Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

16.06.2005

Pressestateement von Prof. Dr. Wirth/Dr. Michael Zinke zum Kinder- und Jugenärztetag in Berlin 2005

Wenn ein Ziel der Menschen darin besteht, Morbidität und Mortalität zu senken, so muss die Prävention mit an erster Stelle stehen. Mit dem Präventionsgesetz soll der Prävention auch in Deutschland eine zunehmende gesundheitswissenschaftliche und –politische Bedeutung zukommen.

Niemand wird bezweifeln, dass Schutzimpfungen im wesentlichen Maße zum Rückgang von Morbidität und Mortalität zahlreicher Infektionskrankheiten geführt haben. Jeder wird auch gut heißen, dass es gelungen ist, die Pocken weltweit auszurotten; und in Europa gibt es keine Polio mehr. Wenn es aber darum geht, in unseren Breiten gegen die weltweit am meisten verbreitete und komplikationsträchtige Virusinfektion, die Hepatitis B, zu impfen oder gegen die in allgemeiner Betrachtung harmlosen Windpocken, wird kontrovers diskutiert.

An dieser Stelle muss an den Sinn von Impfungen erinnert werden: Neben dem Individualschutz hat eine übergeordnete Impfstrategie durchaus auch das Ziel, weitere Infektionserkrankungen von unserem Erdball zu verbannen. Damit nehmen Impfungen und vor allem die Durchimpfungsrate, die letztlich durch die Akzeptanz der Impfung in der Bevölkerung bestimmt wird, wesentlichen Einfluss auf die epidemiologische Entwicklung einer Erkrankung.


Hierzulande ist die ständige Impfkommission (STIKO) dafür zuständig, Impfempfehlungen zu formulieren und in Kenntnis der epidemiologischen Entwicklungen und dem aktuellen Stand der medizinischen Forschung zu aktualisieren. Nicht für alle ist der Werdegang einer Impfempfehlung ausreichend transparent und so wird bei einigen Empfehlungen eine gewisse Befangenheit formuliert.

Der aktuelle Impfkalender eines Säuglings umfasst mittlerweile sechs impfpräventable Erkrankungen, für die mit einer einzigen Injektion in definierten Abständen geimpft wird. Am Ende des ersten Lebensjahres kommen dann vier weitere (Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) hinzu. Darüber hinaus kann gegen Pneumokokken und Meningokokken geimpft werden. Diese Impfungen können zwar parallel zu der Grundimmunisierung, müssen aber getrennt verabreicht werden. Für alle Impfungen gibt es sinnvolle Begründungen. Nur hängt die Akzeptanz der impfenden Ärzte und der Bevölkerung nicht nur von der Argumentationsqualität, sondern auch von eigener Betroffenheit, nicht unwesentlich von der Injektionsfrequenz und auch der Aussicht auf unerwünschte Wirkungen ab. Hinzu kommt, dass lange nicht alle Impfungen bei den Kostenträgern auf offene Arme stoßen. Die Erstattungspolitik ist uneinheitlich und nicht nachvollziehbar.


Der 35. Kinder- und Jugendärztetag hat dieses Jahr als Thema „Impfempfehlungen im Wandel“. Es werden von den Firmen neue Impfstoffe entwickelt und auf den Markt gebracht und die Verbraucher müssen darauf reagieren. Ein wichtiger Schwerpunkt der Tagung besteht daher im Versuch, die Transparenz bei der Erstellung einer Impfempfehlung zu verbessern. Hier soll besonders auf die Varizellenimpfung eingegangen werden.
Ein weiterer Schwerpunkt diskutiert den Umgang mit den Impfempfehlungen, wenn die Kostenträger die Übernahme der Kosten oder die Patienten die Impfung ablehnen. Hier spielen auch juristische Gesichtspunkte eine Rolle.
Schließlich sollen auch die dokumentierten Impfkomplikationen der letzten 20 Jahre dargestellt werden. Hier muss zwischen den Reaktionen auf die Impfung, die überwiegend harmlos sind, und den dauerhaften Schäden sorgfältig unterschieden werden.


Impfung in der Praxis und damit verbundene Schwierigkeiten
In den letzten 20 Jahren sind bei uns etwa 30 neue Infektionskrankheiten aufgetreten, die wir bisher noch nicht gekannt haben (z.B. Aids, BSE, SARS), gegen die wir noch keine Impfstoffe entwickelt haben. Daher ist es in der Praxis von großem Nutzen, gegen diejenigen Krankheiten konsequent zu impfen, gegen die effektive Impfstoffe entwickelt wurden.

