Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

07.03.2014

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) anlässlich des 20. Kongresses Jugendmedizin vom 07. bis 09. März 2014 in Weimar (Dr. Uwe Büsching, Wissenschaftliche Leitung)

Presseerklärung, Sperrfrist: 07.03.2014, 12.00 Uhr

„macht Schule krank?!?”

„Jeder jugendliche Patient ist auch Schüler“.

Am 19.01.2014 forderte NRW-Gesundheitsministerin Steffens menschlichere Medizin. Wir Jugendärzte fordern menschlichere Schulen.
Die nordrhein-westfälische Gesundheitsministerin Steffens ist überzeugt, dass persönliche, individuelle Zuwendung im Gesundheitssystem unterfinanziert ist. „Spitzenmedizin alleine macht die Menschen nicht gesund“, sagt sie. Das Gesundheitswesen sei in vielen Bereichen nicht an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet.
Die deutschen Jugendärzte sind überzeugt, dass schulische Bildung unterfinanziert ist und deshalb krank macht. Schulische Spitzenleistungen allein machen junge Menschen nicht zufrieden. Das Schulsystem ist in vielen Bereichen nicht an den Bedürfnissen der Lehrer und Lehrerinnen oder gar der Schüler und Schülerinnen ausgerichtet.
Die Kritik der Jugendärzte ist nicht neu und ist mancherorts auch angekommen - Schulversuche allerorten. Aber, das geschieht nicht überzeugend oder gar koordiniert.
Peter J. Brenner (2006) in „Schule, ein Zwischenzeugnis“: „Seit den sechziger Jahren ist das deutsche Schulwesen einer unablässigen Flut von Reformen ausgesetzt. Erfolgreich waren sie offensichtlich nicht. Bereits vor den PISA-Studien ist deshalb die deutsche Schule erneut in Bewegung geraten, in eine Bewegung allerdings, die kein Ziel mehr hat. … 2005 wirbt allein das bayrische Kultusministerium damit, dass von seinen rund 400 Gymnasien 160 an Schulversuchen beteiligt seien. Einen Überblick über die in Deutschland durchgeführten Schulversuche hat niemand mehr (Anm.: auch weil es 16 Kultusministerien in Deutschland gibt); allein ihre bloße aktuelle Zahl zu ermitteln wäre ein eigenes, kaum zu finanzierendes Forschungsprojekt. Seit den siebziger Jahren dürften in Deutschland eher zehntausende als tausende von Schulversuchen durchgeführt worden sein…Was sich dem nüchternen Betrachter als komplettes Chaos darstellt, wird aus der Innenperspektive der Schulpolitik als Innovationsfähigkeit des Schulwesens gedeutet.“

Schulversuche ohne Ende bis hin zur G8

Neben den Schulversuchen gab es auch noch 16-mal die Entscheidungen zu G8 und G9.
Bei der Lektüre der umfangreichen Diskussion hatte man schnell den Eindruck, hier musste ein Konzept durchgeboxt werden! Oder fehlte es nur an Räumen, an ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern oder am Geld, das eine Jahr Bildung finanzieren zu müssen? Die Position der deutschen Kinder- und Jugendärzte ist identisch mit der des Bayrischen Elternverbandes: „Die Frage, ob die gymnasiale Ausbildung acht oder neun oder auch nur sechs Jahre dauert, ist unwichtig. Vorrangig ist eine sinnvolle inhaltliche Ausgestaltung der gymnasialen Schulzeit.“

