Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

17.06.2004

Kinder- und Jugendärzte: Erste negative Auswirkungen der neuen Gesundheitsgesetze auf die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen

1. Chronisch-kranke Jugendliche müssen notwendige Medikamente aus eigener Tasche bezahlen
Die vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) am 16.03.2004 beschlossenen restriktiven Regelungen zur Erstattungsfähigkeit von nicht-verschreibungspflichtigen (OTC)-Präparaten bei Patienten nach vollendetem 12. Lebensjahr führen zu einer erheblichen Mangelversorgung chronisch-kranker Jugendlicher, insbesondere der zahlreichen Patienten mit Allergien. "Diese OTC-Präparate gehören zur Standardtherapie und sollten nicht durch nebenwirkungsreichere verschreibungspflichtige Präparate ersetzt werden. Auch Patienten mit lediglich subjektiven Beschwerden an Augen und Nase können, ohne es selbst zu merken, ein allergisches Asthma bronchiale haben. Sie müssen also unbedingt vom Arzt abgehört, teilweise muss bei ihnen auch eine Lungenfunktionsuntersuchung durchgeführte werden", so Hartmann. Es wäre deshalb fatal, wenn diese Patienten ohne ärztliche Konsultation ihre OTC-Präparate direkt in der Apotheke kaufen würden.

Auch Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen wie Rheuma und Neurodermitis sind von dieser Regelung erheblich betroffen. Eltern werden in unzumutbarer Weise zusätzlich finanziell belastet, um die Leiden ihrer Kinder zu lindern. Hier muss der Gemeinsame Bundesausschuss umgehend nachbessern, fordert der BVKJ.

2. Dramatischer Rückgang bei Impfungen
Die im 1. Quartal 2004 zu beobachtenden Fallzahlrückgänge in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte (6% bis 12% nach Recherchen der Ärzte-Zeitung) korrelieren sehr gut auch mit einem Rückgang der Impfleistungen von 25% (bei Masern-Mumps-Röteln) und 11% (bei der Immunisierung gegen Diphtherie, Wundstarrkrampf, Keuchhusten, Kinderlähmung, HiB-Infektionen und Hepatitis B). Dies ist eine erschreckende Entwicklung. Der BVKJ fordert den mitverantwortlichen Gesetzgeber und die Krankenkassen nachdrücklich auf, dieser für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen nachteiligen Entwicklung durch gezielte Aufklärungsaktionen und Bonusprogramme zu begegnen. Aktionen von Impfgegnern, die Eltern verunsichern und nachweislich falsch informieren, muss mit Nachdruck entgegengetreten werden.

Kinder- und Jugendärzte verlangen Erprobung neuer Versorgungsformen bei Kindern und Jugendlichen
Der BVKJ fordert die Krankenkassen auf, die Möglichkeiten des GMG auszuschöpfen und neue Versorgungsformen bei Kindern und Jugendlichen zu erproben. Die Kinder- und Jugendärzte schlagen eine pädiatriezentrierte Versorgung in Form eines Einschreibmodells mit Bonusregelung für Eltern und Kinder vor.

Welche Vorteile hat eine solche Versorgung für Patienten/Kassen?

  • Eine Einschreibung der Patienten (pädiatriezentrierte Versorgung), ähnlich der hausarztzentrierten Versorgung, würde für alle betroffenen Patienten eine qualifizierte Versorgung bedeuten unter Vermeidung von unnötigen und teilweise sogar schädlichen (Stichwort: off label) Untersuchungen und Therapien. Hier ist auf die Untersuchung der AOK Baden-Württemberg zu verweisen, die belegt, dass die Behandlung von Kindern und Jugendlichen durch Kinder- und Jugendmediziner deutlich preiswerter und qualifizierter ist als durch Allgemeinmediziner oder Internisten. Also: Optimierung der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen ohne finanziellen Mehraufwand für die GKV.
  • Durchimpfungsraten entsprechend den Empfehlungen der STIKO sind bei der Versorgung der Altersgruppe bis zum vollendeten 18. Lebensjahr durch Kinder- und Jugendärzte signifikant höher als bei der Versorgung durch andere Fachgruppen.
  • Die Primärversorgung durch einen Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin vermeidet unnötige Überweisungen und Krankenhausbehandlungen.
  • Durch Verbesserung der primären und sekundären Prävention (Adipositas, Asthma, Diabetes mellitus, soziale Störungen) Übergabe von optimal versorgten Patienten an die hausärztliche Versorgung mit langfristiger Senkung von Krankheitskosten.

Was müssen Krankenkassen dabei leisten?

  • Anschubfinanzierung und Unterstützung durch entsprechende Verträge.
  • Bonussystem für Netzeinschreibung - z.B. Fahrradhelme, Sportgeräte, Beiträge für Sportvereine, Jahreskarte für das Schwimmbad, Übernahme der Kosten für zusätzliche sinnvolle Impfungen (z.B. Hepatitis A, Meningokokken C) und Vorsorgeuntersuchungen: Konkret fordert der BVKJ:
  • eine U7plus vor Eintritt in den Kindergarten mit 3 Jahren,
  • eine S1 nach den ersten Erfahrungen in der Grundschule im 2. Schuljahr,
  • eine S2 vor dem Übergang in eine weiterführende Schule im 4. Schuljahr,
  • eine J2 vor Eintritt in das Berufsleben mit 16 bis 18 Jahren,
  • Schließlich fordert der BVKJ die Übernahme der Kosten für OTC-Präparate bei über 12-Jährigen, die zum Therapiestandard bei chronischen Erkrankungen gehören (z.B. Allergien, Stoffwechselstörungen).

Warum neue Versorgungsformen gerade bei Kindern und Jugendlichen?

  • Hier macht Prävention noch Sinn. In dieser Altersgruppe gibt es bereits heute Präventionsprogramme mit hoher Akzeptanz in der Bevölkerung.
  • Die Gruppe ist überschaubar.
  • Das Krankheitsspektrum ist überschaubar.
  • Die Gruppe wächst nicht, sie schrumpft. Daher kein besonderes Kostenrisiko für die Kassen.

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des BVKJ