Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

16.10.2006

Presseerklärung von Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.), anlässlich der Pressekonferenz am 16. Oktober 2006 im Rahmen des 34. Herbst-Seminar-Kongresses des BVKJ in Bad Orb

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) sieht die Zukunft der eigenständigen Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland in großer Gefahr.


Etwa 35 Prozent der aus Altersgründen freiwerdenden Kinder- und Jugendarztpraxen in Deutschland finden keinen Nachfolger mehr. Das Durchschnittsalter der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland ist mit > 45 Jahren das höchste aller Arztgruppen, ca. 24 Prozent der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte haben das 60. Lebensjahr überschritten, so viel wie in keiner anderen Arztgruppe.


Auch wenn die Zahl der Kinder und Jugendlichen pro berufstätigem Kinder- und Jugendarzt in den letzten Jahren aufgrund der zurückgehenden Geburtenrate kontinuierlich gesunken ist, ist absehbar, dass innerhalb der nächsten 5 Jahre eine flächendeckende Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte nicht mehr gesichert ist, da Weiterbildungsstellen in den Kliniken fehlen und eine mögliche Weiterbildung in den Praxen niedergelassener Kinder- und Jugendärzte an der fehlenden finanziellen Unterstützung durch Kassen und KVen scheitert.


Und das zu einer Zeit, in der immer mehr Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind, schlechte Startbedingungen haben und entsprechend den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention von 1990 einen Anspruch auf “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” haben. Um gerade den sozial benachteiligten sowie den chronisch kranken Kindern und Jugendlichen bessere Chancen im Leben zu geben, ist eine flächendeckende ambulante und stationäre Versorgung mit Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin unbedingt erforderlich. Die soeben veröffentlichten Studienergebnisse des Robert Koch-Instituts (RKI) über die Kindergesundheit in Deutschland haben ganz deutlich gezeigt, dass Kinder und Jugendliche aus unteren sozialen Schichten in ihrer Entwicklung gegenüber den anderen Kindern und Jugendlichen erheblich benachteiligt sind und Defizite aufweisen, die einer dringenden Förderung bedürfen.


Hier müssen im Sinne des Kindeswohls viele Berufsgruppen in Teams zusammen arbeiten, so wie dies in diesem Jahr bundesweit in der Politik und anderen gesellschaftlichen Gruppen diskutiert worden ist, als traurige Fälle von Kindesvernachlässigung und –Misshandlung bekannt wurden. Der BVKJ hat konkrete Vorschläge unterbreitet, die u.a. auch ein völlig neu gestaltetes Vorsorgeprogramm umfassen. Das derzeitige Früherkennungsprogramm für Kinder ist lückenhaft, umfasst nur die sekundäre Prävention im Hinblick auf Krankheitsfrüherkennung, aber nicht die primäre Prävention zur Verhinderung von Krankheiten. Auch haben Kinder im Grundschulalter zwischen 6 und 10 Jahren bislang keinen Anspruch auf gesetzliche Früherkennungsuntersuchungen.


Deshalb fordert der BVKJ, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:
(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..


Bisher lehnt dies die Bundesregierung aus unerfindlichen Gründen ab.


Auch der bisher bekannte Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung des Wettbewerbs in der GKV (GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz – GKV-WSG) zeigt nicht, dass sich die Bundesregierung der Probleme im Gesundheitswesen wirklich bewusst und bereit ist, nachhaltige Lösungen zu präsentieren.


Wir begrüßen es ausdrücklich, dass Impfungen in Zukunft Pflichtleistungen der GKV sein sollen - dies entspricht einer jahrelangen Forderung des BVKJ, wir halten es aber für nicht erforderlich, dass der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Beschlüsse der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut (STIKO), die ja eine wissenschaftliche Expertenkommission darstellt, die von der Bundesregierung berufen wurde, absegnen muss. Wenn die STIKO einen in Deutschland zugelassenen Impfstoff empfiehlt, weil er sicher, wirksam und unter seuchenhygienischen Aspekten empfehlenswert ist, dann hat dieses Urteil automatisch dazu zu führen, dass die GKV den Versicherten diesen Impfstoff auch kostenlos zur Verfügung stellt. Impfungen sind die beste primärpräventive Maßnahme überhaupt und sparen langfristig erhebliche Kosten im Gesundheitswesen und anderen sozialen Bereichen ein. Die Preise sind dann zwischen Herstellern und Kassen zu verhandeln. Wir begrüßen auch die Verpflichtung für die gesetzlichen Krankenkassen, Mutter/Vater-Kind-Kuren in Zukunft zu finanzieren.


