Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

23.03.2004

Wachsende Gesundheitsgefährdung vieler Kinder und Jugendlicher fordert durchgreifende Veränderungen

Angesichts einer spürbar wachsenden Gesundheitsgefährdung vieler Kinder und Jugendlicher durch falsche Ernährung, Sucht, Schul- und Familienstress sowie übermäßigem Fernsehkonsum schlagen die Kinder- und Jugendärzte Alarm. Es kann nicht angehen, dass eine immer älter werdende Gesellschaft tatenlos zusieht, wie ausgerechnet große Teile der Jugend dabei sind, ihr eigenes Leben und damit auch die Zukunft unserer Gesellschaft zu zerstören.

Natürlich sind Eltern, Kindergärten, Schulen und Pädiater als Erstes gefordert, dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten. Aber ein großer Teil der Probleme ist auf die veränderten Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft zurückzuführen. Selbst durch noch so umfassende Maßnahmen der Gesundheitserziehung und ärztlichen Beratung, die sicher weiter ausgebaut werden müssen, lassen sich keine durchgreifenden Veränderungen erreichen. Deshalb ist dringend zusätzlich energisches politisches Handeln erforderlich. Es gibt eine Reihe von Beispielen, bei denen staatliche Maßnahmen das Verhalten von Bürgern positiv beeinflussen bzw. Gesundheitsrisiken mindern konnten: Sicherheitsgurte im Auto, AIDS-Prävention, Reduzierung von Tabakwerbung und Nichtraucherschutz am Arbeitsplatz, Reinhaltung von Luft und Wasser, Seuchenbekämpfung oder BSE-Eindämmung.

Zur Förderung der Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen fordern die Kinder- und Jugendärzte dazu auf, folgende Maßnahmen vordringlich umzusetzen:

  • Verbot von Alkohol- und Tabakwerbung sowie Sponsoring
  • Verbot der Werbung für ungesunde Lebensmittel im Fernsehen
  • überwachte Zugangsbeschränkungen für Alkohol und Nikotin
  • Abbau aller Zigarettenautomaten
  • kein Alkohol an Tankstellen
  • Steueraufschläge für Alkohol-Mixgetränke
  • Alkohol- und Tabakpfennig für den Ausbau der primären Prävention
  • Erstellung von Programmen zur Förderung körperlicher Aktivität: Fahrradwege, Spielareale, Tempo 30 in den Städten, Ausbau des Freizeitsports
  • gesunde, rauchfreie Schulen
  • kein Verkauf von zuckerhaltigen Getränken und Snacks in den Kiosken der Schulen
  • flächendeckende Gesundheitserziehung auf der Basis von Lebenskompetenzprogrammen.

Wir übertreiben keinesfalls mit solchen Forderungen. In einem aktuellen Bericht der British Medical Association wird die "Teenager-Gesundheit" sogar als "tickende Zeitbombe" bezeichnet. Dafür gibt es zahlreiche Belege:

Die häufigste ernährungsabhängige Gesundheitsstörung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist heute das Übergewicht. Davon ist mittlerweile jedes sechste Kind betroffen.
7 bis 8% aller Kinder und Jugendlichen leiden an regelrechter Fettleibigkeit (Adipositas). Diese Zahlen sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen: Bei Schulkindern in Jena hat sich der Anteil der Übergewichtigen von 1975 bis 1995 verdoppelt. Folge dieser Entwicklung ist ein vermehrtes Auftreten von Typ 2-Diabetes, von orthopädischen, Herz-Kreislauf- sowie anderen Erkrankungen.

Der jüngst veröffentlichte WHO-Jugendgesundheitssurvey berichtet, dass im Alter von 15 Jahren bereits 32,2% der Jungen und 33,7% der Mädchen Raucher sind, das Einstiegsalter hat sich um etwa ein halbes Jahr nach vorne verlagert. Auch Alkohol wird immer früher konsumiert, insbesondere ist die Quote der Rauscherfahrenen (mehr als 2-mal im Leben) gestiegen: In NRW innerhalb von 8 Jahren bei 15-Jährigen von 34 auf 44% (Jungen), bzw. 26 auf 34% (Mädchen). Cannabis ist als "dritte Alltagsdroge" bereits von 28% der 15-jährigen Jungen und von 20% der gleichaltrigen Mädchen ausprobiert worden.

Folge dieser Entwicklung sind die Zunahme von Suchtkarrieren sowie Gesundheitsschäden wie Depressionen, Krebs, kardiovaskulären, pulmonalen, Leber- und anderen Erkrankungen.

Im gleichen Jugendgesundheitssurvey wird auch davon berichtet, dass zwar die überwiegende Mehrzahl von Kindern und Jugendlichen sich als gesund betrachtet, dass aber neue gesundheitliche Beeinträchtigungen wie chronische und psychosomatische Erkrankungen in den Vordergrund rücken und einen erhöhten präventiven Handlungsbedarf bedingen. Dazu gehören vor allem Kopf- und Rückenschmerzen sowie Schlafstörungen, die sowohl mit vermehrten Schulproblemen als auch mit überdurchschnittlichem Fernsehkonsum zusammenzuhängen scheinen. Besonders gefährdet sind Jugendliche aus niedrigeren sozialen Schichten.

Diese Entwicklungen müssen gestoppt werden. Gefordert sind alle gesellschaftlichen Gruppen. Vor allem aber kann es nicht länger hingenommen werden, dass die Politik wegschaut und konsequentes, gesetzliches Handeln verweigert. Die Initiative eines Gesetzes zur Verbesserung des Schutzes junger Menschen vor Gefahren des Alkohol- und Tabakkonsums, dessen erste Lesung am 11.3.04 im Bundestag erfolgte, ist immerhin ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Kinder- und Jugendärzte fordern die Abgeordneten in den Ausschüssen auf, den Gesetzentwurf ohne weitere Verzögerungen zu verabschieden. Es ist wissenschaftlich umfassend nachgewiesen, dass die Einflussnahme auf Preis und Verfügbarkeit von Suchtmitteln wirksam ist. Versuchen der Alkoholindustrie, sich mit der Finanzierung eines so genannten Präventionsprogramms der Verantwortung zu entziehen, muss energisch entgegengetreten werden."