Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

10.03.2005

Presseerklärung zum 11. Kongress für Jugendmedizin in Weimar

1. Kinder- und Jugendärzte primäre Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche - Hausarztmodelle nur für Erwachsene
Anlässlich des Starts des bundesweit ersten Hausarztmodells am 1. März stellt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) klar:

"Kinder- und Jugendärzte bleiben auch in Zukunft die ersten Ansprechpartner der Kinder und Jugendlichen, selbstverständlich ohne Praxisgebühr und ohne Überweisung. Hausarztmodelle richten sich ausschließlich an Erwachsene. Eltern sollten sich nicht drängen lassen, ihre Kinder ‚in einem Aufwasch’ beim nicht auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin weitergebildeten Haus-/Allgemeinarzt einzuschreiben. Das ist keine qualitativ hochwertige Versorgung von Kindern und Jugendlichen. Kinder- und Jugendärzte qualifizieren sich im Gegensatz zu allen anderen Arztgruppen für ihre Aufgabe mit einer mindestens fünfjährigen Weiterbildung auf allen Gebieten der Kinder- und Jugendmedizin. Sie betreuen – anders als Haus- oder Allgemeinärzte ohne entsprechende Qualifikation - kompetent sowohl die physische, psychische als auch die soziale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen vom ersten Lebenstag an. Diese Versorgung ist erwiesenermaßen effektiv und kostengünstig."

Statistiken zeigen:

  • von Kinder- und Jugendärzten betreute Kinder werden seltener ins Krankenhaus eingewiesen
  • erhalten gezieltere Verordnungen von Medikamenten und Heilmitteln
  • die Zahl der Präventionsleistungen und die Durchimpfungsraten liegen deutlich höher als bei der Betreuung durch andere Arztgruppen.

Der BVKJ fordert die Krankenkassen und die KVen auf, im Interesse einer optimierten Versorgung von Kindern und Jugendlichen entsprechend den Möglichkeiten des SGB V mit ihm "pädiatriezentrierte Versorgungsformen" zu entwickeln, die das Ziel haben, die primäre und sekundäre Prävention zu fördern und auszubauen, damit Kinder und Jugendliche möglichst gesund erwachsen werden können. Dazu gehört eine Einschreibung beim Kinder- und Jugendarzt, der mit seinem speziellen Wissen Koordinator und Wegbegleiter sein soll. § 73 b SGB V schreibt ausdrücklich vor, dass die Kassen mit "besonders qualifizierten Ärzten" Hausarztmodelle vereinbaren sollen. Module mit Bonusprogrammen für zeitgerechte Vorsorge- und Impfungen, Teilnahme an Bewegungs- und Ernährungsprogrammen müssen solche Versorgungsangebote ergänzen und für Patienten attraktiv machen.

2. Gesundheitsreform macht Jugendliche krank
Etwa 1 Million Jugendliche, die an Inhalationsallergien, Neurodermitis und anderen chronischen Erkrankungen leiden, könnten bald zu chronisch kranken Erwachsenen werden. Dies ist die besorgniserregende Beobachtung des BVKJ. Hintergrund sind die zum Therapiestandard bei diesen Erkrankungen gehörenden, nicht-verschreibungspflichtigen Medikamente - so genannte OTC-(engl. "Over-the Counter") Präparate - die Jugendliche im Alter von 12-18 Jahren seit 1.04.2004 aus eigener Tasche bezahlen müssen. Zu diesen Medikamenten gehören neben Augentropfen und Nasensprays auch so genannte systemische Antihistaminika, die allergische Reaktionen des Körpers unterdrücken sollen. In unseren Praxen stehen verzweifelte Eltern, die die hohen Kosten von mehreren 100 € pro Kind während der Pollensaison nicht bezahlen können. Viele der Betroffenen gehen erst gar nicht mehr zum Arzt, werden nicht untersucht und erhalten so auch die medizinisch notwendige Behandlung nicht. Auch vor den gesundheitlichen Langzeitfolgen warnt der BVKJ. Gerade bei Jugendlichen werden diese Beschwerden häufig verharmlost - viele sind eigentlich gar nicht schulfähig. Wenn die Lunge mit betroffen ist, kann es zu Asthma bronchiale kommen und somit zu einer Dauerschädigung. Die gesundheitliche Zukunft einer ganzen Generation steht auf dem Spiel.

