Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

13.06.2014

Prof. Dr. K. M. Keller: Presseerklärung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zum 44. Kinder- und Jugendärztetag vom 13. bis 15. Juni 2014 in Berlin

Prof. Dr. med. Klaus M. Keller, Wissenschaftliche Leitung

Das diesjährige Schwerpunktthema des BVKJ ist die Umweltmedizin.

Uns Pädiatern ist sicher klar, dass Umwelteinflüsse im weitesten Sinne entscheidend sind für die gesunde Entwicklung der uns anvertrauten Kinder. Auch auf diesem Gebiet, Umwelt und Kindergesundheit, müssen wir uns wieder einmal als Advokaten, als Anwälte der Kinder und Jugendlichen begreifen. Im kleinen (Kind in Familie, Tagesstätte, Kindergarten, Schule) und im großen Kontext (Kind in Stadt, Land; Politik) müssen wir unerschütterlich und kontinuierlich unsere fachliche Expertise einbringen, um Gefahren für die Gesundheit der Kinder früh zu erkennen, nach Möglichkeit zu vermeiden, bzw. abzuschaffen oder zu verbessern.

Es war uns wichtig, bei der Präsentation der ausgewählten Themen auf ausgewiesene Fachleute zurückzugreifen und Fakten darzustellen. Umweltmedizin hat – vielfach von den Medien reißerisch so transportiert – immer noch häufig den Beigeschmack von Spinnerei, Esoterik und „alternativen“ Denkweisen, so dass die Gefahr besteht, Hysterie und Ängste zu schüren. Das wollen wir unbedingt vermeiden.
Es gibt einerseits sehr erfreuliche Erkenntnisse wie z.B. die, dass die Schadstoffbelastung der Muttermilch in unseren Breiten über die letzten Jahrzehnte rückläufig ist.

Andererseits macht uns die hohe Nikotinexposition der Kinder Sorge. Wir wissen, dass Kinder altersabhängig empfindlicher als Erwachsene auf schädliche Umwelteinflüsse reagieren: Beispiele sind die relativ dünne Haut und große Körperoberfläche junger Kinder und die Gefahren der UV-Strahlung oder die Nikotinexposition von Kindern bereits in utero (Risiko SGA, spätere Adipositas etc.) und im Säuglings- und späteren Alter (Risiko SIDS; Otitis, Bronchitis etc). Im Kinderumweltsurvey 2003-2006 stellte das Umweltbundesamt an 1800 Kindern fest, dass jedes zweite der untersuchten 3 – 14 Jahre alten Kinder mit mindestens einer Person zusammenlebt, die raucht! KiGGs Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. RKI (Hrsg). Berlin. 5.10.12
www.kiggs-studie.de

Sicher wird Dr. Matthias Brockstedt in seinem Vortrag auch zur E-Zigarette Stellung beziehen. Ist das wirklich nur eine Entwöhnungshilfe oder auch gerade für Jugendliche eine Einstiegsdroge? Das Suchtpotential der E-Zigarette wird laut einem kürzlich erschienenen Übersichtsartikel im DÄB als extrem niedrig eingestuft: Nowak et al Dtsch Ärztebl Int 2014; 111: 349-355. DOI: 10.3238/arztebl.2014.0349

Erschwert die E-Zigarette die Prävention?

Die Geschwindigkeit der Nikotinanflutung im ZNS nach Inhalation liegt bei der E-Zigarette im Minutenbereich ganz im Gegensatz zu 20 Sekunden bei der konventionellen Zigarette. Der Schadstoffgehalt im Dampf der E-Zigarette liegt um den Faktor 9 bis 450 niedriger als bei der konventionellen Zigarette. So weit so gut!
Es wird davon ausgegangen, dass der Marktanteil von E-Zigaretten wachsen wird. Mit einer Werbung für „gesündere Zigaretten“ könnten Jugendliche angeworben werden und damit unsere ärztlichen Bemühungen der Tabakprävention bei Jugendlichen konterkariert werden. Es müsste dann nur noch die Kinetik der Nikotinfreisetzung beschleunigt werden, um den „Kick“ der konventionellen Zigaretten zu erreichen, und wir Pädiater haben keine Chancen mehr mit unserer Präventionsarbeit. Es sei denn, die Politik unterstützt wirklich den pädiatrischen Präventionsauftrag durch entsprechende gesetzliche Restriktionen und Verbote.

Wenn wenn die Sicherheit der Arbeitsplätze in der Zigarettenindustrie - ganz ähnlich wie die in der Nahrungsmittelindustrie - Vorrang hat vor der Gesundheit unserer Kinder, können wir Kinder- und Jugendärzte vergeblich gegen Tabakmissbrauch ankämpfen.
Beim Thema „Belastung durch Feinstäube und Autoabgase in den Großstädten“ kommt auch die „Umweltgerechtigkeit“ zur Sprache: Im Kinderumweltsurvey 2003 – 2006 zeigte es sich, dass sozial Benachteiligte häufiger an stark befahrenen Straßen wohnen und dort Lärm und Autoabgasen stärker ausgesetzt sind.

Schaden Interessen der Tierindustrie die Gesundheit von Kindern?

Neben weiteren angesprochenen Themen zur Belastung durch Lärm und elektromagnetische Strahlen, Schimmelpilze, schlechte Luft in Schulen und Tagesstätten und durch den Klimawandel veränderte Exposition von Allergenen und Infektionserregern möchte ich ein anderes „heißes Eisen“ hier und heute herausgreifen: „Folgen von Antibiotika in der intensiven Nutztierhaltung und Auswirkungen auf Mensch, Tier und Umwelt.“ Dies ist ein möglicherweise in der Vergangenheit gänzlich unterschätztes Thema:
Ökonomischen Interessen der Tierindustrie steht die Gesundheit unserer Kinder gegenüber, die durch unerwünschte Antibiotikaexposition über die Nahrung u.U. eine Veränderung ihrer Darmflora erleiden. Die frühe Prägung des Immunsystems durch die individuelle Zusammensetzung der Darmflora wird u.a. als ein wichtiger Faktor für die zunehmende Entwicklung von Allergien oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen besonders bei jungen Kindern angesehen. Dr. Hermann Focke, Ltd. Veterinärdirektor i.R. kritisiert dabei u.a. öffentliche Verlautbarungen z.B. von der Tierärztlichen Hochschule Hannover als nicht nachvollziehbare Datenerhebungen (VETCAB-Studie)
(www.ndr.de/fernsehen/..die../panorama3275.html Ich hoffe nicht, dass nach dem Vortrag von Dr. Hermann Focke alle Zuhörer und Zuhörerin-nen zu Vegetarier werden!
(Umwelt und Kindergesundheit März 2013: Hrsg: BU-Amt für Strahlen-schutz, BfR, RKI, Umwelt-BU-Amt, Postfach 1406, 06813 Dessau)

Berlin, 13.06.2014

Prof. Dr. med. Klaus-Michael Keller
Wissenschaftlicher Leiter des 44. Kinder- und Jugend-Ärztetages

Deutsche Klinik für Diagnostik, FB Kinder – und Jugendmedizin
Aukammallee 33, 65191 Wiesbaden
Klaus-michael.keller@dkd-wiesbaden.de