Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

15.06.2007

(1) Presseerklärung anlässlich des Kinder- und Jugendärztetages 2007 des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V. am 15. Juni 2007 in Dresden

Statement Dr. Wolfram Hartmann, Präsident

Kinder- und Jugendärzte fühlen sich durch die 2006 und jetzt im Mai 2007 veröffentlichten Ergebnisse der KIGGS-Studie des RKI in ihrer Einschätzung der unzureichenden Unterstützung der besonderen Belange von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in Deutschland bestätigt. Auch wenn das Eintreten für das Wohl von Kindern und Jugendlichen seit einiger Zeit von Politikern aller Couleur und vielen gesellschaftlichen Gruppierungen in den Vordergrund vieler öffentlicher Aussagen gerückt ist, sieht die Realität nach wie vor nicht besonders rosig aus. Die UN-Kinderrechtskonvention von 1990 ist in Deutschland weiterhin nicht umgesetzt. Die kinder- und jugendärztliche Versorgung in Klinik und Praxis nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft ist durch Einschränkungen wie unzureichende Fallpauschalen im Krankenhaus (DRG), Budgets im ambulanten Versorgungsbereich, ständige Regressdrohungen und überbordenden Bürokratismus auf allen Ebenen massiv behindert.

Die Politik bürdet uns Pflichtvorsorgeuntersuchungen auf, um Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung einzudämmen, weigert sich aber trotz umfangreicher Vorarbeit des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte mit entsprechenden konkreten Vorschlägen, die gesetzlichen Vorgaben im SGB V (§ 26) zu den Kinderfrüherkennungsuntersuchungen so zu verändern, dass wir mit diesem Programm auch primäre Prävention betreiben und zeitliche Lücken schließen können. Auch die Krankenkassen haben sich noch nicht flächendeckend dazu durchringen können, zumindest in Modellversuchen Kinderfrüherkennungsuntersuchungen mit neuen Inhalten und anderen zeitlichen Vorgaben zu erproben und damit zu belegen, dass sie der primären Prävention gerade bei Kindern den ihr gebührenden Stellenwert zuweisen.

Im GKV-WSG wurden sie vom Gesetzgeber zwar verpflichtet, die Kosten für alle von der STIKO empfohlenen Impfungen zu übernehmen, aber bei der dringend erforderlichen Weiterentwicklung Früherkennungsuntersuchungen für Kinder und einer Sicherung einer hochwertigen medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen hakt es ganz erheblich. Ein wirksames Präventionsgesetz lässt nach wie vor auf sich warten. Kinder und Jugendliche haben aber keine Zeit, wenn ihre Zukunft gesichert werden soll. Versäumtes lässt sich in vielen Fällen gerade bei jungen Kindern nicht mehr nachholen.

