Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

25.06.2010

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) zum 40. Kinder- und Jugendärztetag 2010 (Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte)

40. Kinder- und Jugendärztetag 2010
Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

1. Bestmögliche gesundheitliche Versorgung aller Kinder und Jugendlichen – Nein zum Primärarztsystem nach § 73 b
Seit 1925 gibt es Kinder- und Jugendärzte im ambulanten Versorgungsbereich. Die Gesundheitspolitik der Bundesregierung ist seit Januar 2009 auf die Einrichtung eines Primärarztsystems in Deutschland ausgerichtet, in dem der Hausarzt die Funktion eines „Lotsen durch das Gesundheitssystem“ übernehmen soll. Ein System, das sich in anderen Ländern nicht bewährt hat. Den Allgemeinärzten wird hier eine herausragende Position auch in der ärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen eingeräumt, ohne dass sie durch entsprechende Inhalte während ihrer Weiterbildung darauf entsprechend vorbereitet wurden. Die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b SGB V berücksichtigen die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen nur sehr unzureichend. Auch Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf medizinische Versorgung nach Facharztstandard. Der Facharzt für Kinder- und Jugendliche ist der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin mit einer eigenständigen Weiterbildung von mindestens 5 Jahren.

Der BVKJ verlangt entsprechend den gesetzlichen Möglichkeiten separate Verträge zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen, um weiterhin eine fachlich optimale Versorgung zu gewährleisten, erhebt aber keinen Alleinvertretungsanspruch. Allgemeinärzte haben bei der Versorgung von Kindern und Jugendlichen andere Aufgaben als Kinder- und Jugendärzte mit ihren speziellen Kenntnissen der kindlichen Entwicklung in den verschiedenen Alterstufen, den Besonderheiten chronischer Erkrankungen in diesem Alter, den kognitiven Störungen und den Besonderheiten bei Jugendlichen im Rahmen der Pubertätsentwicklung.

2. Chancengleichheit für alle Kinder
„Das Wohl des Kindes ist ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies gilt auch für andere Bereiche unserer Gesellschaft. Wir Kinder- und Jugendärzte beobachten mit Sorge, dass in Deutschland viele Kinder nicht ausreichend und falsch ernährt sind. Die Hartz IV-Regelsätze für ein Kind bis zum Alter von 14 Jahren sind zu niedrig. In Deutschland beziehen etwa 1,6 Millionen Kinder Hartz IV-Leistungen, sie sind erheblich gegenüber anderen Kindern aus wirtschaftlich besser gestellten Familien benachteiligt. Das hat auch das Bundessozialgericht so gesehen.

Wir haben die Politik bereits seit Jahren aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen diese Armut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Dies ist bisher nicht geschehen. Die jüngsten Beschlüsse der Bundesregierung zur Konsolidierung des Haushalts, dessen Schieflage Kinder und Jugendliche ganz sicher nicht zu verantworten haben, zeigen nicht, dass man wirklich gewillt ist, mit Nachdruck für Chancengleichheit zu sorgen und besonders die Kinder und Jugendlichen, die in ihrem Elternhaus nicht entsprechend ihren Möglichkeiten gefördert werden, umfassend bereits ab dem Krippenalter in allen Bereichen zu fördern. Die Gesellschaft muss ihnen bestmögliche Entwicklungsperspektiven geben, damit sie nicht, wie vielfach ihre Eltern, dauerhaft von sozialen Transferleistungen abhängig sind. Was soll aus solchen Kindern werden, wenn aufgrund unzureichender Förderung im Vorschulbereich bis zu 10 % eines Jahrgangs die Schule ohne Abschluss verlassen? Die Mittel, die in die frühkindliche Bildung gesteckt werden, zahlen sich auf Dauer mit Zins und Zinseszins aus. Vernachlässigt man allerdings diesen wichtigen Bereich in einer Gesellschaft, wird es durch die später notwendigen Sozialtransfermaßnahmen um ein Vielfaches teurer.

Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten.

3. Soziale Brennpunkte
Die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit und in der Lage, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten oder gesellschaftlichen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, auch nach der Honorarreform 2009 eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Wir können bereits jetzt in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten und von einer Unterversorgung sprechen. Dies betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern alle Altersgruppen.

Kinder und Jugendliche haben, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation ihrer Eltern, einen Anspruch auf „das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies schließt ein, dass sie einen niedrigschwelligen Zugang zu allen medizinischen Leistungen haben, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen und im Gesundheitswesen in Deutschland verfügbar sind.
Der Staat hat dafür zu sorgen, dass diese Leistungen auch angemessen finanziert werden, entweder über Krankenversicherungen oder aus Steuermitteln.

In zunehmendem Maße müssen wir uns mit sozialen Problemen befassen und versuchen, in Netzwerken zusammen mit anderen Berufsgruppen die Defizite aufzuarbeiten, die Kinder aufgrund mangelnder pädagogischer Förderung in manchen Elternhäusern erleiden. Unser Staat kann es sich einfach nicht leisten, dass zahlreiche Kinder mit gutem Entwicklungspotential dahinkümmern, nicht gefördert werden und später durch mangelnde Bildungsabschlüsse und berufliche Qualifikation der Allgemeinheit zur Last fallen. Frühe Förderung ist wesentlich kostengünstiger. Dieses Engagement der Kinder- und Jugendärzte wird aber nicht bezahlt.

4. Zweiklassenmedizin staatlich gewollt
Die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr führt auch bei der neuen Bundesregierung zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diese Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung, gerade auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt. Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, besteht für gesetzlich krankenversicherte Kinder im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..

Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen!

5. Kinder und Medien
Wir Kinder- und Jugendärzte müssen leider in den letzten Jahren eine ganz erhebliche Zunahme des Missbrauchs von Kindern im Rahmen von Werbung und Medienpräsenz feststellen Unser Verband setzt sich intensiv für die Kinderrechte und gegen die Missachtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern ein. In unserer täglichen Praxis erleben wir leider in zunehmendem Maße Auswüchse solcher Missachtung dieser Rechte einer sehr verletzlichen Patientengruppe. Kinder sind keine Ware, ihr Einsatz im Rahmen von Werbung oder medialer Vermarktung muss beschränkt und nur an den positiven Aspekten auf ihre eigene Entwicklung ausgerichtet sein. Je jünger sie sind, umso eher benötigen sie unsere Fürsorge und das Bewusstsein unserer großen Verantwortung für ihre bestmögliche Entwicklung. Eltern haben nicht das Recht, ihre Kinder zu vermarkten.

6. Medienpreis des BVKJ
Alljährlich zeichnet der BVKJ herausragende journalistische Beiträge aus den Kategorien Print, Fernsehen und Hörfunk mit dem BVKJ-Medienpreis aus, die das Thema der Kinder im sozialen Abseits leser- hörer- bzw. zuschauernah und fachlich kompetent behandeln, die der Öffentlichkeit vom Kinderleben auf der Schattenseite unserer Gesellschaft berichten und die uns sagen, worauf es ankommt, um sozial benachteiligten Kindern von Anfang an und nachhaltig zu helfen. Die Preise für 2010 sind am 19. Mai 2010 in Berlin verliehen worden, die Bewerbungsfrist für das Jahr 2011 läuft. Wir benötigen die Unterstützung der Medien, wenn wir den benachteiligten Kindern helfen wollen.

Anmerkung für die Redaktionen:

Bei Nachfragen steht Ihnen

Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ),
zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
und über die Geschäftsstelle des BVKJ in Köln
E-Mail: dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
E-Mail: dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Verantwortlich:
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel: 0221/68909-0
www.kinderaerzte-im-netz.de

Pressesprecher:
Dr. med. Ulrich Fegeler
Pichelsdorfer Str. 61, 13595 Berlin
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