Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2009

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) 15. Kongress Jugendmedizin vom 06. bis 08. März 2009 in Weimar (Dr. Monik Niehaus, Pressesprecherin des BVKJ Thüringen)

Nimmt die Gewalt an und bei Kindern in Thüringen zu?

Die Frage, ob in Thüringen die Gewalt zunimmt, lässt sich nicht eindeutig beantworten, da ein großer Teil solcher Taten im so genannten Dunkelfeld bleibt.

Laut Statistik rückte die Polizei im Jahr 2008 insgesamt 2.172mal wegen häuslicher Gewalt aus. Das bedeutet gegenüber dem Vorjahr eine Zunahme von acht Prozent. Dabei ging es in erster Linie um häusliche Gewalt.
Zumeist betraf es Familien in schwierigen Lebenssituationen infolge Arbeitslosigkeit, finanzieller Not, erhöhtem Alkoholkonsum und mit niedrigem Bildungsniveau.

Der Thüringische Kinderschutzbund registriert für 2008 deutlich mehr Fälle von Gewalt an Kindern (1.386 Fälle,2004 waren es 987).
Allein für die Stadt Weimar stieg die Zahl von 128 im Jahr 2007 auf 141 in 2008. Allerdings muss das keine echte Zunahme bedeuten. Familiäre Gewalt ist kein Tabuthema mehr. Es wird schneller Hilfe geholt. Beim Jugendamt gehen seit zwei Jahren deutlich mehr - teilweise anonyme - Hinweise auf Kindeswohlgefährdung ein. Die Zahl der ambulanten Beratungsstellen wurde erweitert.
Zudem gibt es eine neue Gesetzgebung im Kinder- und Jugendhilfegesetz, und es entstehen neue Kinderschutzdienste.
Als besondere Formen der Gewalt gelten die sexuelle Gewalt (452 Fälle in Thüringen, 72 Fälle in Weimar), sowie körperliche Gewalt (13 Fälle in Weimar).

Gewalt erzeugt Gewalt
Befragungen von Kindern und Jugendlichen der vierten und neunten Klassen im Land Thüringen durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) ergaben, dass 84,2 Prozent der Viertklässler keine Gewalterfahrung besaßen, 12,9 Prozent sprachen von gelegentlichen Ohrfeigen, 2,9 Prozent von schwerer Züchtigung. Jugendliche der 9. Klassen dagegen erinnerten sich zu vierzig Prozent daran, als Kind geohrfeigt worden zu sein. 29,2% gaben gar an, noch schwere Züchtigungen und Misshandlungen im Jugendalter zu erleben. Im Ergebnis heißt das, Thüringer Eltern setzen schneller mal die „traditionelle“ Ohrfeige als Erziehungsmaßnahme ein, während in Westdeutschland schwerere Züchtigungen verbreiteter sind, was allerdings möglicherweise auch unter anderem auf einen erheblich höheren Migrantenanteil unter den Eltern zurückzuführen ist.
Wie die KFN-Studie belegt, zeigen sich Kinder, die Bestrafungen oder Züchtigungen erfahren haben, auch selbst gewaltbereiter.

An Schulen in Thüringen kam es im Jahr 2007 zu insgesamt 1.668 Straftaten, darunter Körperverletzung, Erpressung und Rauschgiftkriminalität. Dabei ist die Zahl der Opfer deutlich gestiegen.
Besorgniserregend ist die zunehmende Brutalität der angewandten Gewaltform.
Besonders wenn Alkohol im Spiel ist, gibt es kaum eine Grenze.

Prävention ist wichtig
Zur Vorbeugung gegen Gewalt zählen verschiedene Projekte auf gesellschaftlicher, familiärer und persönlicher Ebene.
Der Kinderschutzbund Weimar zum Beispiel bietet Hilfe und Aufklärung bei sexueller und häuslicher Gewalt, bildet Netzwerke und Arbeitskreise.
Die Landesärztekammer Thüringen stellte einen Leitfaden für Ärzte zur Verfügung zum Thema „Gewalt gegen Kindern“.
Frühe Hilfen bietet das Jugendamt für junge Familien mit Überforderung und Vereinsamung, um Gewalttaten möglichst zu verhindern.

An Schulen sollen mehr soziale Kompetenzen vermitteln, gemeinsam mit Schülern eine Konfliktkultur entwickeln, um gewaltfreie Lösungsansätze zu finden. Schüler sollten Verantwortung übernehmen. Streitschlichterprogramme in Zusammenarbeit mit dem „Weißen Ring“ stattfinden. Da Gewalt milieuabhängig ist, sollten an Schulen stabile Situationen geschaffen werden. Als Ganzes ist die Gewaltbereitschaft bei Jungen und Mädchen gleich groß, Jungen allerdings sind eher aktiv, Mädchen neigen zum Anstiften und Anfeuern.
Das Projekt „Gruppenarbeit für nichtstrafmündige Kinder“ in Weimar begleitet jedes Kind bis 14 Jahre, wenn es dann auffällig geworden ist, bei Anhörungen zur Polizei. Anschließend können Eltern und Kinder Rat und Angebote auf freiwilliger Basis in Anspruch nehmen. Die Betreuung erfolgt durch das SOS Kinderdorf.

Anmerkung für die Redaktionen:

Dr. med. Monika Niehaus
Facharzt für Pädiatrie, Asthma-Trainer
Pressesprecher des Landesverbandes Thüringen
des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte
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