Der BVKJ fordert deshalb weiterhin,

  • dass die Resolution aller Fraktionen des Deutschen Bundestages vom Juni 2002 zur Sicherstellung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen endlich umgesetzt wird,
  • die primäre Prävention gerade für die wichtige Gruppe der Kinder und Jugendlichen ausgebaut und Bestandteil der regulären medizinischen Versorgung wird,• dass gesetzlich versicherte Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren ebenso wie privat versicherte Anspruch auf von den Kostenträgern finanzierte Früherkennungsuntersuchungen haben,
  • dass man Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern nur mit Nachweis einer entsprechenden Weiterbildung im Fach Kinder- und Jugendmedizin abrechnen darf,
  • dass Jugendliche ab dem vollendeten 12. Lebensjahr einen Teil ihrer zum medizinischen Standard gehörenden Medikamente nicht aus eigener Tasche bezahlen müssen und somit der Chronifizierung von Erkrankungen Vorschub geleistet wird,
  • dass Kinder und Jugendliche entsprechend den Beschlüssen der Gesundheitsministerkonferenz vom November 1997 ausschließlich in entsprechenden Abteilungen stationär versorgt und von Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin und entsprechend qualifiziertem Personal betreut werden,
  • dass die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit seltenen und/oder chronischen Erkrankungen durch Spezialisten auf Dauer sicher gestellt ist,
  • dass wir Vertragsärzte für alle unsere Leistungen spätestens zum 01.01.2008 bundesweit gleich in festen EURO-Beträgen kostendeckend und nicht mit völlig unterschiedlichen Punktwerten für die gleiche Leistung honoriert werden und in vielen Fällen unsere Praxen nur noch durch Privateinnahmen über Wasser halten können,
  • dass wir nicht wegen der unzureichenden Finanzierung qualifizierte Mitarbeiterinnen entlassen müssen und keine Ausbildungsplätze anbieten können, obwohl das Gesundheitssystem die Branche mit den größten Wachstumschancen ist,
  • dass der zunehmende Nachwuchsmangel bei den Kinder- und Jugendärzten durch Schließung von Kinderkliniken und fehlender Förderung der Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Kinder- und Jugendärzte analog der allgemeinmedizinischen Weiterbildung endlich politisch wahrgenommen wird und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden,
  • dass der jugendmedizinische Dienst im Öffentlichen Gesundheitsdienst gerade angesichts der zunehmenden Aufgaben ausgebaut wird und man angesichts der zunehmenden Zahl von Kindesvernachlässigungen und Kindesmisshandlungen aufsuchende und vernetzte Gesundheitsfürsorge betreibt,
  • dass wir angesichts unseres makabren Status als Exportland für impfpräventible Erkrankungen in Europa ein nationales Impfkonzept entwickeln, in dem wir festlegen, mit welchen Mitteln wir die Vorgaben der WHO zur Ausrottung von Masern und Kinderlähmung bis 2010 erfüllen können, z.B. mit dem Nachweis vollständiger Impfungen gemäß den aktuellen Empfehlungen der STIKO vor Aufnahme in vorwiegend öffentlich finanzierte Gemeinschaftseinrichtungen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte hat sich gerade in den letzten Monaten auf allen Ebenen für das Wohl von Kindern und Jugendlichen eingesetzt,

  • für enge interdisziplinäre Netzwerke zur Früherkennung und Vermeidung von Kindesmisshandlung und –vernachlässigung, wobei verpflichtende Früherkennungsuntersuchungen und ein Ausbau sowie eine inhaltliche Neugestaltung des bestehenden Früherkennungsprogramms ein Teil dieses Präventionsnetzes sind,
  • für ein wirksames Konzept zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor legalen und illegalen Drogen,
  • für ein Verbot von höchst unfallträchtigen Lauflernhilfen für Kleinstkinder,
  • für einen Ausbau von qualifiziert geführten Betreuungs-, Bildungs- und Erziehungseinrichtungen für alle Kinder,
  • für einen wirksamen Schutz von Kindern vor den negativen Einflüssen übermäßigen Medienkonsums
  • für wirksame Präventionskonzepte zur Vermeidung der Adipositas mit all ihren schwerwiegenden Folgen durch Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung im Alltag der Kinder und Jugendlichen,
  • für eine klare Kennzeichnung gesunder und ungesunder Lebensmittel nach dem Ampel-Prinzip wie in England

Was unsere eigenen Zukunftschancen anbelangt, so finden viele Kolleginnen und Kollegen inzwischen keinen Praxisnachfolger mehr, regional, ganz besonders in den neuen Bundesländern, ist auch im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin mit zunehmenden Versorgungslücken zu rechnen.

Wir akzeptieren daher nicht, dass sich das Augenmerk der Politik fast ausschließlich auf die hausärztliche Versorgung der Bevölkerung durch Allgemeinmediziner richtet, dabei aber vergessen wird, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Besonderheiten der Entwicklung, der Erkrankungen und deren Therapie auch im hausärztlichen Versorgungsbereich am besten durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte versorgt werden. Deshalb müssen Kinder- und Jugendärzte in ihrer Zuständigkeit für die Altersgruppe bis zum vollendeten 18. Lebensjahr auch politisch wirksam gestärkt werden. Kooperationsmodelle mit Allgemeinärzten sind besonders in der Fläche durchaus denkbar und sinnvoll. Auch die Akutversorgung von Kindern und Jugendlichen muss wohnortnah in Zusammenarbeit mit den Hausärzten gesichert werden, aber die spezifische pädiatrische Versorgung (Vorsorgeuntersuchungen, Frühgeborene, Risikokinder, Entwicklungsstörungen, chronisch-kranke Kinder und Jugendliche, seltene Erkrankungen u.a.) gehört in die Hände von entsprechend weitergebildeten Kinder- und Jugendärzten.

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident BVKJ