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Nachruf auf ehemaligen BVKJ-Präsidenten Dr. Wolfram Hartmann

Nachruf

Mit Wolfram Hartmann ist eine große Persönlichkeit der Deutschen Pädiatrie im Alter von 81 Jahren gestorben. Wir trauern um einen Menschen, der sich um die Kinder- und Jugendmedizin in hohem Maße verdient gemacht hat.

Als junger Pädiater 1975 Mitglied des Berufsverbandes der Kinder- und JugendärztInnen Deutschlands geworden machte er zunächst seinen berufspolitischen Weg als Obmann (1978-2003), als Mitglied und Sprecher des Honorarausschusses (1993-2003), als Vorstandsmitglied (1993-2003) und zuletzt 12 Jahre lang als Präsident des BVKJ (2003-2015).

Sein berufspolitischer Werdegang war in den ersten Jahren eher auf der gewerkschaftlichen Seite des Berufsverbandes zu finden. Unvergessen sind seine unzähligen Vorträge zur Honorarpolitik und seine dezidierte kritische Stellungnahme zu vielen Leistungsziffern. Er bestach durch sein großes Wissen um die gesundheitspolitische Diskussion im Allgemeinen und die Positionen der Ärzteschaft im Konkreten zu manchen dieser Ziffern und konnte daher die nicht nur den ärztlichen, sondern auch die politischen Hintergründe bestimmter Leistungshonorierungen punktgenau erläutern. Seiner Hartnäckigkeit und seinen fundierten Kenntnissen auch bei komplexen Honorarfragen, die zunehmend auch bei Gesundheitspolitikern und bei den Krankenkassen hohe Anerkennung fand, ist es zu verdanken, dass die Pädiater die Rote Laterne innerhalb der ärztlichen Einkommensskala während seiner Amtszeit abgeben und sich einkommensmäßig stetig verbessern konnten.

Mit Beginn seiner BVKJ-Präsidentschaft wandelte sich sein wirtschaftspolitischer Schwerpunkt hin zu kinderpolitischen Themen. Im damaligen Vorstand gab es viele KollegInnen, die Themen wie Kinderrechte und Chancengleichheit in die Diskussion einbrachten. Wolfram Hartmann erkannte früh die damit verbundene Möglichkeit, den BVKJ nicht nur als vornehmlich wirtschaftlich orientiertes Interessensorgan in die gesundheitspolitische Debatte einzubringen. Der BVKJ wurde im Folgenden mehr und mehr als höchstseriöser Berater in vielen die Kindergesundheit betreffenden Fragen wahrgenommen, fast schon als moralische Instanz. Kinderrechte und Chancengleichheit waren neben den gängigen Themen der jeweils aktuellen pädiatrischen Berufspolitik, bei denen sich Hartmann als BVKJ-Präsident stets hörbar und für das gesundheitspolitische Umfeld nachvollziehbar zu Wort meldete, jetzt die beherrschenden Themen der von ihm vertretenen politischen Kindermedizin.

Er war ein Vorreiter im Kampf um die Kinderrechte in Deutschland und kritisierte zum Beispiel die in seinen Augen falsche Unterstützung der Politik in der Frage der nicht-medizinisch begründeten Jungenbeschneidung. Für ihn war sie eine Menschenrechtsverletzung. Er setzte sich für die Kinder aus sozioökonomisch bedrängten Verhältnissen ein, die – ausgestattet mit den gleichen Talenten und Fähigkeiten wie andere Kinder – durch eine mangelhafte frühkindliche Entwicklungsanregung ihre angeborenen Möglichkeiten nicht rechtzeitig entfalten können und zu einem viel zu großen Teil den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Ein, wie er sagte, Unglück für die Kinder und die Gesellschaft, die ihre Talente nicht nutzen kann. Hartmann war der erste BVKJ-Präsident, der diese Ungleichgewichte klar benannte und sich dazu auch bekannte – trotz zum Teil heftigen Gegenwinds in den eigenen Reihen.

2015 ging die zwölfjährige Ära der BVKJ-Präsidentschaft von Wolfram Hartmann zu Ende, die den Weg und das Renommee des Berufsverbands wie nie zuvor geprägt hat. Das berufspolitische Standing des BVKJ, der in der Berliner Gesundheitspolitik wie auch auf Verbändeebene seither eine nicht mehr zu vernachlässigende Größe geworden ist, trug in dieser Zeit und lange danach seinen Namen. Er war in diesen Jahren das prägende Gesicht unseres Berufsverbandes, wenn nicht sogar der Pädiatrie in Deutschland. Und ein berufspolitisches Schwergewicht, ein Türöffner, eine Autorität, die gehört wurde im politischen Berlin. In seine Amtszeit fiel auch der Abschluss der ersten – heute im Honorargefüge eines Pädiaters kaum mehr wegzudenkenden - Selektivverträge unseres Verbandes und die Gründung der BVKJ-Service GmbH.

Er hatte eine Verlässlichkeit und schier unbeugbare Geradlinigkeit, die manche seiner politischen Opponenten zur Verzweiflung bringen konnte: Nicht immer ganz einfach im Handling, mitunter auch mal mürrisch, aber immer berechenbar. Jemand, der fest hielt an einmal erkannten Wahrheiten und Entscheidungen und auf Kurs blieb bei einmal gefassten Beschlüssen. Kein biegbarer, allzu schmiegsamer Geist, sondern ausgestattet mit einer klaren Richtschnur und einem gesunden Kompass für die Pädiatrie und die Kindergesundheit. Darüber hinaus eine fast schon gerichtsverwertbare intellektuelle Instanz, mit gesundem Rechtsempfinden und obendrein der beneidenswerten Gabe ausgestattet, aus dem Archiv eines Elefantengedächtnisses schöpfen zu können.

Er war offen und ehrlich, wahrhaftig und bewegt von der Sache und nicht von persönlichen Eitelkeiten und dem Drang nach Selbstbestätigung. Er war als Präsident und Persönlichkeit ein echtes Vorbild, einer der voranging und dem man gerne folgte – aus Überzeugung, gewonnen aus seiner klaren Argumentation und seiner geraden Haltung. Er war sicher eine herausragende Persönlichkeit, die die politische Kindermedizin in Deutschland geprägt hat.

Hinter der eisernen Verbandsräson und -disziplin, die er stets auch mit seiner überkorrekten Kleidung mit Krawatte verkörpert hat, verbarg sich ein sensibler, verletzbarer und hochintelligenter Mensch mit großer Wachheit und Offenheit, einem feinen Sinn für Humor, aber auch mit sichtbaren Zeichen der Einkehr und des Zweifels, wenn es Konflikte und Brüche gab.

In den letzten Jahren hat ihn, selbst schwer erkrankt, der Tod seiner Frau Gisela, die er zuhause bis zu ihrem letzten Tag gepflegt hat, tief getroffen und seinen zuvor unverwüstlichen Lebensmut arg geknickt. Dennoch war er bis zuletzt in Videokonferenzen in dem von ihm mitbegründeten Deutschen Kinderbulletin mit dabei, wenn es um den Themenbereich und die Verbesserung der Lebenssituation sozial benachteiligter Kinder ging.

2016 wurde Wolfram Hartmann Ehrenpräsident des Berufsverbands der Kinder- und JugendärztInnen auf Lebenszeit. Für sein soziales Engagement über verbands- und parteipolitische Grenzen hinweg wurde ihm im gleichen Jahr vom damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen, eine Ehrung, die bisher nur einer kleinen Anzahl von Pädiatern zuteilwurde.

 

Ulrich Fegeler und Klaus Rodens