Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

22.06.2006

36. Kinder- und Jugend-Ärztetag 2006 - Presseerklärung (2)

Der wesentliche Unterschied zwischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen besteht in der körperlichen und geistigen Entwicklung. Dabei werden alle regelhaften Entwicklungsfortschritte in entscheidendem Maße hormonell gesteuert. Da wie bei der kognitiven Entwicklung die Spannweite erheblich sein kann, sind Kenntnisse über die normalen und gestörten hormonellen Ereignisse von der Geburt bis zum jungen Erwachsenenalter Voraussetzung für sachliche ärztliche Entscheidungen.

Schilddrüsenerkrankungen gehören zu den häufigsten endokrinen Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters. Die Schilddrüsenhormone spielen in allen Altersgruppen eine wesentliche Rolle im Energiestoffwechsel und haben einen wichtigen Einfluss auf Wachstum und Entwicklung. Es gehört daher zu den wichtigsten Aufgaben des niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes auf die mannigfaltigen – oft allgemein und unspezifisch auftretenden - Symptome wie Leistungsschwäche, Appetitmangel, Haarausfall, aber auch seelische Befindlichkeitsstörungen zu achten und entsprechende diagnostische Schritte einzuleiten.
Obwohl sich in den letzten 15 Jahren die Jodversorgung in Deutschland deutlich verbessert hat, bleibt die mittlere Jodaufnahme der deutschen Bevölkerung in allen Altersgruppen noch unter der bedarfsgerechten Menge. Offenbar gibt es erhebliche regionale Unterschiede. Man kann davon ausgehen, dass je nach Altersgruppe 5-10% eine Schilddrüsenvergrößerung aufgrund grenzwertiger oder zu geringer Jodzufuhr aufweisen. Bei Neugeborenen ist die angeborene Struma selten geworden, doch besteht noch bei etwa 10% der neugeborenen Kinder ein Jodmangel mit verminderter Schilddrüsenhormonproduktion. Kontinuierliche präventive Maßnahmen sind daher sinnvoll.

Was macht den Mann zum Mann, die Frau zur Frau? Die sexuelle Differenzierung findet während der Embryonalentwicklung statt, die Reifung in Kindheit und Adoleszenz. Eine normale Entwicklung hat ein sehr weites Spektrum, dennoch gibt es auch krankhafte Beschleunigungen oder Verzögerungen der Pubertätsentwicklung. Im Kleinkindalter ist es besonders wichtig, rechtzeitig zu erkennen, ob die Hoden im Hodensack angekommen sind. Ist dies nicht der Falle drohen später Schäden, die sich auf die Fertilität des Mannes auswirken. Es liegt in der Verantwortung der Kinder- und Jugendärzte im zweiten Lebensjahr Behandlungsmaßnahmen einzuleiten, die den Hodenhochstand dauerhaft beseitigen. Ein flächendeckendes Vorsorgesystem zur Frühdiagnostik beim niedergelassenen Kinder- und Jugendarzt ist mit der Vorsorge U6 etabliert, zurzeit werden aber noch viel zu viele Jungen erst im dritten oder vierten Lebensjahr behandelt.

Tritt die Pubertät zu früh oder zu spät ein, hat das nicht nur erhebliche Auswirkungen auf das Längenwachstum, sondern auch auf die psychische Entwicklung und Sozialisation des Kindes. Es ist daher von grundlegender Bedeutung, Normvarianten und pathologische Entwicklungen der Pubertät und deren aktuelle Behandlungsmöglichkeiten zu kennen.

Noch nie war die Zahl der Teenagerschwangerschaften in Deutschland so hoch wie heute. Im Jahre 2003 wurden 6% der Schwangerschaftsabbrüche bei unter 18-Jährigen durchgeführt, der Anteil an Geburten lag etwa bei gut 1%. Nie hatte eine Generation einen einfacheren und umfassenderen Zugang zu Informationen und Medien, nie eine Generation aufgeklärtere Eltern als heute. Trotzdem geben nur 72% der Mädchen und 57% der Jungen an, schon einmal ausführlich über die Möglichkeiten der Verhütung beraten worden zu sein. Das Wissen über physiologische Abläufe im eigenen Körper, Empfängniszeitpunkt und Empfängnisschutz ist vielfach mangelhaft. Die empfehlenswerten Kontrazeptiva reichen neben Kondom und Pille zu neuen Entwicklungen mit Compliance-unabhängigen Methoden wie Vaginalring und Verhütungspflaster. Es ist auch Aufgabe des Kinder- und Jugendarztes mitzuarbeiten, die Kommunikation über dieses Thema zu verbessern, das Problembewusstsein zu erhöhen und damit mittelbar die Zugänglichkeit zu geeigneten Kontrazeptiva zu verbessern.

Strukturell wünschten wir uns im Bereich der niedergelassenen Kinder- und Jugendheilkunde eine stärkere Inanspruchnahme der seit Jahren angebotenen, aber leider noch viel zu selten genutzten Jugendgesundheits-Vorsorgeuntersuchung J1, so wie die Etablierung von „Jugendmedizinischen Sprechstunden“. Nur so ist eine flächendeckende Versorgung bezüglich der Frühdiagnostik von Pubertätsstörungen und der Prävention von Teenagerschwangerschaften zu erreichen.

Prof. Dr. med. Stefan Wirth
Wissenschaftlicher Leiter des 36. Kinder- & Jugend-Ärztetages 2006
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
HELIOS Klinikum Wuppertal
Universität Witten/Herdecke

Dr. med. Antonio Pizulli