Wir verlangen aber, dass die Unterfinanzierung im ambulanten und stationären Versorgungsbereich, die die Kinder- und Jugendmedizin wegen ihrer zuwendungsintensiven Tätigkeit ganz besonders betrifft, endlich beendet wird und ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, um eine “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” von Kindern und Jugendlichen in Deutschland langfristig sicherzustellen. Dazu gehört eine kostendeckende Vergütung ohne Budgetierung überall in Deutschland, eine Mitfinanzierung auch von Weiterbildungsstellen in der Praxis und eine gesicherte Finanzierung der Versicherung von Kindern sowohl bei der GKV als auch in der PKV. Es ist nicht hinzunehmen, dass derzeit etwa 200.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht krankenversichert sind.


Wir verschließen uns nicht den Vorschlägen einer gewissen Pauschalierung von Grundleistungen, wenn gesichert ist, dass besondere Qualifikationen in der fachärztlichen Kinder- und Jugendmedizin (Neuropädiatrie, Kinderkardiologie, Kinder-Nephrologie, Kinder-Hämatologie/Onkologie, Kinder-Rheumatologie, Kinder-Gastroenterologie, Kinder-Endokrinologie, Kinder-Pneumologie/Allergologie) auch adäquat vergütet werden und bestimmte Einzelleistungen wie Prävention, Leistungen im Notfalldienst usw. erhalten bleiben. Transparenter wäre allerdings die generelle Kostenerstattung.


Wir Kinder- und Jugendärzte sind bereit, uns den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, neue Versorgungsformen und Kooperationen zwischen Praxis und Klinik mitzugestalten. Entsprechende Modelle wurden von uns erarbeitet und verschiedenen Kassenverbänden angeboten. Leider ist es aufgrund des Widerstands der Kassen bisher nur zu vereinzelten innovativen Verträgen gekommen, da Kinder in den Planungen der meisten Kassen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Hier muss ganz sicher politischer Druck nachhelfen.


Auch wenn überall von Qualität und Qualifikation gesprochen wird, muss sichergestellt werden, dass da, wo Qualität draufsteht, auch Qualität drin ist. Die neuen Morbiditäten im Kindes- und Jugendalter wie Entwicklungsdefizite, Verhaltensstörungen, Adipositas, seltene und chronische Erkrankungen usw. erfordern eine besondere Qualifikation der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, also mindestens eine abgeschlossenen 5-jährige Weiterbildung im Fach Kinder- und Jugendmedizin.
Im Hausärztlichen Versorgungsbereich muss es eine Aufgabenteilung geben. Allgemeinärzte, die in der Fläche Kinder bei akuten Erkrankungen mitversorgen, müssen sich entsprechend im Fach Kinder- und Jugendmedizin weiterbilden. Die Betreuung von Kindern mit Entwicklungsstörungen, seltenen und chronischen Erkrankungen, die Durchführung von Kinder-Vorsorgeuntersuchungen muss aber Ärztinnen und Ärzten mit abgeschlossener kinder- und jugendärztlicher Weiterbildung vorbehalten bleiben. Dies spart nachweislich Kosten im Gesundheitswesen und trägt dazu bei, dass die wenigen Kinder, die wir noch haben, einigermaßen gesund erwachsen werden können und auf ihrem Weg die bestmögliche Förderung erhalten. Natürlich ist dies nicht allein eine medizinische Aufgabe, aber die moderne Kinder- und Jugendmedizin trägt wesentlich dazu bei.


Anmerkung für die Redaktionen:
Bei Nachfragen steht Ihnen
Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de


Verantwortlich:
Berufsverband der Kinder-und Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2
51069 Köln
Tel: 0221/68909-0


Pressesprecherin:
Dr. med. Gunhild Kilian-Kornell