In den letzten fünf 5 Jahren ist die Grundimmunisierung für Kinder recht einfach geworden. Mit vier Injektionen bis zum 2. Lebensjahr erhalten die Kinder ab dem 2. Lebensmonat einen vollständigen Schutz gegen 6 Infektionskrankheiten (Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Haemophilus influenzae, Hepatitis B, Poliomyelitis). Dieser große Fortschritt in der Impfstoffentwicklung bedeutet für die Kinder weniger Piekse, die Belastung des Organismus mit den in den Impfstoffen enthaltenen chemischen Begleitstoffen ist geringer und die Durchimpfungsraten werden durch die gute Compliance deutlich besser. Zwischen dem 12. und 24. Lebensmonat wird zweimal gegen Masern/Mumps/Röteln sowie einmal gegen Varizellen (Windpocken) geimpft. Trotz dieses einfachen Impfschemas mit nur 7 Injektionen gegen 10 Infektionskrankheiten gibt es immer wieder Impflücken, die zu Erkrankungen führen können. Die Gründe für diese Impflücken sind sehr vielfältig.

Obwohl die Impfung gegen Varizellen seit August 2004 von der STIKO flächendeckend für alle Kinder empfohlen wurde, werden die Kosten für diese Impfung bisher nur in 4 Bundesländern von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Dabei sind die Kosten für diese Impfung mit wahrscheinlich lebenslangem Schutz vergleichsweise gering. Dieses Verhalten der Krankenkassen ist ein Novum im Gesundheitswesen und bedeutet eine klare Oppositionshaltung gegenüber der STIKO, die sich nach Abwägung aller wissenschaftlichen Erkenntnisse und Studien sowie nach dem Vorbild der USA und Japan zu dieser Impfempfehlung entschlossen hat. Eine ähnliche Verweigerung hat es bereits vor 10 Jahren bei der Einführung der generellen Impfung gegen Hepatitis B gegeben. Doch damals wurde die Empfehlung nach einigem Zögern allmählich umgesetzt. Diese Strategie der Krankenkassen ist undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Die Kinder- und Jugendärzte sind in großer Sorge, wie die Krankenkassen wohl mit zukünftigen Impfempfehlungen umgehen werden.

STIKO-Empfehlungen sind medizinischer Standard
Für die Praxis bedeutet die Verweigerung der Krankenkassen eine erhebliche Unruhe und Belastung. Die Eltern fragen nach der Varizellen-Impfung und wir können diese Impfung in den meisten Bundesländern nur als IGEL-Leistung anbieten. Die Empfehlungen der STIKO sind nach der Rechtsprechung medizinischer Standard. Wir müssen die Eltern informieren und über mögliche Risiken einer Varizelleninfektion aufklären. Die Entscheidung für oder gegen die Impfung bringt die Eltern in eine schwierige Lage, da sie in der heutigen Zeit sehr mit dem Haushaltsbudget rechnen müssen. Hingegen haben die Kinder nach dem SGBV ein Anrecht auf den Schutz vor Infektionen durch Impfungen. Diesen Schutz können wir leider nur privat versicherten Kindern zukommen lassen, deren Krankenkassen diese Impfung alle ohne Ausnahme übernehmen.

Politik und Krankenkassen betonen immer wieder, dass der Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt werden muss. Durch die Verweigerung der STIKO-Empfehlungen erscheint diese Aussage wie ein Lippenbekenntnis. Die Forschung wird uns in den nächsten Jahren weitere sinnvolle Impfstoffe für Kinder anbieten. Die Kinder- und Jugendärzte möchten garantieren, dass diese Impfstoffe für den Schutz und das Wohl der Kinder eingesetzt werden. Daher fordern wir von den Krankenkassen, dass sie sich verpflichten, in Zukunft alle Empfehlungen der wissenschaftlichen und unabhängigen Kommission (STIKO) zeitnah umzusetzen. Von der Politik fordern wir eine allgemeine Impfpflicht ähnlich den USA. Kinder sollten nur mit allen vorgeschriebenen Impfungen in den Kindergarten und in die Schule aufgenommen werden. Dass etwa Jugendliche sich diesem Zwang gerne unterziehen, sehen wir in der Praxis bei den Austauschschülern für USA, bei denen verpflichtend alle versäumten Impfungen nachgeholt werden müssen.

Zusammengefasst soll der Kinder- und Jugendärztetag 2005 den Wandel der Impfempfehlungen transparent darstellen und dazu beitragen, die gesundheitspolitische Bedeutung der präventiven Strategie in der Ärzteschaft und der Bevölkerung zu verdeutlichen, eventuelle Kontroversen zu versachlichen und die begründeten Vorstellungen und Ansprüche der Kinder- und Jugendärzte an Politik und Kostenträger zu untermauern.