Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2009

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) 15. Kongress Jugendmedizin vom 06. bis 08. März 2009 in Weimar (Dr. med. Gabriele Trost-Brinkhues, Gesundheitsamt Aachen, Wissenschaftliche Leiterin des 15. Kongresses Jugendmedi

„Facetten der Gewalt“
sind das Thema des diesjährigen Kongresses Jugendmedizin. Bereits zum 15. mal findet dieser Kongress des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Weimar statt.

Die wichtigsten Trends vornweg:

  • Mehr als die Gewalt an sich hat die Bereitschaft, Gewalttaten anzuzeigen, zugenommen.
  • Bei der gefährlichen und schweren Körperverletzung an und durch Jugendliche ist ein leichter Abstieg der Tatverdächtigen zu verzeichnen.
  • Es sind deutlich mehr Jungen als Mädchen, die an der aktiven Gewaltspirale beteiligt sind. Bei Mädchen führen aufgestaute Emotionen eher zu internalisierenden Störungen mit psychosomatischen Beschwerden, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Medikamenten- oder Alkoholkonsum oder zu verbalen Aggressionen.

Das Thema Gewalt an Kindern und Jugendlichen und durch Jugendliche selbst ist nicht neu, das mediale Interesse ungebrochen. Fast täglich finden sich nicht nur hierzulande entsprechende Berichte und man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Jugendlichen immer jünger werden und immer unkontrollierter und brutaler vorgehen.
Aus den verschiedenen Statistiken wie der Polizeilichen Kriminalstatistik lassen sich Anhaltspunkte für die Entwicklung der Jugenddelinquenz allgemein ableiten.
Etwa ein Viertel aller Tatverdächtigen (nicht der Verurteilten!) sind Kinder (bis14 Jahre), Jugendliche von 14 bis unter 18 Jahren und Heranwachsende bis 21 Jahre. Die Zahl der tatverdächtigen Kinder ging in den letzten 10 Jahren deutlich zurück, auch der Anteil der Jugendlichen insgesamt hat in den letzten 10 Jahren geringfügig abgenommen, der Anteil der 18 bis 21 jährigen blieb in etwa konstant bei etwa 10%.

Betrachtet man aber den engeren Bereich der Gewaltkriminalität, so ist es insbesondere bei den Körperverletzungen zu einem Anstieg bei den Jugendlichen gekommen, sowohl auf der Seite der Täter als auch auf der Seite der Opfer. Besonders bei den „gefährlichen und schweren Körperverletzungen“ kam es laut Angaben des Bundeskriminalamtes 2008 zu einem traurigen Anstieg der Tatverdächtigen zwischen 14 und 21 Jahren. Andererseits lässt sich eine deutlich angestiegene Sensibilisierung und gestiegene Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung beschreiben: So geht es also in den ersten Vorträgen dieses Kongresses um die Zahlen, Daten und Fakten und um die Hintergrundsinformationen zu diesem facettenreichen Thema.

Es geht um die verschiedenen Formen der Gewalt, Gewalt innerhalb der Familie, physische und psychische Gewalt, sexuelle Gewalt, aber auch Gewalt der Jugendlichen untereinander, Prügeleien, „Abziehen“, Bullying, Mobbing, Happy Slapping (Handyaufnahmen von Gewaltakten und Verbreitung im Internet).
Bei der Diskussion muss auch gesehen werden, dass eine gewisse Aggressivität Jugendlicher typisch für diese Entwicklungsphase ist. Oft handelt es sich um altersgemäße verbale Rangeleien oder auch um Raufereien, um die eigenen Grenzen auszutesten oder Machtverhältnisse in einer Gruppe zu klären. Ein gewisses Maß an Aggressivität und fehlender Frustrationstoleranz gehört zur kindlichen und jugendlichen Entwicklung dazu. Der friedvolle Umgang und das Lenken von Emotionen in eine positive und kreative Richtung kann erlernt werden, bedarf jedoch pädagogischer „Begleitung“.

Vielfältige Ursachen!

