Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

17.06.2004

Warum leiden Kinder zunehmend an Allergien?

Allergien bei Kindern und Erwachsenen sind ein zunehmendes Problem. Sie sind chronische Erkrankungen und gehören zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Nach dem aktuellen "Weißbuch Allergie in Deutschland" vom Februar 2004 hat der Anteil der Kinder mit Asthma-Symptomen von 1995 bis 2000 von 10% auf 13% zugenommen, derjenige mit Heuschnupfen von 13% auf 16%. Während die Allergierate bei Kindern im Osten vor der Wende für Asthma und Heuschnupfen deutlich niedriger lag, hat diese sich nun dem hohen Niveau im Westen angeglichen.

Allergien entstehen aufgrund einer genetischen, d. h. erblichen Disposition. Leiden beide Eltern an Heuschnupfen oder an einer anderen allergischen Erkrankung, hat das Kind eine Chance von 70%, ebenfalls an einer Allergie zu erkranken. Es besteht jedoch kein Zweifel, dass auch Umweltfaktoren für die Ausbildung von allergischen Erkrankungen entscheidend sind. Während bei Ost- und Westdeutschen, die vor 1960 geboren wurden, in den 90er Jahren gleich häufig Allergien beobachtet wurden, nahm die Häufigkeit bei jüngeren Westdeutschen deutlich zu, was darauf hindeutet, dass sich im Westen ab den 60er Jahren etwas veränderte, was die Entwicklung allergischer Erkrankungen begünstigt. Für diese Entwicklung sind am ehesten Einflüsse des westlichen Lebensstils zu diskutieren.

Die häufigsten Umweltfaktoren für die Auslösung und Unterhaltung einer Allergie sind mit der Luft übertragene Allergene, die meist natürlichen Ursprungs sind. Von großer Bedeutung sind die Innenraumallergene von Hausstaubmilben und Haustieren, vor allem Katzen.

Die Ursachen für die Zunahme allergischer Reaktionen sind höchst wahrscheinlich durch die Lebensverhältnisse "hausgemacht". Eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit (ca. 60%), häufig mit veranlasst durch verbesserte Wärmeisolierung und stabil hohen Temperaturen durch Zentralheizungen, begünstigt das Wachstum der Milben. Je höher die Milbenallergenbelastung in den ersten Lebensjahren ist, desto eher entwickeln sich allergische Beschwerden. In den Zeiten von Frau Holle gab es dies nicht, da die Betten noch regelmäßig bei kühlen Temperaturen gelüftet wurden. Katzenkontakt während des ersten Lebensjahres ist der wichtigste Faktor für die Entwicklung einer so genannten Katzenhaarallergie. Inzwischen können die "klebrigen" Allergene nicht nur in Haushalten gefunden werden, in denen Katzen leben, sondern auch in öffentlichen Gebäuden und öffentlichen Verkehrsmitteln.

Die wichtigsten Allergene der Außenluft sind Pollen, die jahreszeitlich abhängig von Bäumen, Gräsern und Kräutern gebildet werden. Um in den Atemwegen allergen wirken zu können, müssen die Pollenallergene zuvor aus den relativ großen Pollen freigesetzt werden. Schadstoffpartikel, insbesondere kleinpartikuläre Dieselverbrennungsrückstände, begünstigen dies. Außerdem steigern eingeatmete Russpartikel eindeutig die Entzündungsreaktion bei Allergikern. Gleiches gilt für Ozon und Stickstoffdioxid (NO2). Die Zunahme von Allergien gegen die natürlichen Pollen lässt sich also auch durch die Industrialisierung erklären.

Nach Schätzungen der amerikanischen "Food and Drug Administration" (FDA) sind etwa 50.000 Chemikalien im Alltagsleben verbreitet, mit denen die Bevölkerung oft unausweichlich in Kontakt kommt und die in Arzneimitteln, Nahrungsmitteln, Kosmetika, Textilien usw. zu finden sind. Nachweisbar lösen Substanzen wie Nickelsulfat (Schmuck), Isozyanate (Lack, Schaumstoffe, Klebstoffe, Isolierstoffe) oder Para-Phenylendiamin (PPD) kontaktallergische Reaktionen aus. Besonders häufig entstehen Allergien nach Kontakt mit PPD. Diese Chemikalie findet sich nicht nur in dunkel gefärbten Stiefeln, Pelzen oder Kleidungsstücken, sondern auch in abgedunkeltem Henna, das bei Tattoos auf oder direkt in die Haut gelangt. Im Gegensatz zu Kosmetika sind die Farbstoffe, die für Tätowierungen benutzt werden, leider noch nicht auf ihre Unbedenklichkeit geprüft. Immerhin verbleiben bei Tattoos verwendete Substanzen ein Leben lang im Körper.

In der industrialisierten Gesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten gleichzeitig die Gefahr von Infektionskrankheiten abgenommen. Kinder sterben in den Industrieländern an den so genannten Kinderkrankheiten fast nicht mehr. Dafür haben vor allem die Impfungen gesorgt. Bakterien und Viren werden mit allen Mitteln erfolgreich bekämpft, zum Beispiel durch Antibiotika oder durch den Gebrauch von Kühlschränken und Tiefkühltruhen. Ein Säugling oder Kleinkind ist gesund, wenn es infektionsfrei bleibt. Mütter sind in Panik, wenn ihr Kind Schnupfen, Durchfall oder Fieber hat.

Untersuchungen der vergangenen Jahre haben übereinstimmend gezeigt, dass Kinder aus kinderreichen Familien oder Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, deutlich seltener Allergien aufweisen als Einzel- oder Stadtkinder. Nach einer kürzlich in dem angesehenen medizinischen Fachblatt "Journal of Allergy and Clinical Immunology" veröffentlichten Studie erkranken Kinder, die in der Säuglingszeit öfters fieberhafte Infekte durchgemacht haben, deutlich weniger an Allergien. Für die hieraus abgeleitete Hygienehypothese ("Schmuddeltheorie") spricht vieles. Bis nach der Geburt bzw. bis in die frühe Säuglingszeit hinein ist die Reaktionsweise des noch reifenden Immunsystems aufgrund bestimmter Immunzellen auf allergische Reaktion programmiert. Erst durch Kontakt so gennanter T-Zellen mit Umweltantigenen (Erregern) verändert sich das Immunsystem in Richtung einer normalen Reaktion, die für die Bekämpfung von Infekten unerlässlich ist. Auch das Immunorgan braucht Training wie Gehirn, Kreislauf oder Muskeln.

Von vielen Stadtkindern wird diese immunologische Reaktionsform nur noch unvollkommen erreicht. In den ostdeutschen Krippen war dies vor der Wende nicht der Fall, da die betreuten Säuglinge alle gemeinsam die üblichen Infektionen durchmachten. Auch gibt es in der Stadt keine Kühe, die in ihrem Stuhl reichlich Bakterien mit Lipopolysaccharid-(LPS-)Antigenen haben, die ebenfalls die Entwicklung eines normalen Immunsystems fördern. Vielleicht ist doch das Kleinkind mit der Rotznase, das auf dem Misthaufen spielt, das gesündeste?

Wenn man also etwas gegen die zunehmende Häufigkeit von Allergien im Kindesalter tun will, müssen eine ganze Reihe von präventiven Maßnahmen (Vorsorge) unternommen werden: Es reicht nicht, Schadstoffimmissionen anzuschuldigen. Auch die häuslichen Lebensverhältnisse müssen geändert werden.

Professor Dr. Hermann Schulte-Wissermann, Krefeld
Wissenschaftliche Leitung, Deutscher Kinder- und Jugend-Ärztetag 2004