Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2009

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) 15. Kongress Jugendmedizin vom 06. bis 08. März 2009 in Weimar (Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte)

Politik und Krankenkassen stellen bewährte Versorgungsstrukturen in Frage und arbeiten auf ein Primärarztsystem hin

Kinder und Jugendliche
brauchen dringender denn je ihre speziellen Fachärzte


Eltern wünschen sich im Regelfall eine Versorgung ihrer Kinder durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte, wie Umfragen der Kinder- und Jugendärzte bei über 250.000 Eltern ergeben haben und entsprechende Statistiken der Inanspruchnahme zeigen. Eltern sind sogar bereit, für eine solche qualifizierte Versorgung auch weitere Wege in Kauf zu nehmen.

Kinder- und Jugendärzte versorgen in Deutschland seit über 100 Jahren in einem gemischten System zusammen mit Allgemeinärzten Kinder und Jugendliche. Während die Allgemeinmedizin aufgrund der demografischen Entwicklung ihren Schwerpunkt hin zu chronisch-kranken Erwachsenen und multimorbiden Senioren verlagert hat, was sich auch in den wesentlichen Inhalten ihrer Weiterbildungsordnung widerspiegelt, hat sich die Kinder- und Jugendmedizin hin zur spezialisierten haus- und fachärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen entwickelt und hat große Erfolge im Versorgungssystem aufzuweisen.

Die Kinder- und Jugendärzte erwarten von der Bundesregierung eine klare Aussage zur zukünftigen ambulanten und stationären Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.
Eine Verschiebung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen hin zu einem lediglich allgemeinmedizinisch weitergebildeten Primärarzt ist aufgrund der unzureichenden speziellen Weiterbildung der Allgemeinmediziner im Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin mit einer Verschlechterung der Versorgung von Kindern und Jugendlichen verbunden. Wenn dies politisch beabsichtigt ist, dann soll man es den Bürgern vor der Wahl auch offen sagen. Auch angehende Ärztinnen und Ärzte können sich dann darauf einstellen und rechtzeitig entscheiden, ob sie sich im Fach Kinder- und Jugendmedizin weiterbilden oder lieber andere Fächer wählen.

Nach den Erhebungen des Nationalen Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) von 2008 werden 90,6 % aller 0- bis 6-jährigen Kinder von Kinder- und Jugendärzten ambulant versorgt. 95 % aller Vorsorgeuntersuchungen in den ersten beiden Lebensjahren lassen die Eltern bei Kinder- und Jugendärzten mit einer entsprechenden Weiterbildung im Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin durchführen, auch bei den weiteren Untersuchungen U7a bis U9 und J1 bevorzugt die große Mehrheit der Eltern (über 80%) die Kompetenz der Kinder- und Jugendärzte. Nur eine Minderheit der Allgemeinärzte in vorwiegend dünn besiedelten Regionen versorgt noch einen nennenswerten Anteil an Kindern.

Wir haben in Deutschland eine international anerkannt auf einem sehr hohen Niveau stehende primäre, sekundäre und tertiäre Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch entsprechend qualifizierte Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin in Praxen und Kliniken.

Dieser hohe Versorgungsstandard ist zunehmend gefährdet!

Die rund 5.700 niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte in Deutschland bangen um ihre Zukunft. Das Bundesgesundheitsministerium setzt ganz auf eine hausarztzentrierte Versorgung ohne Altersbegrenzung durch Allgemeinärzte in Selektivverträgen. Damit wird dieses bewährte System der primären hausärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch Kinder- und Jugendärzte mit einer besonderen, mindestens 5 Jahre dauernden speziellen Weiterbildung im Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin zerschlagen.


“Bei der Neugestaltung der Regelung zu den Verträgen zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 b SGB V haben das Bundesministerium für Gesundheit und der Deutsche Bundestag die fatalen Folgen für Kinder und Jugendliche falsch eingeschätzt, obwohl sie im Gesetz Möglichkeiten für eine spezielle Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch Ärztinnen und Ärzte, die für diese Altersgruppe eine besondere Qualifikation nachweisen können, geschaffen haben. Die Krankenkassen schließen in zunehmendem Maße aufgrund der aktuellen Gesetzgebung mit den Allgemeinärzten Verträge ab, die auch die komplette Versorgung von Kindern und Jugendlichen umfassen, und lassen Kinder- und Jugendärzte außen vor.” Dadurch ist eine Versorgung durch entsprechend weitergebildete Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin gefährdet und die Behandlung wird teurer. Zudem werden in diesen Verträgen für die Allgemeinärzte finanzielle Anreize gesetzt, die nach den Erfahrungen in Bayern und Baden-Württemberg dazu führen, dass Allgemeinärzte Eltern massiv unter Druck setzen, damit diese ihre Kinder bei ihnen in Hausarztverträge einschreiben. Die Kassen haben es bisher versäumt, ihre Versicherten umfassend über die Konsequenzen aus diesen Verträgen zu informieren.