Der Kongress in Weimar soll helfen, die Ursachen der Gewaltbereitschaft Jugendlicher zu klären.
Die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt sich in einem komplexen Miteinander von genetischen, neurobiologischen, hormonellen, psychischen, kulturellen und insbesondere sozialen Faktoren vom Säugling bis in das Erwachsenenalter. Dies gilt auch für die Gewaltbereitschaft und Aggressivität.
Fehlende oder unzureichende frühe Bindungserfahrung, inkonstante Erziehung, fehlende familiäre Beziehungen, unzuverlässige Beziehungserfahrungen zu anderen Menschen, Gewalterfahrungen und das Miterleben von Gewalt in der Familie haben einen entscheidenden Einfluss auf das innere Werte- und Verhaltenssystem eines Menschen. Auch depressive Erkrankungen oder Suchterkrankungen der Eltern sind Risikofaktoren. Konflikte, Trennungen und Scheidungen der Eltern werden von Kindern häufig traumatisierend erlebt.
Schwierige psychosoziale Bedingungen, fehlende Bildung und Ausbildung, Benachteiligung und persönliche Zurückweisung schüren Gefühle wie Wut, Angst, Trauer, Ohnmacht, Frustration. Das Gefühl von Ungerechtigkeit, immer der Looser zu sein, vielfältige Demütigungen können in aggressiven Gedanken und Handlungen münden. Als besonders problematisch wird die Arbeits- und Perspektivlosigkeit für Jugendliche gesehen.

Aggression führt oft zur Eskalation

Weitere Risikofaktoren, die wohlmöglich Gewaltbereitschaft fördern können sind genetische Faktoren wie Temperament, Impulsivität, Risikoverhalten und die Wahrnehmungsverarbeitung der Umwelterfahrungen. Schaffen es Eltern, Erzieherinnen und Lehrer nicht, bei aggressiven Kindern gelassen und fördernd zu bleiben, sondern reagieren überfordert und ebenfalls aggressiv, so kommt es oft zur Eskalation.
Jugendliche möchten sich abgrenzen, oder mit einer Gruppe gegen andere abgrenzen, auch so kann Delinquenz entstehen. Den Ausstieg aus der Talfahrt Richtung Kriminalität schaffen viele Jugendliche nicht alleine.
Kommt dann noch der Alkohol ins Spiel, dann ist die Aggressivität höher und einfühlendes Verhalten nicht mehr möglich.

Ein großer Anteil der Täter war früher selbst Opfer

Mit den Vorträgen „Die Gewalt hat immer eine Geschichte“ oder „Spuren für immer“ und „Emotionale Kälte als Boden der Gewalt“ werden neueste Erkenntnisse aus der Neuroanatomie, der Neurobiologie und der Traumaforschung diskutiert.

Gewalterfahrungen, gefolgt von Hilflosigkeit und einer schweren Selbstwertkrise, schaffen Engramme im Gehirn. Es kann die Dissoziation, also die Veränderung der Wahrnehmung, die Negativbewertung des eigenen Ichs mit der Umkehrung der Schuldzuweisung folgen: „Ich bin es ja selbst Schuld“. Spätere Schlüsselreize reaktivieren verdrängte Traumen und dem Jugendlichen „brennen die Sicherungen durch“, er reagiert auf seine Emotionen mit Aggressivität. Was ist Ursache und Wirkung?

Es sind deutlich mehr Jungen als Mädchen, die an der aktiven Gewaltspirale beteiligt sind, bei Mädchen führen aufgestaute Emotionen eher zu internalisierenden Störungen mit psychosomatischen Beschwerden, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen, Medikamenten- oder Alkoholkonsum oder zu verbalen Aggressionen

Was können Kinder- und Jugendärzte tun?

Die Kinder- und Jugendärzte wollen ihre Möglichkeiten zur Durchbrechung des circulus vitiosus (vom Opfer zum Täter) nutzen und ihr Gespür zum Erkennen von rezidivierenden Traumen, kindlicher Gewalterfahrung und Vernachlässigung, psychischen Erkrankungen oder Suchtproblemen im täglichen Kontakt mit den Kindern und ihren Familiensystemen einsetzen. Frühe Unterstützungs- und Hilfeangebote sind aufzubauen, dazu gehört die Vernetzung mit Fachkollegen der Kinder- und Jugendpsychiatrie, des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Beratungsstellen oder der Jugendhilfe selbst. Mit Empathie die Not der Kinder wahrnehmen, die versteckten und oft somatisierten Hilferufe der Familien hören, ist auch Aufgabe einer modernen Kinder- und Jugendmedizin.

