Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

16.10.2006

Presseerklärung Prof. Dr. med. Stefan Wirth und Prof. Dr. med. Harald Bode anlässlich des 34. Herbst-Seminar-Kongresses des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Deutschland (BVKJ) in Bad Orb

Prof. Dr. med. Stefan Wirth
Prof. Dr. med. Harald Bode
Wissenschaftliche Leitung


Das entwicklungsverzögerte Kind ist das Hauptthema des diesjährigen Herbst-Seminar-Kongresses. Dieses Thema ist für sehr viele Kinder und ihre Eltern bedeutsam und beschäftigt daher den Kinder- und Jugendarzt in Klinik und Praxis täglich in erheblichem Umfang.


Daten und Fakten:
Schuleingangsuntersuchungen in verschiedenen Bundesländern haben bei 20-30 Prozent der Kinder im Jahr vor der Einschulung Entwicklungsauffälligkeiten festgestellt. Wir wissen, dass bis zu 30 Kinder eines Jahrgangs im Vorschulalter Förder- oder Therapiemaßnahmen erhalten. Bei 5-10 Prozent der Kinder liegen Sprachstörungen vor, bei 15 Prozent der Kinder Lernstörungen, insbesondere in der Entwicklung schulischer Fertigkeiten, bei 3 - 5 Prozent ein Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitätssyndrom und bei 3 Prozent eine geistige Behinderung. Bei vielen Eltern besteht heute eine große Unsicherheit darüber, welche Fähigkeiten ein Kind in einem bestimmten Alter normalerweise haben sollte.


Erzieher, Lehrer, Therapeuten und Ärzte haben an die Kinder unterschiedliche Erwartungen und messen sie mit verschiedenen Maßstäben. Medien und Internet geben zahllose Ratschläge, die Eltern oft eher verunsichern, anstatt ihnen weiter zu helfen. Lebenspraktische Vorbilder in Familie, Freundeskreis oder Nachbarschaft zur Orientierung fehlen in unserer kinderarmen Leistungsgesellschaft vielerorts. Vor dem Hintergrund der steigenden Leistungsanforderung unserer Schul- und Arbeitswelt (z. B. Einschulung mit 5 Jahren, Fremdsprache in der Grundschule, 8jähriges Gymnasium) werden engagierte Eltern frühzeitig durch vermeintliche oder reale Entwicklungsverzögerung ihres Kindes beunruhigt, sorgen sich um dessen künftige Entwicklung und suchen Rat bei Fachleuten ihres Vertrauens.


In einer Zeit der maximalen Erwartungshaltung, in der möglichst alles perfekt sein soll, darüber hinaus Vorhaben schnell und reibungslos umgesetzt werden sollen, ist es vor allem für Eltern oft schwer zu akzeptieren, dass bei ihrem Kind die idealen Attribute zumindest in Teilbereichen nicht erfüllt werden. So kann es zu berechtigten, zum Teil aber auch übermäßigen, gelegentlich überflüssigen oder sogar schädlichen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen führen, die manchmal unrealistische Ziele verfolgen.
Ziel des Kongresses ist es, Kinder- und Jugendärzten die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Definition, Ursachen, Diagnostik, Förderung und Therapie der vermeintlicher oder tatsächlicher Entwicklungsverzögerungen/-störungen im Kindesalter zu vermitteln.


