Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2008

„Jugend zwischen Pisa und Kriminalität“

Dr. Uwe Büsching
Wissenschaftliche Leitung

Was erschwert Jugendlichen das Leben in Deutschland?
Die Anforderungen an Jugendliche im 21. Jahrhundert sind immens, wer diesen nicht gewachsen ist scheitert. Scheitern heißt Versagen, Versagen heißt „no future“! – „no future“, führt zu unter-schiedlichen Reaktionen Jugendlicher wie Gewalt, Delinquenz, Rückzug, Adipositas, Substanzmittelmissbrauch.

Gewarnt haben viele vor den sich abzeichnenden fatalen Fehlentwicklungen! Die Forderung nach härteren Strafen für kriminelle Jugendliche ist sicher nicht das Mittel der Wahl!

Auch die Themen vergangener Kongresse zur Jugendmedizin: „Genuss, Sucht und Sehnsucht – Adoleszentenkrisen - Macht Schule krank - Jugend am Rande der Gesellschaft“ haben sich mit diesen Themen auseinandergesetzt und zeichneten ein eher düsteres Bild vom „Jungsein in Deutschland“.

Der Wert unserer Kinder und Jugendlichen ist der Sozial- und Gesundheitspolitik jedoch wohl zu gering, als dass es sich für sie lohnt, in Kinder und Jugendliche wirklich intensiv und lösungsorientiert zu investieren.

Die Wahrnehmung der zum Teil katastrophalen Lebensbedingun-gen von Kindern und Jugendlichen, das mediale Interesse, hat den BVKJ und viele Pädiater aus Praxis und öffentlichem Gesundheitsdienst zu „Sachverständigen“ für sozialmedizinische Themen im Kindes- und Jugendalter gemacht. Die Pädiater wollen diese Wahrnehmung schärfen und die öffentliche Diskussion an-kurbeln.

„Wie Jugend reagiert, wenn der Staat Probleme nicht angeht?“
Allzu häufig ist bereits die oft unvollständige Kernfamilie schon nicht in der Lage, die Grundbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen zu befriedigen: liebevolle Zuwendung, Erziehung, Ernährung, Bildung. PISA Studien üben zusätzlichen Leistungsdruck aus!

Fehlende politische Widerstände gegenüber Profitdenken und Kostendruck staatlicher Institutionen sind weitere wesentliche Gründe, die verhindern, Fehlentwicklungen im Jugendalter rechtzeitig und wirksam entgegenzutreten. Stattdessen wird nur auf die Eigenverantwortung und Selbstregulation der häufig überforderten Familien gesetzt.

Dieses Bedingungsgeflecht von Fehlentwicklungen ist bekannt, nicht nur Lehrern, Ärzten und Sozialwissenschaftlern - sondern auch den Jugendlichen selbst. Sie erleben Zwänge, die mit dem für Jugendliche typischen oppositionellen Verhalten bekämpft oder ignoriert werden. Sie nehmen Mangel an staatlicher und erzieherischer Führung als willkommene Freiräume bei der Neukonzeption ihrer Lebensgestaltung wahr.

Welche besonderen zusätzlichen Belastungen müssen chronisch kranke Jugendliche schultern?
Was bereits gesunde Jugendliche vor große Aufgaben stellt, gilt in noch erschwertem Maß für chronisch Kranke. Die dauerhafte Krankheit ist ein zusätzliches, hartnäckiges Problem.
Die Krankheit bestimmt den Alltag, engt Freiräume ein, macht chronisch Kranke zu Außenseitern. Fehlende oder eingeschränkte Integration in der Gruppe der Gleichaltrigen stellt betroffene Jugendliche vor derart große Probleme, dass diese selbst vor der Ablehnung alle medizinisch notwendigen Therapien nicht zurückschrecken.

Mit dem diesjährigen Kongressthema „Chronisch krank, wo geht`s lang? Adoleszente im Labyrinth der medizinisch-psychosozialen Versorgung“ wollen wir erstmals positive Beispiele hören und diskutieren, die uns befähigen können, die mindestens 20% der Jugendlichen mit dauerhaften gesundheitlichen Problemen besser begleiten zu können.

Die medizinische Versorgung chronisch kranker Jugendlicher hat sich dem medizinischen Fortschritt angepasst. Neue Erkenntnisse mit enormem Detailwissen verbesserte die Lebenserwartung deutlich, die Zahl dieser Patienten in unseren Praxen stieg. Die medizinische Versorgung wurde mehr und mehr ein Thema von Spezialambulanzen, der primär versorgende Jugendarzt ist mit dem fachlichen Wissen über seltene Krankheitsbilder in der Regel überfordert. Andererseits beobachtet der engagierte Jugendarzt wiederum häufig den Mangel an entwicklungspsychologischen Kenntnissen und Gesprächsführungstechniken bei den Spezialis-ten.

Die Wissenschaft ist stolz auf den erzielten Fortschritt. Die den-noch festzustellende erhöhte Komorbidität, Frühinvalidität und frühe Letalität bei chronisch kranken oder behinderten Jugendlichen wird als unabänderbare „mangelnde Compliance“ Jugendlicher verbucht und nicht weiter diskutiert. Es wird, weil entweder die Einsicht oder die Zeit fehlt, übersehen, dass sich junge Menschen mit einer chronischen Erkrankung oftmals den biochemischen und technologischen Möglichkeiten der Medizin ausgeliefert fühlen.

Doch nicht genug: entwicklungspsychologische Bewältigungsanforderungen führen zu einer konfliktbeladenen Krankheitsbewältigung im Jugendalter.
Ob nun kritische Distanz oder erhebliche Opposition gegenüber Normvorstellungen und Helferstrukturen, die Angst vor dem Verlust der Selbstbestimmung wiegt schwerer als die Gefahren durch die Krankheit und wird zunehmend ein Kriterium der Krankheitsbewältigung in einer immer sprachloseren Medizin. Dies alles geschieht vor dem Hintergrund der problematischen sozialen Integration in die Gruppe der Gleichaltrigen und den Schwierigkeiten, mit der Erkrankung in Ausbildung und Berufsleben zu bestehen.

Fazit: Der Wandel der Krankheitsbilder in der Pädiatrie – von den körperlichen und infektiösen Krankheiten hin zu den psychosozialen und präventiven Arbeitsfeldern – hat bis heute in der Weiterbildungsordnung und damit in der Arbeitsplatzbeschreibung keine ausreichende Beachtung gefunden.

Public Health und gemeinwesenorientierte sozialpädiatrische Aufgaben im öffentlichen Gesundheitsdienst, die einzig wissenschaftlich gesicherten wirksamen Maßnahmen zur Verbesserung sozialer Integration chronisch kranker oder sozial Benachteiligter, werden mit dem Argument leerer Staatskassen immer weiter eingeschränkt. Krankenkassen lehnen weitere Übernahmen der Aufgaben des öffentlichen Gesundheitsdienstes ab. Deshalb kann die ambulante Pädiatrie hier nicht ausgleichen. Die Folgekosten werden ein Vielfaches der aktuell vermeintlich eingesparten Mittel betragen.

Nicht Luxusversorgung, sondern die Lösung existenzieller Probleme verlangen nach gesundheits- und sozialpolitischen Entschei-dungen in Absprache aller am Versorgungssystem beteiligten Interessengruppen.