Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

20.06.2008

Presseerklärung von Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.), zur Pressekonferenz am 20. Juni 2008 anlässlich des 39. Kinder- und Jugendärztetages des BVKJ in Berlin

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) ist über die anhaltende Armut bei Kindern und Jugendlichen und ihren Familien in Deutschland sehr besorgt. Armut und Krankheitshäufigkeit von Kindern und Jugendlichen sind eng miteinander verknüpft. Die KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts hat eindrucksvoll belegt, dass Kinder und Jugendliche aus schwächeren sozialen Gruppierungen in vielerlei Hinsicht benachteiligt sind und mit ganz erheblichen Belastungen ihren weiteren Lebensweg antreten.

Sie leiden überdurchschnittlich häufig unter den Folgen von Fehlernährung und Bewegungsmangel, sind negativen Einflüssen von Medien in großem Maße ausgesetzt, haben nur eingeschränkten Zugang zu früher musikalischer Erziehung und den Angeboten regionaler Vereine und neigen häufiger zu psychosomatischen und psychischen Erkrankungen sowie zu mangelndem Selbstwertgefühl. Dies äußert sich in Bauch- und Kopfschmerzen, Depressionen und sogar in Suizidgedanken. Kinder aus armen Familien weisen mehr frühkindliche Entwicklungsdefizite auf, brechen deshalb häufiger die Schule ab und haben eine schlechte Sozialprognose. Wir erleben das regelmäßig in unseren Praxen - eine Herausforderung, auf die unser Gesundheitswesen, aber auch unsere Gesellschaft bisher nicht ausreichend vorbereitet ist.

Auch Nikotin- und Alkoholmissbrauch ist in diesen Bevölkerungsgruppen wesentlich häufiger und wird ins Erwachsenenalter mitgeschleppt. Dies verschlechtert die Startchancen der Kinder in aller Regel und bestimmt den weiteren Lebensweg. Eine wirksame Bekämpfung der Armut von Familien muss nach unserer Auffassung in Deutschland höchste Priorität haben. Der 10-Punkte-Plan der SPD ist nach unserer Ansicht hier ein erster Schritt in die richtige Richtung, ebenso die Vorschläge des DGB.

Die Politik wird aufgefordert, in einem jährlichen Bericht darzulegen, was sie in den vergangenen 12 Monaten gegen diese Armut unternommen und welche Erfolge sie erzielt hat. Mit finanziellen Zuwendungen an die Eltern allein ist es dabei nicht getan. Die Familien müssen wirksam von Fachleuten begleitet und in ihrer Erziehungs- und Alltagskompetenz gestärkt werden. Dazu gehören neben aufsuchender Betreuung der Familien ebenso kostenlose Kindertageseinrichtungen, in denen neben der Erziehung und Bildung der Kinder auch den Familien Kompetenz und Stärke vermittelt wird. Wir fordern aber höchste Qualität bei diesen Angeboten.

Kinder aus Randgruppen sind unterversorgt

Aber auch die medizinische Versorgung von Kindern aus sozialen Randgruppen befindet sich in großer Gefahr. Durch die anhaltende Unterfinanzierung ärztlicher Leistungen im GKV-System sind die Kolleginnen und Kollegen nicht mehr bereit, sich in Wohnvierteln mit einem hohen Anteil an Arbeitslosen, Migranten und anderen Randgruppen niederzulassen, da sie mit den Honoraren, die die gesetzlichen Krankenkassen zahlen, eine zuwendungs- und zeitintensive Tätigkeit an solchen Standorten nicht mehr finanzieren können. Wir können bereits jetzt in bestimmten Stadtteilen von Berlin, Hamburg, Bremen, Köln und anderen Großstädten diese Entwicklung beobachten und von einer Unterversorgung sprechen. Dies betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern alle Altersgruppen.

