Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

19.06.2009

Presseerklärung von Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.), anlässlich der Pressekonferenz am 19. Juni 2009 im Rahmen des 39. Kinder- und Jugendärztetages des BVKJ in Berlin

1. Bestmögliche gesundheitliche Versorgung aller Kinder und Jugendlichen – Nein zu einer Priorisierung

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) lehnt eine Priorisierung bei der medizinischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen ab. Kinder und Jugendliche haben, unabhängig von der wirtschaftlichen Situation ihrer Eltern, einen Anspruch auf „das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies schließt ein, dass sie Zugang zu allen medizinischen Leistungen haben, die dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen und im Gesundheitswesen in Deutschland verfügbar sind.

Der Staat hat dafür zu sorgen, dass diese Leistungen auch angemessen finanziert werden, entweder über Krankenversicherungen oder aus Steuermitteln.


2. Chancengleichheit für alle Kinder

„Das Wohl des Kindes ist ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist“ (UN-Kinderrechtskonvention von 1992). Dies gilt auch für andere Bereiche unserer Gesellschaft. Wir Kinder- und Jugendärzte beobachten mit Sorge, dass in Deutschland Kinder nicht ausreichend zu essen haben und Hunger leiden müssen. Die Hartz IV-Regelsätze für ein Kind bis zum Alter von 14 Jahren liegen bei 211 Euro im Monat. Davon kann man ein Kind nicht gesund ernähren, davon können die Grundbedürfnisse eines Kindes nicht gestillt werden. In Deutschland beziehen etwa 1,6 Millionen Kinder Hartz IV Leistungen in dieser Höhe, sie sind erheblich gegenüber anderen Kindern aus wirtschaftlich besser gestellten Familien benachteiligt. Das sieht auch das Bundessozialgericht so.

Wir haben die Politik bereits seit Jahren aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen diese Armut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Dies ist bisher nicht geschehen. Mit finanziellen Zuwendungen an die Eltern allein ist es dabei nicht getan. Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten.

Die anhaltenden Streiks in den kommunalen Kindertageseinrichtungen zeigen, dass hier noch sehr viel im Argen liegt. Wir fordern allerdings die Erzieherinnen, Erzieher und ihre Gewerkschaften auf, andere Wege zur notwendigen Verbesserung der Arbeitssituation in den Kindertageseinrichtungen zu suchen und nicht durch tagelange Bestreikung dieser notwendigen Einrichtungen den Kindern zu schaden, die kompetente Förderung benötigen, und die oft bitter notwendige Erwerbstätigkeit der Eltern zu gefährden.

Auch wir Kinder- und Jugendärzte befinden uns zusammen mit unseren Mitarbeiterinnen in den Praxen, die ebenfalls physisch und psychisch massiv belastet sind und nicht gerade üppig verdienen, in einer sehr unbefriedigenden Situation durch die anhaltende Unterfinanzierung des Gesundheitswesens und tragen dies nicht auf dem Rücken von Kindern und Eltern aus.


3. Soziale Brennpunkte

Die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit und in der Lage, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, auch nach der Honorarreform 2009 eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Wir können bereits jetzt in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten und von einer Unterversorgung sprechen. Dies betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern alle Altersgruppen.

In zunehmendem Maße müssen wir uns mit sozialen Problemen befassen und versuchen, in Netzwerken zusammen mit anderen Berufsgruppen die Defizite aufzuarbeiten, die Kinder aufgrund mangelnder pädagogischer Förderung im Elternhaus erleiden. Unser Staat kann es sich einfach nicht leisten, dass zahlreiche Kinder mit gutem Entwicklungspotential dahinkümmern, nicht gefördert werden und später durch mangelnde Bildungsabschlüsse und berufliche Qualifikation der Allgemeinheit zur Last fallen. Frühe Förderung ist wesentlich kostengünstiger. Dieses Engagement der Kinder- und Jugendärzte wird aber nicht bezahlt.


4. Zweiklassenmedizin staatlich gewollt

Die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr führt zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diesen Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung, gerade auch bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt. Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, besteht für gesetzlich krankenversicherte Kinder z.B. im wichtigen 3. Lebensjahr und dann auch im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..

Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen!


5. Hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen

Die Gesundheitspolitik der Bundesregierung ist auf die Einrichtung eines Primärarztsystems in Deutschland ausgerichtet, in dem der Hausarzt die Funktion eines „Lotsen durch das Gesundheitssystem“ übernehmen soll. Die Regelungen in § 73 b SGB V räumen den Allgemeinärzten hier eine herausragende Position ein. Die Verträge zur hausarztzentrierten Versorgung nach § 73 SGB V berücksichtigen die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen in keiner Weise. Der BVKJ verlangt entsprechend den gesetzlichen Möglichkeiten separate Verträge zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit folgenden Inhalten:

  • Die Regelversorgung von Kindern und Jugendlichen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres erfolgt durch Ärztinnen und Ärzte mit abgeschlossener pädiatrischer Weiterbildung
  • Ärzte ohne abgeschlossene Weiterbildung in Kinder- und Jugendmedizin müssen Mindestweiterbildungszeiten auf diesem Gebiet absolviert haben und den Nachweis einer kontinuierlichen Fortbildung im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin erbringen, wenn sie Kinder und Jugendliche behandeln wollen
  • Kinderfrüherkennungsuntersuchungen bis zum vollendeten 12. Lebensjahr verlangen den Nachweis einer abgeschlossenen Weiterbildung im Gebiet der Kinder- und Jugendmedizin
  • Ausbau der primären und sekundären Prävention mit zusätzlichen Untersuchungen auch im Grundschulalter (U10, U11) und einer Jugendgesundheitsuntersuchung zwischen 16 und 18 Jahren (J2)
  • Zusatzvergütung für spezifisch pädiatrische Leistungen (wie Entwicklungsdiagnostik, Testverfahren, individuelle Instruktionen bei frühkindlichen Regulations- bzw. familiären Interaktionsstörungen, frühkindlichem Asthma < 5. LJ., Neurodermitis, ADS/ADHS, Betreuung von Frühgeborenen und Neugeborenen mit Risikofaktoren, von Kindern mit chronischen und/oder seltenen Erkrankungen, sozialpädiatrische Zusatzpauschale zur Betreuung in interdisziplinären Netzwerken zur frühen Hilfe usw.) nur für Kinder- und Jugendärzte
  • Überweisung an Spezialambulanzen in Kinderkliniken nur durch Kinder- und Jugendärzte
  • kindgerechte Ausstattung der Praxis

Wir haben in mehreren Verträgen mit einigen gesetzlichen Krankenkassen auf Bundes- und Länderebene bewiesen, dass wir zuverlässige Vertragspartner sind und garantieren können, dass sich die große Mehrheit unserer vertragsärztlich tätigen Mitglieder in die vom BVKJ geschlossenen Verträge einschreibt und sie mit Leben füllt. Es gibt nur wenige offene Zulassungsbezirke für unsere Fachgruppe, eine weitgehend flächendeckende Versorgung kann somit als gesichert angesehen werden.

Zum 01.04.2009 haben wir in Bayern mit der AOK Bayern einen Vertrag zur Pädiatriezentrierten Versorgung (PZV) nach § 73 SGB V abgeschlossen, der aufgrund seiner Inhalte eine Blaupause für alle weiteren Verträge des BVKJ mit den gesetzlichen Krankenkassen darstellt.
Wir erwarten von allen Krankenkassen, dass sie sich ihrer Verantwortung für die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen bewusst werden und bundesweit mit uns entsprechende qualitätsgesicherte Verträge abschließen.

6. Kinder und Medien

Wir Kinder- und Jugendärzte müssen leider in den letzten Jahren eine ganz erhebliche Zunahme des Missbrauchs von Kindern im Rahmen von Werbung und Medienpräsenz feststellen und lehnen die Ausstrahlung einer Serie (RTL „Eltern auf Probe“), in der die besonderen Schutzbedürfnisse und Persönlichkeitsrechte von Säuglingen oder Kleinkindern unter dem Vorwand eines pädagogischen Anspruchs („Teenagerschwangerschaften vermeiden“) verletzt werden, ab. Unser Verband setzt sich intensiv für die Kinderrechte und gegen die Missachtung der Persönlichkeitsrechte von Kindern ein. In unserer täglichen Praxis erleben wir leider in zunehmendem Maße Auswüchse solcher Missachtung dieser Rechte einer sehr verletzlichen Patientengruppe. Kinder sind keine Ware, ihr Einsatz im Rahmen von Werbung oder medialer Vermarktung muss beschränkt und nur an den positiven Aspekten auf ihre eigene Entwicklung ausgerichtet sein. Je jünger sie sind, umso eher benötigen sie unsere Fürsorge und das Bewusstsein unserer großen Verantwortung für ihre bestmögliche Entwicklung. Eltern haben nicht das Recht, ihre Kinder zu vermarkten.

Anmerkung für die Redaktionen:

Bei Nachfragen steht Ihnen

Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685 mobil : 0173-5142802
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Verantwortlich: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel: 0221/68909-0

Pressesprecher: Dr. med. Uli Fegeler, Berlin