Durch diese Selektivverträge werden der Gesamtvergütung im Kollektivvertrag mit den Kassenärztlichen Vereinigungen erhebliche Summen entzogen, die dann der Regelversorgung nicht mehr zur Verfügung stehen. Dies gefährdet das bisher sichere Versorgungssystem in Deutschland ganz massiv.

Untersuchungen in europäischen Nachbarländern ohne primäre Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte zeigen, dass Hausärzte ohne entsprechende Weiterbildung in der Kinder- und Jugendmedizin mehr Medikamente ohne Zulassung für Kinder verordnen, die medikamentöse Behandlung insgesamt teurer ist, Diagnosen teilweise verzögert gestellt und somit Therapien nicht rechtzeitig eingeleitet werden. Auch die Einweisungsquote ins Krankenhaus liegt höher.

Verbandspräsident Dr. Wolfram Hartmann betont, “Gerade bei den Vorsorgeuntersuchungen und zur Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen und seltenen Erkrankungen ist der Facharzt in der ambulanten Versorgung unverzichtbar.”

Angesichts der sozialen Situation vieler Familien ist es von der Politik und den Krankenkassen unverantwortlich, nicht mit allen Mitteln für eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung aller Kinder und Jugendlichen zu sorgen. Dazu gehört insbesondere auch die Stärkung der Jugendmedizin in Deutschland durch Kinder- und Jugendärzte.

Qualifizierte Förderung schon in früher Kindheit

Bei uns wächst die Kluft zwischen den Kindern, die weitgehend gesund, sozial abgesichert und ausreichend gefördert aufwachsen, und solchen Kindern, deren Lebensumstände von Armut, Perspektivlosigkeit, mangelnder Förderung und Ausgrenzung geprägt sind. Der neue UNICEF-Bericht “Zur Lage von Kindern in Deutschland” kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Wohlbefinden von Kindern durch Einzelmaßnahmen nicht nachhaltig verbessern lässt. Vielmehr müssen Bund, Länder und Gemeinden ihren zersplitterten, an einzelnen Ressorts orientierten Ansatz aufgeben und das Wohlergehen von Kindern in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen. Was man in der frühen Kindheit versäumt, führt bei Jugendlichen und Erwachsenen zu ganz erheblichen Folgekosten, die die gesamte Gesellschaft wesentlich stärker belasten als eine qualifizierte Förderung in der frühen Kindheit.

Kindeswohl muss grundsätzlich Vorrang vor Elternrecht haben. Der Entwurf des neuen Kinderschutzgesetzes bietet hier einen guten Ansatz.

Die UN-Kinderrechtskonvention von 1989, in Deutschland am 10. Juli 1992 in Kraft getreten, muss endlich zum Maßstab deutscher Sozial- und Familienpolitik werden. Dazu wäre es sicher auch sehr hilfreich, wenn die Kinderrechte endlich im Grundgesetz verankert wären und nicht nur der Tierschutz. Untersuchungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung haben gezeigt, dass Kinder von allein erziehenden Eltern stark von dauerhafter Armut bedroht sind. Selbst wenn der Vater oder die Mutter voll berufstätig ist, leben mehr als zwei Drittel der Kinder im Laufe ihrer Kindheit und Jugend mindestens ein Jahr lang in Armut – 10 % sogar dauerhaft.

