Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

20.06.2008

Presseerklärung von Prof. Dr. Stefan Wirth, wissenschaftlicher Tagungsleiter des 39. Kinder- und Jugendärztetages des BVKJ in Berlin zum Thema „Neue Herausforderungen in der Kinder- und Jugendmedizin - Bindungs- und Interaktionsstörungen“

Eine normale Bindungsentwicklung im Säuglingsalter ist die Grundvoraussetzung für eine normale psychosoziale Entwicklung bis zum Erwachsenen in unserer Gesellschaft. Bindungsbedürfnisse sind biologische Grundbedürfnisse. Das Bindungssystem ist ein Regulationssystem, welches insbesondere in Situationen von Verunsicherung und Angst aktiviert wird. Bindungspersonen stellen eine zeitweise einzigartige und essentielle Regulationshilfe dar. Die Organisation von Bindung geschieht in der Beziehung mittels einer Bindungs- und Regulationsbalance (Nähe- und Distanzregelung), wobei die Bindungsperson die sichere Basis repräsentiert. Eine sichere Bindung lässt den offenen Austausch über Gefühle und die Kompromissbereitschaft bei Konflikten zu. Sie fördert die Entwicklung des Selbstbewusstseins und die Selbstverantwortung bei Belastung.

Bindungsstörungen und die Folgen…

Eine unsicher-vermeidende bzw. ambivalente Bindung ist durch den fehlenden Austausch über Gefühle, die Anpassung an äußere Erwartungen, einer emotionalen Pseudounabhängigkeit und des selbstbezogenen Umgangs bei Belastungen charakterisiert. Es fehlt die Kompromissbereitschaft und häufig handeln die Personen bei Belastung wenig selbstverantwortlich. Je unsicherer die Bindung ist oder sich entwickelt, desto mehr ist sie von fehlenden Anpassungsstrategien und von Furcht in der Interaktion mit der Bindungsperson geprägt. Dies führt zu einem anhaltenden Konflikt zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit durch die Bindungsperson und Furcht vor ihr.
Im Wesentlichen unterscheidet man reaktive Bindungsstörungen insbesondere bei jüngeren Kindern und Bindungsstörungen mit Enthemmung, die sich aus der reaktiven Bindungsstörung jenseits des 5. Lebensjahres entwickeln kann. Die klinische Symptomatik kann bei Säuglingen mit übermäßigem Schreien, Schlafstörungen, Nahrungsverweigerung oder Fütterstörungen einhergehen.

Langzeitprognose äußerst ungünstig

Bei älteren Kindern stehen widersprüchliche oder ambivalente Reaktionen in unterschiedlichen sozialen Situationen im Vordergrund. Hierzu gehören aggressive Verhaltenszüge genauso wie Nähe- und Trostsuche ohne wesentliche Differenzierung gegenüber vertrauten und fremden Menschen. Besonders auffällig sind distanzlose Interaktionen mit Fremden und die fehlende Nähe- und Kontaktsuche bei einer Bezugsperson unter Belastung. Zahlreiche weitere Symptome wie Interaktionsstörungen mit Gleichaltrigen, Übervorsichtigkeit, Mangel an emotionaler Ansprechbarkeit und weitere Verhaltensauffälligkeiten können auftreten. Je nach Behandlung und Reaktion der Umgebung wird der Bildungsweg mehr oder weniger schwierig. Die Langzeitprognose ist nicht besonders günstig. Häufig sind die Kinder- und Jugendlichen Außenseiter und sozial isoliert. Einige neigen zu Gewalttaten mit den entsprechenden strafrechtlichen Konsequenzen. Im Actio- gleich Reactio-System verschlechtert sich auf diese Weise die Prognose einer Rückkehr in eine gesellschaftadäquate Sozialisierung immer mehr.
Die Gründe für eine Bindungsstörung sind vielfältig, haben aber als kleinsten gemeinsamen Nenner immer eine inadäquate Behandlung der Basis-Bedürfnisse der Kinder im Säuglings- und Kleinkindesalter. Als extreme Form sind Verwahrlosung und emotionale Vernachlässigung zu nennen. Angst der Mutter/der Eltern, Überforderung und unzureichende Erziehungskompetenz oder eine eigene (psychiatrische) Erkrankung können eine wesentliche Rolle spielen. Aus Adoptionsstudien ist gut bekannt, dass je nach Dauer der Deprivation die Häufigkeit schwerer Bindungsstörungen bei 30-50 Prozent liegen kann.

Umfeldfaktoren spielen große Rolle

Bei älteren Kindern kann übermäßiger Medieneinfluss und/oder familiäre Stresssituationen wie Trennung der Eltern, neue Partnerbindungen der Eltern mit der Konsequenz neuer familiärer Konstellationen teilweise mit patchwork-Charakter zur weiteren Labilisierung einer schwachen Bindung führen. In diesen Zusammenhang kann auch die zunehmende Inzidenz der Hyperaktivität gestellt werden.
Bei der Beurteilung der genannten Symptome müssen immer auch Störungen mit kognitiver Behinderung oder autistischen Zügen abgegrenzt werden.
Die Therapie von Bindungsstörungen ist umfangreich und orientiert sich an den Symptomen. In der frühen Kindheit sind eine gezielte Förderung der elterlichen Feinfühligkeit und das Training von Belastungs- und Bewältigungsverhaltensweisen sinnvoll. Später kann verhaltenstherapeutisch unterstützt werden. Maßnahmen zur Verbesserung des Selbstwertgefühls sind wichtig. Trotz aller Bemühungen lassen sich Persönlichkeitsstörungen mit vielschichtigen Konsequenzen im Erwachsenenalter bei zahlreichen Kindern nicht vermeiden.

Auf die Früherkennung kommt es an

Es steht außer Zweifel, dass Interventionen so früh wie möglich beginnen müssen. Bei abnehmender Kinderzahl in Deutschland und zunehmender Alterung der erziehenden Generation ist es von großer gesellschaftlicher Bedeutung, präventive Mechanismen zu etablieren, um eine leistungsfähige und kompetente Folgegeneration zu erhalten.
Kinder- und Jugendärzte sind als enge Bezugspersonen der Familien prädestiniert, eine wesentliche Rolle in einem umfassenden Präventionsprogramm zu übernehmen.
Die diesjährige Jahrestagung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Berlin beschäftigt sich daher ausführlich mit Bindungs- und Interaktionsstörungen.

Prof. Dr. med. Stefan Wirth
Zentrum für Kinder und Jugendmedizin, HELIOS Klinikum Wuppertal
Universität Witten/Herdecke

Dr. med. Antonio Pizzulli
Kinder- und Jugendarzt, Köln