Wie es weitergehen könnte: Präventive Maßnahmen, repressive Maßnahmen oder soziale Integration?

Was wissen wir bereits? Welche Maßnahmen sind erforderlich? Die heutigen Kinder sind die Jugendlichen von morgen, die heutigen Jugendlichen werden die Eltern von morgen sein. Was kann in der frühen Elternarbeit helfen? Was sind die Ansätze für impulsive, dissoziale Jugendliche, was für bereits straffällig gewordene Jugendliche? Welchen Spielraum bietet das Jugendstrafrecht, für wen überwiegen die Hilfen, wer muss bestraft werden?
Optimal ist, wenn Polizei, Staatanwaltschaft und Jugendgerichtshilfe oder Jugendhilfe eng zusammen arbeiten.

Prävention kann gelingen

Hohe Emotionalität und eine positive innere Einstellung der Eltern zum Kind, nicht strenge Kontrolle sondern zur Selbstständigkeit „fördern und fordern“, die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, aber auch die Wahrnehmung der Bedürfnisse anderer Menschen in der Umwelt wahrzunehmen, also ein empathischer Umgang miteinander wirken schützend und präventiv.

Bei den präventiven Maßnahmen in Kindertagesstätten und Schulen unterscheidet man einerseits Programme zur Gewaltprävention, die als Streitschlichtung oder als Programme sowohl für Opfer als auch Täter eingesetzt werden. An-dere Maßnahme zielen auf ein Lebenskompetenztraining und sind auf eine verbesserte soziale und emotionale Kompetenz insgesamt ausgerichtet. Auch familien- und sozialpolitisch ausgerichtete Maßnahmen können indirekte Beiträge zur Veränderung der Perspektivlosigkeit und Aggression und damit der Gewalt leisten.

Durch „frühe Hilfen“ für benachteiligte Kinder und ihre oft überforderten Eltern, Elternberatung und gegebenenfalls erzieherische Hilfen durch die freien Träger und die öffentliche Jugendhilfe, Programme für psychosozial belastete Familien wie auch sozialpädagogische Familienhilfen können positive Entwicklungen begünstigt werden.
Um im Kinderstreit in der Kindertagesstätte angemessen reagieren zu können, bedarf es der entsprechenden pädagogischen Qualität der Tageseinrichtungen. Die bereits erprobten Programme zur Gewaltprävention an Schulen lassen sich unter den Begriffen „Sozialtraining“ „Streittraining“, „Streitschlichter“ „Coolness-Training“ oder auch „Faustlos“ benennen.
Auch Aktivitäten von Fan-Clubs, oft gemeinsam mit Polizei und Jugendhäusern leisten einen Beitrag, präventiv tätig zu werden.

Und schließlich: Für die Ahndung der Gewalttaten von jungen Tätern gilt neben dem Strafgesetzbuch(StGB) ergänzend das Jugendgerichtsgesetz (JGG), das den Jugendgerichten als spezielle Rechtsgrundlage differenzierte und ausreichende Möglichkeiten bietet, um auf die verschiedenen Gewaltdelikte zu reagieren. So kann häufig auch den Opfern geholfen werden."

Fazit: Ziel ist der angemessene Umgang mit Emotionen, Frustrationen und Aggressivität. Darauf sollten alle Kinder- und Jugendärzte aus allen Bereichen – unterstützt von vielen weiteren beteiligten Fachgruppen - mit ihrem spezifischen Blick auf die jungen Familien und speziell betroffene oder gefährdete Kinder künftig verstärkt ihr Augenmerk richten.

Anmerkung für die Redaktionen:

Dr. med. Gabriele Trost-Brinkhues
Gesundheitsamt Aachen
Abt. Kinder- und Jugendgesundheit
Hackländerstr. 5
52064 Aachen
E-Mail:
Dr.G.Trost-Brinkhues@t-online.de