Nach all den Vorwürfen, G8 würde die Lebensqualität der Schülerinnen und Schüler deutlich einschränken, kam eine Umfrage zur elterlichen Einschätzung von G8 und G9 zu dem Schluss: „Es ist festzuhalten, dass zum Ende der Jahrgangsstufe 5 (fast) keine statistisch bedeutsamen Unterschiede zwischen dem acht- und neunjährigen Bildungsgang vorliegen.“ Welche Ergebnisse diese Befragung wohl ergeben würde, wenn man Jugendliche und deren Eltern statt nach dem ersten Orientierungsjahr nach der 9. Klasse befragt hätte?
Aber in unseren Praxen sehen wir immer häufiger junge Menschen mit körperlichen und oder psychischen Beschwerden (wie Essstörungen, Ängsten, Suchtverhalten). In der ambulanten Medizin fehlt nicht nur das Geld für die „sprechende Medizin“, es fehlt auch Geld für ambulante Forschung. Ein „Mehr“ an Zuweisungen in die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist bei stark begrenzten Ressourcen kein tauglicher Messwert zur Beurteilung der psychischen Folgen durch G8. Das dadurch bedingte Fehlen höherer Krankheitszahlen wird aber sicher bald dafür herhalten müssen, dass G8 gar nicht so schlimm war! So bleiben Dunkelziffern tatsächlich im Dunkeln.

Ablenkungsmanöver wohin man schaut

Wieder wird von dem Thema, dass eine sinnvolle inhaltliche Ausgestaltung der Schulzeit vorrangig ist, abgelenkt werden. Darüber hinaus verhindern qualifizierte Untersuchungen falsche bildungspolitische Entscheidungen nicht. In einem Buch der Bertelsmann Stiftung (2012): „Warum sparen in der Bildung teuer ist“, wird dies sehr detailliert aufgeführt. Denn unter fehlender Bildung leiden nicht nur die betroffenen jungen Menschen, auch die Gesellschaft trägt schwer an den Konsequenzen und Folgekosten unzureichender Bildung. Die Veröffentlichung der Bertelsmann Stiftung beweist, dass fehlende Bildung erhebliche Auswirkungen auf das Wachstumspotenzial unserer Volkswirtschaft, auf die öffentlichen Haushalte sowie auf das Ausmaß kriminellen Verhaltens hat. Auch Zusammenhängen zwischen Bildung und gesundheitsbewusstem Handeln sowie freiwilligem Engagement wird nachgegangen. Detailliert werden Kosten beziffert, die langfristig aufgrund fehlender Bildungschancen auf die Gesellschaft in Deutschland zukommen.


„Es gibt nur eins was auf Dauer teurer ist als Bildung: keine Bildung.“ Diese Worte von John F. Kennedy treffen es auf den Punkt!

Während das Thema G8 / G9 gerade abgewickelt wird, haben die Kultusministerien schon ein weiteres Thema weit vorangetrieben. In 2012 wurden 3.000 Eltern telefonisch zu Inklusion befragt. Das Ergebnis ist vielschichtig: Eltern stehen Konzepten, die das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern fördern, generell aufgeschlossen gegenüber. Neun von zehn Eltern (89%) befürworten bspw. ein gemeinsames Lernen mit körperlich beeinträchtigten Kindern. Und immerhin 72% sind dafür, dass Kinder mit Lernschwierigkeiten im Klassenverband einer Regelschule unterrichtet werden. Im Falle von geistig behinderten bzw. verhaltensauffälligen Kindern ist das Stimmungsbild unter den Eltern jedoch geteilter: Nur noch knapp die Hälfte (46 %) der Befragten befürworten das Modell des gemeinsamen Lernens.
Das war 2012 und damals ging es um die Idee, heute geht es um die Realisierung und es kam zu einem unwürdigen Streit um die Finanzierung der Inklusion! Seither ringen Länder und Kommunen darum, wer die Kosten für die schulische Inklusion übernehmen soll. Aber geht es bei inklusiver Bildung nicht um das Recht aller Schüler und Schülerinnen auf eine individuelle Förderung unter Achtung von Stärken und weniger um Schwächen? Um die Nutzung von Ressourcen, um die Chance Selbstwirksamkeit zu erleben und zu einem emotional stabilen jungen Erwachsenen zu werden? Unabhängig von sozialer Benachteiligung oder einem Handicap? Oder muss die Medizin reparieren, was die Bildungspolitik mit unseren Kindern macht?