Auch führt die Nicht-Erstattung der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel bei Jugendlichen ab dem vollendeten 12. Lebensjahr unverändert zu einer schlechteren Versorgung ärmerer Bevölkerungsgruppen, da sie sich diese Medikamente, die zu einer ärztlichen Standardversorgung gerade bei bestimmten chronischen Erkrankungen gehören, nicht leisten können. Ebenso sind Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien bei den Vorsorgeleistungen erheblich benachteiligt.

Während Privatversicherte nach dem Willen des Gesetzgebers ab dem vollendeten 2. Lebensjahr bis zum 14. Lebensjahr einen Anspruch auf jährliche Vorsorgeuntersuchungen haben, haben gesetzlich krankenversicherte Kinder etwa im wichtigen 3. Lebensjahr und dann auch im Alter von 6 bis 11 Jahren keinerlei Anspruch auf entsprechende Untersuchungen. Sie werden in Kindergärten und Schulen auch nicht vom öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) betreut, da dieser in den letzten Jahren personell erheblich ausgedünnt worden ist. Besonders für soziale Randgruppen hat aber ein flächendeckender und personell gut ausgestatteter ÖGD eine wichtige Funktion.

Zweiklassenmedizin bei der Kindervorsorge

Der BVKJ fordert seit langem, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..

Bisher lehnt dies die Bundesregierung aus unerfindlichen Gründen ab. Wir fordern eine umgehende Beendigung der Zweiklassenmedizin im Bereich der Kindervorsorgeuntersuchungen!

Die jetzt mit großem Beifall aus der Politik vom G-BA beschlossene U7a wird von uns als Lückenschluss zwischen der U7 mit 2 Jahren und der U8 mit 4 Jahren ausdrücklich begrüßt, denn diese Forderung vertreten wir seit vielen Jahren. Betrachtet man aber die Inhalte dieser neuen Vorsorgeuntersuchung, so macht sich bei uns doch große Enttäuschung breit. Es ist den Krankenkassen im Gemeinsamen Bundesausschuss
(G-BA) gelungen, die unbedingt notwendige inhaltliche Weiterentwicklung der Kindervorsorgen zu blockieren. Die neue U7a ist angepasst an die völlig veralteten bisherigen Vorsorgeuntersuchungen aus den siebziger Jahren und ignoriert die von uns erarbeiteten Vorschläge zur Primärprävention und den neuen Morbiditäten. Kindesmisshandlung und –Vernachlässigung werden ebenso unzureichend erfasst wie mit dem bisherigen Vorsorgeprogramm. Weiterhin offen bleibt die große Lücke im Grundschulalter zwischen 6 und 10 Jahren.


Flickenteppich bei der Früherkennung

Zur Verhinderung von Kindesvernachlässigung und/oder –Misshandlung sind die gesetzlichen Früherkennungsuntersuchungen nur sehr bedingt geeignet. Sie enthalten bislang keine primärpräventiven Fragestellungen und haben zu große zeitliche Lücken, als dass sie diesem Anspruch auch nur annähernd gerecht werden können. Trotzdem hat natürlich jedes Kind ein Grundrecht auf “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention. Dazu gehören neben den Vorsorgeuntersuchungen natürlich auch Impfungen. Deshalb stimmt der BVKJ einer gesetzlichen Verpflichtung zur Teilnahme an Kindervorsorgeuntersuchungen auch zu, sieht aber die Pflicht, diese Teilnahme nachzuweisen, eher bei den Eltern als bei den Ärztinnen und Ärzten. Kinder im ersten Lebensjahr, die noch nicht gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken geimpft werden können, aber eine Betreuungseinrichtung besuchen, müssen durch eine Impfpflicht für alle älteren Kinder in diesen Einrichtungen vor möglichen schwersten Folgen dieser impfpräventiblen Erkrankungen geschützt werden.

Es geht alles viel zu langsam. Wir haben auch nach wie vor einen Flickenteppich. Die Vorgaben des Kindergipfels bei der Bundeskanzlerin vom Dezember 2007 wurden bislang nur von einer Minderheit der Bundesländer erfüllt. Das Saarland hatte bereits vor eineinhalb Jahren begonnen, inzwischen gibt es die Verbindlichkeit für die Kindervorsorgeuntersuchungen auch in Rheinland-Pfalz, Hessen, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Bayern. Nordrhein-Westfalen will 2009 starten.

