Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ) kritisiert sowohl die Forderungen der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. zur Ausweitung der Rolle von Apotheken in der Primärversorgung als auch die unsensible Kommunikation von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken im Zusammenhang mit der geplanten Pflegereform.
In einem vor zwei Tagen veröffentlichten Positionspapier skizziert die ABDA zahlreiche neue Aufgabenfelder für Apotheken, die weit über die bereits eingeführten pharmazeutischen Dienstleistungen hinausgehen. Dazu zählen unter anderem die stärkere Einbindung in die Ersteinschätzung von Patient*innen, die Ausweitung von Präventionsangeboten wie z. B. Impfungen, telemedizinische Leistungen sowie eine einfachere Kostenübernahme für rezeptfreie Kinderarzneimittel im Notdienst. Der BVKJ sieht diese Vorschläge kritisch.
Dr. Michael Hubmann, Präsident des BVKJ, erklärt: „Es ist uns völlig unverständlich, dass die Apothekerschaft kurz nach der Erhöhung des Apothekenfixums behauptet, sie könnten Kosten im Gesundheitssystem einsparen, indem sie weiter niedrigschwellige, bisher nicht existente Bezahlungs- und Betreuungsangebote auf den Weg bringen. Einerseits wird seit Jahren das Apothekensterben beklagt, andererseits wird suggeriert, die verbleibenden Apotheken könnten ihr Leistungsspektrum mal eben deutlich ausweiten. Das ist nicht glaubwürdig. Und überhaupt: In Regionen, wo Arztpraxen sterben, wird es erst recht keine Apotheken mehr geben. Die Herausforderungen der Primärversorgung werden sich nicht durch eine bloße Verlagerung von Aufgaben lösen lassen.“
Auch die geplante Pflegereform stößt beim Verband auf deutliche Kritik. In den gestrigen ARD-Tagesthemen hatte Ministerin Warken erklärt: „Wir wollen einen stärkeren Fokus auch auf Prävention legen, also die Vermeidung von Pflegebedürftigkeit.“ Die Aussage fiel unmittelbar nach einem Einspieler über eine Familie, die ihre 29-jährige behinderte Tochter zu Hause pflegt – aus Sicht des BVKJ ein schwerwiegender politischer Fehlgriff.
„Der Auftritt der Ministerin in den Tagesthemen war schon bemerkenswert“, so Hubmann. „Angehörigen von Kindern mit Behinderungen zu suggerieren, Pflegebedürftigkeit lasse sich durch Prävention vermeiden, ist schon ein starkes Stück. Prävention ist wichtig und kann dazu beitragen, Erkrankungen vorzubeugen und Gesundheit zu fördern. Sie kann jedoch weder angeborene Behinderungen noch die demografisch bedingte Zunahme von Pflegebedürftigkeit im Alter verhindern.
Natürlich steht die Ministerin vor der schwierigen Aufgabe, die Ausgaben im Gesundheits- und Pflegesystem zu begrenzen. Dafür habe ich Verständnis. Nicht jedoch dafür, wenn notwendige Einsparungen ausgerechnet zulasten derjenigen diskutiert werden, die ohnehin auf besondere Unterstützung angewiesen sind. Fragwürdig finde ich auch, dass eine jahrzehntelange Reform mit so weitreichenden Folgen ausgerechnet an einem Feiertag vorgestellt wird. Das zeigt mir mal wieder deutlich, wie das BMG arbeitet.“