Wird die Inklusion vor die Wand gefahren?

Schon jetzt wird zurückgerudert; VBE-Umfrage: Deutsche wollen Inklusion – aber nur in kleineren Klassen, 26. 11. 2013: “Die bisherige Umsetzung der Inklusion in Deutschland stößt bei den Bürgern zunehmend auf Misstrauen“, warnte Udo Beckmann, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE). „Die konkrete Praxis vor Ort stößt Bürger vor den Kopf, obwohl diese die Inklusion grundsätzlich befürworten“, so Beckmann. Beckmann stellte fest: „Es besteht die Gefahr, dass die Politik die Inklusion vor die Wand fährt.“ Die Bevölkerung glaube der Politik ihr Versprechen schlichtweg nicht, dass sie die Inklusion mit vernünftigen Rahmenbedingungen versehen wolle. Der VBE fordert einen transparenten Dialog, in dem die Sorgen und Nöte der Beteiligten ernst genommen werden.
Das Recht auf Inklusion ist in der UN-Behindertenrechtskonvention eindeutig auch auf das Bildungssystem angewandt. Ein "Recht" ist ein Anspruch, den der Einzelne an andere oder auch an Organe des Staates richten kann. „Recht“ beinhaltet uneingeschränkt die Möglichkeit der Wahl, hier Förderschule oder Inklusion. Nicht wenige Eltern beklagen aber, dass Förderschulen an vielen Standorten geschlossen werden, und dass auf diesem Weg aus dem Recht zur Inklusion eine Pflicht zur Inklusion wird. Viele Eltern befürchten, in inklusiven Schulen wird nicht dieselbe Intensität an individueller Förderung wie an Förderschulen möglich sein, sie befürchten ein Sparmodell! Wir Jugendärzte verstehen die Klagen der Eltern, die sich durch das "Recht auf Inklusion" um eine umfassende Förderung ihrer Kinder betrogen fühlen.

Medizin darf nicht zum Reparaturbetrieb werden

Medizin darf auch nicht reparieren, was die Bildungspolitik mit unseren Kindern und Jugendlichen macht. Was ganz viele Lehrerinnen und Lehrer, aber auch die Eltern von Kindern mit Handicap, nicht wissen (Heilmittelrichtlinien §6 Verordnungsausschlüsse, Fassung vom 20. Januar 2011): „Weiterhin dürfen Heilmittel bei Kindern nicht verordnet werden, wenn an sich störungsbildspezifische pädagogische, heilpädagogische oder sonderpädagogische Maßnahmen zur Beeinflussung von Schädigungen geboten sind (insbesondere Leistungen nach dem Kapitel 7 des SGB IX). Sind solche Maßnahmen nicht durchführbar, dürfen Heilmittel nicht an deren Stelle verordnet werden. Neben pädagogischen, heilpädagogischen oder sonderpädagogischen Maßnahmen dürfen Heilmittel nur bei entsprechender medizinischer Indikation außerhalb dieser Maßnahmen verordnet werden.“
Die Hoffnung, was Schule bei Inklusion nicht leistet, könnte durch Heilmittel aufgefangen werden, ist also nicht berechtigt. Für die gesundheitliche Betreuung von Schülerinnen und Schülern ist zudem primär der öffentliche Gesundheitsdienst als dritte Säule des Gesundheitssystems zuständig! Eine ernstgemeinte betriebsmedizinische Betreuung der Schülerinnen und Schüler wird jedoch durch ständigen Personalabbau im ÖGD – je nach Finanzkraft einer Kommune - vereitelt. Hier wird eine große Chance vertan, Kinder und Jugendliche in ihren Lebenswelten zu begleiten, präventive, gesundheitsförderliche Maßnahmen gemeinsam in und mit Schule umzusetzen.
Bei soviel gedankenlosem Aktionismus ist die Gefahr groß, dass Schule krank macht!


Dr. Uwe Büsching
Wissenschaftliche Leitung
Beckhausstraße 171
33611 Bielefeld