Wir sind bereit, in Teams und Netzwerken mitzuarbeiten, unsere Kompetenz einzubringen und somit die Situation besonders der benachteiligten Kinder und Jugendlichen im eigentlich reichen Deutschland nachhaltig zu verbessern. Kinderrechte müssen in unserer Gesellschaft einen wesentlich höheren Stellenwert bekommen. Kinder und Jugendliche müssen in die Entscheidungen eingebunden werden, denn es geht um ihre Zukunft.

Der auf der anderen Seite, der von der Politik als innovativ überschwänglich begrüßt wurde, berücksichtigt die berechtigten Interessen von Kindern und Jugendlichen in keiner Weise. Der Vertrag kennt keine Altersgrenze, keine Qualifikationsanforderungen an Ärztinnen und Ärzte, die Kinder und Jugendliche betreuen wollen. Schreiben Eltern ihre Kinder auf Drängen bei einem Hausarzt ein, können diese Kinder nicht wie bisher zu besonderen Leistungen der Kinder- und Jugendmedizin wie Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder Leistungen der Entwicklungsdiagnostik an einen Kinder- und Jugendarzt überwiesen werden, denn Überweisungen innerhalb der hausärztlichen Versorgungsebene sind nicht möglich. Hat die Politik das bedacht?


Wo steht der Kinder- und Jugendarzt?

Wir Kinder- und Jugendärzte wollen wissen, welche Aufgaben uns die Politik in Zukunft im Gesundheitswesen in Deutschland zugesteht.

In den EU-Ländern gibt es drei unterschiedliche ambulante medizinische Versorgungssysteme für Kinder und Jugendliche:

  1. Grundversorgung ausschließlich durch Hausärzte (Niederlande, Großbritannien; Irland; Skandinavische Länder; Baltische Staaten);
  2. Grundversorgung bis zu einem unterschiedlichem Alter der Kinder ausschließlich durch Kinder- und Jugendärzte (Griechenland; Italien; Tschechien; Slowenien; Slowakei; Ungarn)
  3. Grundversorgung - in der Mehrzahl der Länder - durch ein “gemischtes System” von Kinder- und Jugendärzten sowie Hausärzten (Deutschland; Frankreich; Belgien; Österreich)

Die Hausärzte in den Ländern, in denen ihnen die Grundversorgung der Kinder obliegt, müssen während ihrer Weiterbildung spezielle Kenntnisse in Kinder- und Jugendmedizin nachweisen und durch vorgeschriebene Fortbildung auch regelmäßig auffrischen. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Kinder- und Jugendmedizin gehört in nahezu allen Bundesländern nicht zu den obligaten Inhalten einer allgemeinmedizinischen Weiterbildung, die große Mehrzahl der Allgemeinmediziner hat keinerlei Weiterbildungszeiten in der Kinder- und Jugendmedizin aufzuweisen, die Fortbildungsangebote der Allgemeinmedizin weisen nur sehr geringe Anteile an Kinder- und Jugendmedizin auf.

Kinder haben Anspruch auf qualifizierte Versorgung

Was wollen nun Politik und Gesellschaft? Bislang ist diese Frage nicht klar beantwortet. Wollen Sie eine ambulante und stationäre Betreuung von Kindern und Jugendlichen durch Ärztinnen und Ärzte mit nachgewiesenen eingehenden Kenntnissen im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin oder wollen Sie das nicht? Welche Position vertritt die Bundesregierung in der EU?

Der BVKJ fordert einen Qualifikationsnachweis für die Versorgung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere im Bereich der Vorsorgeuntersuchungen, bei Entwicklungsstörungen und bei chronischen und/oder seltenen Erkrankungen.

Anmerkung für die Redaktionen:
Bei Nachfragen steht Ihnen
Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
E-Mail:
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de

Verantwortlich: Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte,
Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel: 0221/68909-0

Pressesprecher: Dr. med. Uli Fegeler, Berlin