Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

15.10.2007

Presseerklärung zum 35. Herbst-Seminar-Kongress des BVKJ am 15. Oktober 2007 Bad Orb
Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) ist über die zunehmende Armut bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sehr besorgt. Armut und Krankheitshäufigkeit von Kindern und Jugendlichen sind eng miteinander verknüpft. Die KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts hat eindrucksvoll belegt, dass Kinder und Jugendliche aus schwächeren sozialen Gruppierungen in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind und mit ganz erheblichen Belastungen ihren weiteren Lebensweg antreten.

Sie leiden überdurchschnittlich häufig unter den Folgen von Fehlernährung und Bewegungsmangel, sind negativen Einflüssen von Medien in großem Maße ausgesetzt, haben nur eingeschränkten Zugang zu früher musikalischer Erziehung und den Angeboten regionaler Vereine und neigen, wie auch das “Kinderbarometer 2007” der LBS gezeigt hat, häufiger zu psychosomatischen und psychischen Erkrankungen sowie zu mangelndem Selbstwertgefühl. Dies äußert sich in Bauch- und Kopfschmerzen, Depressionen und sogar in Suizidgedanken. Dies erleben wir regelmäßig in unseren Praxen - eine Herausforderung, auf die unser Gesundheitswesen, aber auch unsere Gesellschaft bisher nicht ausreichend vorbereitet ist.


Auch Nikotin- und Alkoholmissbrauch sind in diesen Bevölkerungsgruppen wesentlich häufiger und werden ins Erwachsenenalter mitgeschleppt. Dies verschlechtert die Startchancen der Kinder in aller Regel und bestimmt den weiteren Lebensweg. Eine wirksame Bekämpfung von Kinderarmut muss nach unserer Auffassung in Deutschland höchste Priorität haben.

Finanzielle Hilfen allein reichen nicht aus
Die Politik wird aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen die Kinderarmut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Mit finanziellen Zuwendungen an die Eltern allein ist es dabei nicht getan. Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten. Im derzeitigen Hickhack zwischen Bund und Ländern um die Finanzierung dieser wichtigen Angebote zeigt sich, dass diese Prioritäten von vielen Entscheidungsträgern immer noch nicht richtig erkannt werden.

Der BVKJ wird sich am 14. November in Berlin in seinem Politforum intensiv mit dieser Problematik beschäftigen. Für die Bundesregierung hat die Familienministerin, Frau Dr. von der Leyen, ihre Teilnahme an der Veranstaltung zugesagt.

Unterversorgung in Großstädten
Aber auch die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Wir können bereits jetzt in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten und von einer Unterversorgung sprechen. Dies betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern alle Altersgruppen.

Bei den Honorarverhandlungen zwischen Ärzten und Kassen, die sich z. Zt. in der entscheidenden Phase befinden, hat sich in erschreckendem Maße gezeigt, dass die Kassen die Dramatik der drohenden Unterversorgung in der Basisversorgung durch Allgemeinärzte sowie Kinder- und Jugendärzte nicht erkannt haben und weiterhin eine Unterfinanzierung zulassen, die die Versorgung auf Dauer gefährdet. Im Wettbewerb um Mitglieder werden den Versicherten Bonusprogramme und Prämien angeboten, die teilweise höher sind, als die Vergütung der ärztlichen Leistungen. Die Ärztinnen und Ärzte im hausärztlichen Versorgungsbereich, zu dem auch die Kinder- und Jugendärzte gehören, fordern eine monatliche Mindestpauschale von 25 € für die Betreuung und Behandlung der Versicherten. Derzeit zahlen die Kassen im hausärztlichen Versorgungsbereich regional unterschiedlich zwischen 12 und 20 € für die komplette Betreuung eines Versicherten rund um die Uhr incl. aller Präventionsleistungen. Die DAK zahlt aber einem erwachsenen Versicherten, der sich einmal im Jahr bei einem Arzt oder in einer Apotheke den Blutdruck, Körpergewicht und –höhe, Blutzucker und Gesamtcholesterin messen lässt, eine Prämie von 60 €.

Zwei-Klassenmedizin bei der Vorsorge
Auch führt die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr unverändert zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diese Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung, gerade auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt.
Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, haben gesetzlich krankenversicherte Kinder z. B. im wichtigen 3. Lebensjahr und dann auch im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..

Bisher lehnt dies die Bundesregierung aus unerfindlichen Gründen ab.

Zur Verhinderung von Kindesvernachlässigung und/oder –misshandlung sind die gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen nur sehr bedingt geeignet. Sie enthalten bislang keine primärpräventiven Fragestellungen und haben zu große zeitliche Lücken, als dass sie diesem Anspruch auch nur annähernd gerecht werden können. Trotzdem hat natürlich jedes Kind ein Grundrecht auf “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention. Dazu gehören neben den Vorsorgeuntersuchungen natürlich auch Impfungen. Deshalb stimmt der BVKJ einer gesetzlichen Verpflichtung zur Teilnahme an Kindervorsorgeuntersuchungen auch zu, sieht aber die Pflicht, diese Teilnahme nachzuweisen, eher bei den Eltern als bei den Ärztinnen und Ärzten.

Kinder- und Jugendärzte treten für innovative Vorsorgen ein
Um aber Kindesvernachlässigung bzw. –misshandlung wirksam einzudämmen, muss der Gesetzgeber mehr tun, als verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen einzuführen. Im Sinne des Kindeswohls müssen viele Berufsgruppen in Teams zusammen arbeiten und Risikofamilien aufsuchend engmaschig betreuen. Der BVKJ hat konkrete Vorschläge unterbreitet, die u.a. auch ein völlig neu gestaltetes Vorsorgeprogramm umfassen. Leider haben sich bislang nur wenige Krankenkassen bereiterklärt, ihren Versicherten zumindest einen Teil dieser innovativen Kindervorsorgeuntersuchungen im Rahmen von Sonderverträgen gemäß den neuen gesetzlichen Bestimmungen zu bezahlen. Insbesondere die großen Kassen wie AOK, IKK, Bundesknappschaft, DAK, BEK und Techniker-Krankenkasse tun sich hier sehr schwer.
Im Interesse besonders der benachteiligten Kinder und Jugendlichen fordert der BVKJ hier mehr Engagement der gesetzlichen Krankenkassen und politischen Druck auf die Selbstverwaltungsorgane.

Wir sind bereit, in Teams und Netzwerken mitzuarbeiten, unsere Kompetenz einzubringen und somit die Situation besonders der benachteiligten Kinder und Jugendlichen im eigentlich reichen Deutschland nachhaltig zu verbessern. Kinderrechte müssen in unserer Gesellschaft einen wesentlich höheren Stellenwert bekommen. Kinder und Jugendliche müssen in die Entscheidungen eingebunden werden, denn es geht um ihre Zukunft.


Anmerkung für die Redaktionen:
Bei Nachfragen steht Ihnen:
Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zur Verfügung unter
Fon: 0 27 32/76 29 00, Fax: 0 27 32/8 66 85
E-Mail: dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de oder
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Pressesprecherin:
Dr. med. Gunhild Kilian-Kornell