Arme Kinder sind in Deutschland in vielfacher Hinsicht ganz erheblich benachteiligt und dies hat wesentliche Auswirkungen auf das gesamte spätere Leben und die Lebenschancen:

  • sie leiden unter den Folgen von Fehlernährung, Bewegungsmangel, fehlender Sprachanregung, unzureichenden frühkindlichen Bildungsangeboten
  • erhalten später und seltener intensive außerhäusliche Förderung in Kindertageseinrichtungen
  • sind überdurchschnittlich häufig betroffen von Übergewicht, Verhaltensauffälligkeiten, Sprech- und Sprachentwicklungsauffälligkeiten, akuten Erkrankungen und Suchterkrankungen im späteren Lebensalter
  • können bestimmte Leistungen der Medizin nicht nutzen, da sie zusätzliches Geld kosten
  • werden von ihren Eltern seltener zu den gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen und Impfungen gebracht, was zu Folgeerkrankungen führt
  • sind bei der Inanspruchnahme von Fördermaßnahmen durch die Lethargie ihrer Eltern benachteiligt
  • haben überdurchschnittlich häufig Schulprobleme, Lese-Rechtschreib-Schwäche, Rechenschwäche
  • erreichen seltener einen Schulabschluss und sind daher häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen

Relative Armut bedeutet häufig beengte Wohnverhältnisse in benachteiligten Quartieren mit schlechter Infrastruktur und unzureichenden Bildungsmöglichkeiten. Die Kinder haben nicht die Möglichkeit, die sozialen und kulturellen Angebote ihrer Umwelt angemessen zu nutzen, das gilt für Sportvereine wie für Angebote der musikalischen Früherziehung. Arme Kinder müssen vielfach viel mehr leisten, um ihre Lebenschancen zu nutzen, als ihre wohlhabenderen Altersgenossen. Eltern, die selbst arbeitslos sind und manchmal sogar resigniert haben, vermitteln den Kindern kein positives Rollenmodell. Die Kinder lernen nicht, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen können. Im Kampf gegen Kinderarmut profitieren Kinder besonders davon, wenn die Beschäftigungschancen ihrer Eltern verbessert werden. Bei Alleinerziehenden ist es entscheidend, dass sie die Möglichkeit bekommen, Vollzeit zu arbeiten.
Zwingende Voraussetzung hierfür sind verbesserte Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder durch entsprechend ausgestattete qualifizierte Kindertageseinrichtungen. Bei der frühkindlichen Betreuung ist Deutschland hinsichtlich der Bereitschaft, in diesem Bereich zu investieren, im internationalen Vergleich der Industriestaaten nach wie vor Schlusslicht.

Für Kinder aus bildungsfernen oder psychosozial ungünstigen Familienkontexten kann frühkindliche Betreuung Voraussetzungen dafür schaffen, ihr vorhandenes Potential zu mobilisieren und Chancengleichheit herzustellen. Unter Berücksichtigung des aktuellen Erkenntnisstands der Bindungsforschung, der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Anhaltszahlen des Kinderbetreuungsgesetzes der Europäischen Union empfehlen Kinder- und Jugendärzte folgenden Betreuungsschlüssel:

  • für Säuglinge von 9 bis 12 Monaten: 1 Betreuerin für maximal 2 Kinder
  • für Kinder von 12 bis 24 Monaten: 1 Betreuerin für maximal 3 Kinder
  • für Kinder von 24 bis 36 Monaten: 1 Betreuerin für maximal 4 Kinder

Empfehlungen zur Gruppengrößen müssen in Abhängigkeit von der Gruppenhomogenität formuliert werden; je jünger die Kinder und je kleiner das Altersspektrum, desto kleiner sollte die Gruppe sein. Als Richtschnur kann in der Altersklasse unter drei Jahre eine Gruppengröße von bis zu 12 Kindern betrachtet werden. Die Erzieherinnen und Erzieher benötigen eine qualifizierte Ausbildung, die Einrichtungen müssen so ausgestattet sein, dass tägliche Bewegungsförderung, gesunde Ernährung und ausreichende Ruhephasen möglich sind.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) fordert die Politik erneut auf, in einem jährlichen Bericht Rechenschaft darüber abzulegen, was in den letzten 12 Monaten mit welchem Erfolg gegen die Kinderarmut in Deutschland unternommen worden ist. Eine Bestandsaufnahme allein genügt. Die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen müssen sicherstellen, dass arme Kinder ebenso gut medizinisch versorgt werden können wie Kinder aus privilegierten Bevölkerungsschichten. Dies ist zur Zeit. nicht gewährleistet.

Anmerkung für die Redaktionen:

Bei Nachfragen steht Ihnen
Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ),
zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
und über die Geschäftsstelle des BVKJ in Köln
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Verantwortlich:
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel: 0221/68909-0

Pressesprecher:
Dr. med. Ulrich Fegeler
Pichelsdorfer Str. 61, 13595 Berlin
Tel.: 030-3626041 Fax: 030-3611713
E-Mail:
ul.fe@t-online.de

Weimar, 06. März 2009, 12 Uhr.