Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

14.05.2009

„Säuglinge im Big-Brother-Haus“

„Wir Kinder- und Jugendärzte sehen eine Grenze des Fernsehvoyeurismus überschritten, wenn Säuglinge dafür herhalten sollen, vor laufenden Kameras als Versuchskaninchen für die Beurteilung der Erziehungs- bzw. Versorgungsversuche von Teenies zu dienen“, empört sich Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland. „Mit solch einem Sendeformat lässt sich das Problem von Teenie-Schwangerschaften nicht lösen,“

Hartmann bezieht sich auf eine im Juni von RTL beabsichtigte Ausstrahlung einer so genannten Doku-Soap nach Big-Brother-Vorbild, in der 4 Teenagerpärchen mit Kinderwunsch das „wahre“ Leben und ihre Fähigkeiten zur Versorgung eigener Kinder testen sollen. Unter anderem überlassen ihnen fremde Familien (wahrscheinlich gegen ein sattes Honorar) für 4 Tage ihre Säuglinge zur ganztägigen Versorgung. Über Kameras haben sie zwar einen ständigen Überblick über das Geschehen und können notfalls eingreifen, wenn die Teenies sich ungeschickt anstellen. „Was hier aber dem voyeuristischen Publikum als Abendspaß erscheint, ist für die Säuglinge eine Belastung mit möglichen Spätfolgen.“

Denn in der wichtigen frühkindlichen Phase des Bindungsaufbaus zwischen Säugling und Mutter können nicht sorgfältig vorbereitete, plötzliche Veränderungen der Bezugspersonen, die dazu noch unbeholfen im Umgang mit diesen jungen Erdenbürgern sind, möglicherweise zu nachhaltigen Störungen im Aufbau des so genannten Urvertrauens führen, die später wiederum Anlass zu einem eigenen gestörten Aufbau von Bindungen und Vertrauen sind. „Leichtfertig werden hier zum „Quotemachen“ und zur günstigen Platzierung von Werbeblöcken fragile Bezugssysteme zwischen Säugling und Familie aufs Spiel gesetzt“, so Hartmann.

Hartmann appelliert an das Verantwortungsbewusstsein bei RTL und fordert im Namen der Kinder- und Jugendärzte einen Verzicht auf die Ausstrahlung der Sendung. Der Umgang von Medien mit Säuglingen und Kindern darf sich nur an Aspekten des Kindeswohls ausrichten und muss das Selbstbestimmungsrecht, das auch ein Säugling und ein Kleinkind haben, sorgfältig beachten.