Mehrere 10.000 Unterschriften in wenigen Wochen
Das zuständige Bundesministerium für Gesundheit und soziale Sicherung (BMGS) wiegelt weiterhin ab und verweist auf die Notwendigkeit der Ausgabenreduktion im Gesundheitswesen. Auch mehrere 10.000 Unterschriften von Patienten, die seit dem 01.04.2004 in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte gesammelt wurden, beeindrucken die Entscheidungsträger im BMGS und im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nicht. Da besonders sozial schwache Familien von dieser neuen Regelung betroffen sind, will sich der BVKJ mit dieser Situation nicht abfinden. "Unser Berufsverband sieht sich in dieser Situation mit der notwendigen, medizinischen Versorgung auch von Kindern und Jugendlichen aus ärmeren Familien konfrontiert. Wir werden uns speziell für diese Patienten einsetzen und nicht zulassen, dass Kinder, die in sozial schwachen Familien aufwachsen, so gravierende gesundheitliche Nachteile hinnehmen müssen. Das ist auch eine gesellschaftliche Verantwortung", mahnt Dr. Hartmann. Inzwischen liegen Anträge der Fraktionen der CDU/CSU und der FDP beim zuständigen Bundestagsausschuss vor, die die Bundesregierung auffordern, diesen Ausschluss der Erstattung zurückzunehmen. Diese Anträge unterstützt der BVKJ nachdrücklich.

3. Kinder müssen vor impfpräventiblen Erkrankungen geschützt werden. Krankenkassen sollen verpflichtet werden, die Kosten für von der STIKO und den zuständigen Länderbehörden empfohlene Impfungen grundsätzlich zu übernehmen
Der BVKJ akzeptiert nicht, dass die Krankenkassen nicht bereit sind, überall in Deutschland die Kosten für die generelle Windpockenimpfung aller Kinder und Jugendlichen zu übernehmen. Jährlich erkranken bei uns mindestens 750 000 Patienten an Windpocken und sind neben der Belastung durch die Erkrankung auch der Gefahr von ernsten Nebenwirkungen ausgesetzt.


4. Kinderfrüherkennungsprogramm endlich neuen Erkenntnissen anpassen
Das aus dem Anfang der 70er Jahre stammende Krankheits-Früherkennungsprogramm für Kinder muss dringend überarbeitet und den wissenschaftlichen Erkenntnissen und der gewandelten Struktur unserer Gesellschaft angepasst werden. Eine Kommission der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) hat deshalb in dreijähriger Arbeit entsprechende Vorschläge zur Neukonzeption dieses, von den Patienten hervorragend akzeptierten Früherkennungsprogramms erarbeitet, leider blockieren die Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) die schnelle Umsetzung.

Der BVKJ geht deshalb zusammen mit der DAKJ eigene Wege und bietet ein ergänzendes Früherkennungsprogramm im Alter von 3, 7-8, 9-10 und 16-18 Jahren an. Privatpatienten erhalten diese Leistungen von ihren Kassen erstattet, da ihnen jährliche Vorsorgen zustehen, gesetzlich Krankenversicherte müssen diese wichtigen Untersuchungen aus eigener Tasche bezahlen und auf Kulanz ihrer Kassen hoffen. Im Rahmen von Hausarztmodellen bieten Kassen zwar jährliche Vorsorgen für Erwachsene zusätzlich an, deren Inhalt in keiner Weise evaluiert ist, Kinder- und Jugendliche, bei denen die Prävention sicher von höherem Nutzen ist als bei Erwachsenen, bleiben außen vor.

Dr. med. Wolfram Hartmann
Berufsverband der Kinder- und
Jugendärzte (BVKJ)
Präsident