Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

23.09.2014

Kinder- und Jugendärzte: Bundesregierung vernachlässigt Kindeswohl

In wenigen Wochen, am 20. November, wird die UN-Kinderrechtskonvention 25 Jahre. Vor fünf Jahren wurde die Bundesregierung von den Autoren des 13. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung aufgefordert, die Lage der Kinder in Deutschland gemäß der Kinderrechtskonvention zu verbessern. Der Berufsverband Kinder- und Jugendärzte hat daher nachgeschaut, was aus den Forderungen und Versprechen der Bundesregierung geworden ist.

"Unser Fazit: Insbesondere bei der frühen Förderung und der Gesundheitsversorgung kommen die Kinder in diesem Lande nicht zu ihrem verbrieften Recht," so Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte heute in Köln. "Die wichtigen Forderungen der Expertenkommission, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durch Ursula von der Leyen eingesetzt wurde, sind bis heute nicht erfüllt:

- 2009 wurde gefordert, innerhalb der nächsten fünf Jahre die nötige kommunale Infrastruktur zu schaffen, um Kinder von der Schwangerschaft bis ins Vorschulalter zu fördern sowie vor Vernachlässigung und Missbrauch zu schützen. Diese Infrastruktur ist bis heute nicht geschaffen worden. Familien in kritischen Lebenslagen fallen nicht in ein Hilfsnetz, sondern bleiben sich häufig selbst überlassen. Die Ursache liegt in einer „Versäulung" der gesellschaftlichen Hilfssysteme: Jugendhilfe, Gesundheitsämter, Jugendämter und wir Kinder- Jugendärzte arbeiten weitgehend isoliert neben einander her. Gemeinsame Konzepte wie z.B. der Aufbau von Familienzentren sind vonnöten.

- Das Ziel, bis 2014 den Anstieg von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen zu stoppen, wurde nur teilweise erreicht. Deutschlands Kinder werden zwar nicht mehr dicker, aber die Zahl der Übergewichtigen stagniert auf hohem Niveau.

- Auch im Bereich Sprache und Kommunikation wurden die Ziele nicht erreicht. Das zeigt die immer noch hohe Zahl der Kinder mit erheblichen Sprach- und Sprachverständnisdefiziten in den Einschuluntersuchungen. Wir finden deshalb eine im europäischen Vergleich extrem hohe Zahl von Kindern, die im Vorschulalter Logopädie bekommen, weil Erzieherinnen und auch Kinder- und Jugendärzte oft keine andere Fördermöglichkeit für die Kinder sehen. Die Übernahme dieser Kinder in das Medizinsystem, also die Verordnung von Therapie, löste das Problem nicht. Eine adäquate Förderung in Tagesbetreuungseinrichtungen wäre der richtige Weg.

- Die schulbezogene Gesundheitsförderung, die die Bundesregierung bis 2014 flächendeckend auf- und ausbauen wollte, gibt es auch noch nicht. Als Kinder- und Jugendärzte stellen wir dagegen täglich fest, dass Schule heute ein nicht zu unterschätzendes Gesundheitsrisiko darstellt. Durch den Ausbau der Ganztagsbetreuung verbringen die Kinder in zu kleinen Klassenräumen, die früher einmal für die Halbtagsschule gedacht waren, viel zu viel Zeit. Es fehlt an gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung.

- Geradezu skandalös sind die Defizite im Bereich der psychiatrischen Versorgung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Es fehlt an Psychiatern für diese Altersgruppe. Jugendliche mit psychischen Problemen müssen oft wochenlang auf einen Behandlungstermin warten."

Es bleibt also noch jede Menge zu tun. Städte und Gemeinden müssen ein positives Umfeld schaffen, in dem Kinder und Jugendliche gehört und beteiligt sowie in puncto Bildung und Gesundheit gefördert und unterstützt werden. Auch muss die Politik entschiedener als bisher gegen Kinderarmut und ihre Folgen vorgehen.

Denn in Deutschland wachsen rund zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen in relativer Armut auf. Viele von ihnen werden in ihren Familien nicht gut gefördert und können ihre Kompetenzen nicht entwickeln. Sie haben eine schlechte Schul-, Ausbildungs- und Sozialprognose. Die Hälfte von ihnen wird keinen Schulabschluss erreichen. Vor allem für sie brauchen wir bessere Betreuungsangebote.

Das Kindeswohl muss endlich politische Priorität bekommen. Etwas anderes können wir uns im Hinblick auf die Zukunft unserer Gesellschaft nicht leisten."

     

Berlin/Köln September 2014