Normalität versus Entwicklungsverzögerung
Bevor man die Diagnose einer Entwicklungsverzögerung/-störung stellt, muss die Definition der normalen Entwicklung klar sein.
Untersuchungen haben eine große Variabilität der normalen kindlichen Entwicklung gezeigt. Bestimmte Fähigkeiten werden von gesunden und normal entwickelten Kindern in sehr unterschiedlichem Alter erworben. Dies gilt für zahlreiche Funktionsbereiche, z.B. die Motorik, Sprache, Intelligenz, das soziale und emotionale Verhalten sowie schulische Fertigkeiten.
Es ist deshalb erforderlich, dass sich unser Erziehungs- und Bildungssystem auf diese Tatsachen einstellt, das heißt flexibilisiert und nicht wie bisher Kinder mit allen Mitteln zu einem definierten Zeitpunkt in ein festes Raster zwängt.
Im weiten Spektrum der Normalität befinden sich auch Kinder mit sog. Entwicklungsverzögerung, die eine normale Entwicklungssequenz in dem ihnen eigenen, etwas langsameren Tempo durchlaufen. Davon abzugrenzen sind Entwicklungsstörungen, was nicht in jedem Fall einfach und zum Teil erst durch sorgfältige Verlaufsbeobachtungen möglich ist. Dabei muss zwischen umschriebenen Entwicklungsstörungen, z. B. der Sprache, Motorik oder des Lesens und Schreibens und über- bzw. tiefgreifende Entwicklungsstörungen, z. B. Intelligenzminderung, Autismus unterschieden werden. Störungen der emotionalen Befindlichkeit und des Verhaltens können in jedem Fall assoziiert sein. Vor der Einleitung geeigneter Förder- und Therapiemaßnahmen ist allerdings eine sorgfältige, oft interdisziplinäre Diagnostik erforderlich.


Medizinischbiologische Ursachen einer Entwicklungsstörung sind gar nicht so selten. Akute neurologische Erkrankungen (Gehirnschäden vor und während der Geburt, Hirnhautentzündung, Gehirnentzündung, Unfälle mit Gehirnquetschung, Gehirntumore u.a.), schwere körperliche Erkrankung (Herzfehler, chronische Darm- oder Nierenerkrankung, Krebserkrankungen u.a.) müssen bedacht werden. In vielen Fällen kann eine erfolgreiche Behandlung dieser Erkrankungen auch die Entwicklungsstörung beseitigen.


Dank wissenschaftlicher Fortschritte kann heute bei bis zu einem Drittel der Kinder mit deutlichen Entwicklungsstörungen eine genetische/ chromosomale Anomalie bzw. eine neurometabolische/neurodegenerative Erkrankung als Ursache erkannt werden. Wenn sich daraus auch bislang keine Ansätze für eine Heilung der Störung ableiten lassen, ist es doch für die Eltern wichtig, die Ursache und damit oft auch die Prognose der Entwicklungsstörung und der oft spezifischen Besonderheiten ihres Kindes zu kennen.


Psychosoziales Umfeld entscheidend
Leider finden Kinder- und Jugendärzte nicht nur die genannten biologischen Ursachen, sondern auch häufig psychosoziale Ursachen für Entwicklungsstörungen. Spektakuläre Fälle, über die in den letzten Jahren auch in den Medien berichtet wurde, sind nur die Spitze des Eisberges. Wir erleben viele Eltern, die vor dem Hintergrund sozialer Benachteiligung und mangelnder eigener Bildung und gesellschaftlicher Integration, immer wieder aber auch aus eigensüchtigen Motiven ihren Kindern nicht die erforderliche Förderung zukommen lassen. Entwicklungsstörungen infolge derartiger psychosozialer Ursachen sind durch frühzeitige Interventionen mit geeigneten Frühfördermaßnahmen besonders günstig zu beeinflussen. Ein Netz von kooperierenden Früherfassungssystemen in Verbindung mit gesicherten, notfalls staatlich legitimierten Interventionsmöglichkeiten unter Einbeziehung der Kinder- und Jugendärzte ist im Interesse dieser Kinder erforderlich und befindet sich an verschiedenen Stellen im Aufbau.


Vor dem Hintergrund einer rasch wachsenden Zahl von Kindern mit Migrationshintergrund stellt sich häufig die Frage, ob bei einem Kind mit Migrationshintergrund eine Entwicklungsstörung vorliegt. Die Diagnostik ist nicht nur aus sprachlichen Gründen schwierig, manchmal unmöglich. Andere Konzepte von Normalität und Krankheit, auch von Therapie bei den Eltern dieser Kinder gilt es herauszufinden als Voraussetzung für eine erfolgreiche Förderung oder Behandlung. Es muss im Interesse dieser Kinder vermehrte transkulturelle Kompetenz der Kinder- und Jugendärzte erreicht werden, aber auch eine verbesserte sprachliche Kompetenz und Integration von den Migranteneltern und –kindern erwartet werden.


