglieder, wie Sie ja auch gezielt die Interessen der Hausärzte vertreten. Dass unser Erfolg, auch in der Wahrnehmung durch die Politik als vertrauenswürdige Sachwalter von Kinderrechten und Kindergesundheit, bei anderen Arztgruppen auch auf Unmut stoßen kann, wird nichts daran ändern, dass wir weiterhin für die Interessen der Kinder und Jugendlichen sowie ihrer optimalen Versorgung eintreten.

Wenn der Deutsche Hausärzteverband konstruktive Vorschläge für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auf der Basis der unterschiedlichen Weiterbildungsordnungen hat, sind wir gerne zu einem Gespräch auf Vorstandsebene bereit. Persönliche Angriffe halte ich nicht für geeignet, wieder ins Gespräch zu kommen.

Mit freundlichen Grüßen im Namen von Vorstand und Länderrat des BVKJ


Dr. Wolfram Hartmann, Präsident