Häufig schwierige Indikationsstellung
Die Konsequenzen einer diagnostizierten Entwicklungsverzögerung/-störung können unterschiedlich sein. Die familiären Kompetenzen und Ressourcen müssen einbezogen werden. Ziel ist stets, dem Kind und seiner Familie die bestmögliche Teilhabe am altersgemäßen sozialen Leben zu vermitteln. Wichtigster Schritt ist oft eine förderliche Gestaltung der kindlichen Lebenswelt in Familie, Kindergarten, Schule oder Freizeit. Dazu ist eine individuelle Prüfung des Bedarfs und der Möglichkeiten für jedes Kind und seiner Familie erforderlich. Die Beratung und Anleitung von Eltern, ggf. auch Erziehern und Pädagogen durch Kinder- und Jugendärzte, erfahrene Heil- oder Sonderpädagogen sowie Heilmittelerbringer sind wichtige Bausteine. Die Indikationen für Krankengymnastik, Ergotherapie und Logopädie sind oft unscharf und durch persönliche Erwartungshaltungen, Erfahrungen, wirtschaftliche Faktoren u.a. bestimmt. Manche sehen zu viele, andere zu wenige oder die falschen Heilmittelverordnungen. Auf diesem Kongress sollen praxistaugliche Hilfen zur sinnvollen und wirtschaftlichen Indikationsstellung von Heilmitteln dargestellt werden. Da wissenschaftliche Studien weitgehend fehlen, beruhen die Aussagen hierzu auf vorhandenem Expertenwissen.


Mit Entwicklungsstörungen assoziiert sind Erkrankungen wie das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS), Epilepsien oder spastische Bewegungsstörungen. Eine medikamentöse Behandlung bietet für viele an diesen Störungen leidenden Kindern anhaltende Symptomfreiheit oder -minderung.
Im Konzert der Therapieoptionen bei Entwicklungsstörungen haben die verschiedenen Hilfsmittel einen wichtigen Stellenwert. Besonders bei kindlichen Bewegungsstörungen können Einlagen, Schienen, Orthesen, Gehhilfen und diverse Transportmittel die Mobilität der Kinder und ihrer Familien sehr verbessern. Der verordnende Kinder- und Jugendarzt lernt darüber in seiner Ausbildung praktisch nichts. Er soll im Rahmen des Kongresses richtungsanzeigende Hinweise bekommen. Gleiches gilt für andere technische Verfahren wie das Cochlea-Implant zum Aufbau eines Hörvermögens bei tauben Kindern sowie für spezielle orthopädische Maßnahmen.


Eltern haben tragende Rolle
Last but not least sollte der Kinder- und Jugendarzt bei allen Maßnahmen in Diagnostik und Therapie bei Kindern mit Entwicklungsverzögerung/-störung die Eltern und deren Sichtweisen einbeziehen. Wenn ihre Wünsche, Erfahrungen und Kompetenzen berücksichtigt werden, führt dies nicht nur zu einem gestärkten wechselseitigen Vertrauen und beiderseitigem Lernen, sondern auch zu einem verbesserten Behandlungsergebnis und am Ende zu nachweislich höherer Zufriedenheit aller Beteiligten. Beispielhaft wird die Mutter eines autistischen Kindes als gewordene Spezialistin für die Erkrankung ihres Kindes ihre eigenen Erfahrungen und Wünsche aus langjähriger Betroffenheit den anwesenden Kinder- und Jugendärzten mitteilen.


Prof. Dr. med. Harald Bode, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm, Sozialpädiatrisches Zentrum


Prof. Dr. med. Stefan Wirth, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
HELIOS Klinikum Wuppertal, Universität Witten-Herdecke


Dr. Antonio Pizulli, Kinder- und Jugendarzt, Köln



Pressesprecherin des BVKJ:
Dr. med. Gunhild Kilian-Kornell