Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

10.03.2005

II Gesunde Schule? Reparaturwerkstatt Jugendmedizin?!

Auch für Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte ist das von Prof. Paulus gezeichnete Bild einer Schule, die sich um Gesundheitsförderung und Prävention kümmert, ein erstrebenswertes Modell, zumindest, wenn dabei gewährleistet ist, dass auch die Pädiater als Experten in die Schule integriert werden.

Die aktuelle Realität in der Kinder- und Jugendärztlichen Praxis weist flächendeckend auf ein anderes Bild von Schule. Im größeren Umfang sind Schulen derzeit noch nicht bereit, sich mit dem Thema Gesundheitsförderung und Prävention auseinanderzusetzen. Die sporadischen Projekte, die aktuellen Schulentwicklungskonzepte beteiligen kaum Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte als externe Partner. Modelle der Vergangenheit haben aber immer wieder belegt, Lehrerinnen und Lehrer gehen von der falschen Grundannahme aus, dass Schülerinnen und Schüler weitestgehend gesund sind und es nur darauf ankommt, diese Gesundheit zu erhalten. Wenn sich "Schule" dem Thema Gesundheitsförderung und Prävention ohne Unterstützung nähert, werden Lehrerinnen und Lehrer zunehmend mit der Erkenntnis konfrontiert, dass Jugend nicht gesund ist. Die Probleme von Erkrankungen und Störungen sind von immenser Bedeutung für das Gelingen von Konzepten. Die besten Konzepte zur Gewaltprävention werden nicht umgesetzt werden können, wenn nicht berücksichtigt wird, dass ein Kind mit schwerer Aufmerksamkeitsstörung nicht fähig ist, seine guten Vorsätze in der Situation umzusetzen.

Schule selbst scheint für Krankheiten und Störungen in nicht unerheblichem Maß mitverantwortlich, dies ist eine weitere Beobachtung in unseren Praxen. Die Belastungen für Familien und Alleinerziehende kann Schule mit den ihr gegebenen Ressourcen nicht kompensieren. Viele primär nicht schulisch bedingte Störungen werden durch den schulischen Belastungsdruck noch verschärft. Die Schulgesetze und Verordnungen sind zum Teil gegensätzlich zu den Interessen der Schülerinnen und Schüler, so dass diese eine Vielzahl von Störungen und Krankheiten selbst auslösen können. Beispielhaft seien hier genannt: die nie wirklich umgesetzte Konzeption der Integration, die nicht dem Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler angepasste Zusammensetzung der Grundschulklassen, die fehlende Weitergabe von Informationen vom Kindergarten zur Grundschule und von dort zur Sekundarstufe.

Immer mehr chronisch kranke Kinder können die Regelschule besuchen, dies ist ein Verdienst der modernen Pädiatrie – Diabetes und andere Stoffwechselstörungen, Herzfehler, Asthma, etc. Dies stellt Lehrerinnen und Lehrern oft vor schwierige Probleme, sind sie doch mit der Betreuung solcher Schülerinnen und Schüler nicht vertraut. Es bleibt nicht aus, dass sie aus Unkenntnis Fehlentscheidungen treffen, die dann zumindest die Krankheitsbewältigung des Kindes oder Jugendlichen negativ beeinflussen.

Deshalb fordern Kinder- und Jugendärzte in dem Positionspapier Handbuch "Arzt und Schule" des Berufsverbandes:

  1. die jeweilige individuelle gesundheitliche Situation der Schülerinnen und Schüler bei Gesundheitsförderung und Prävention in Schulen verstärkt zu berücksichtigen.
  2. die Rolle des Pädiaters als Ansprechpartner für die Schule bei der sekundären und tertiären Prävention deutlich hervorzuheben.
  3. auf das Arbeitsfeld schulischer Gesundheitsförderung und Prävention vorzubereiten, unter Berücksichtigung gezielter multiprofessioneller Zusammenarbeit und der besonderen Beachtung der Entwicklungspsychologie.

Wenn der öffentliche Gesundheitsdienst personell besser ausgestattet wäre, müssten sich die niedergelassenen Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte bei der Gesundheitsförderung und Prävention in der Schule gar nicht oder deutlich weniger einbringen, um die etwa 55.000 Schulen "betriebsärztlich" zu betreuen. Da auf unabsehbare Zeit dies flächendeckend nicht zu realisieren sein wird, hat sich der Ausschuss Jugendmedizin und der Ausschuss öffentlicher Gesundheitsdienst, Schule und Kind diesem Thema gemeinsam angenommen. Die wesentlichste Aussagen dieser Zusammenarbeit sind:

Gesundheitsförderung und Prävention in Schulen soll Kinder- und Jugendgesundheit verbessern, diese Absicht wäre ohne detaillierte Kenntnisse der Kinder- und Jugendmedizin ein allzu oberflächliches Vorhaben. "Für die Schulgesundheitspflege ist Kraft der einschlägigen Bestimmungen primär der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst des Gesundheitsamtes zuständig. Niedergelassene Kinder- und Jugendärzte sind aufgefordert, sich in der Schulgesundheitspflege zu engagieren; das kann und soll die Arbeit des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes nicht ersetzen, sie aber unterstützen und erweitern." Wir haben gemeinsam große Sorge, dass Konzepte zur Gesundheitsförderung und Prävention an Schulen und das vor der Verabschiedung stehende Präventionsgesetz den öffentlichen Gesundheitsdienst noch weiter in seinen Aufgaben beschneiden könnte. Für die Kämmerer der Städte eine durchaus interessante Überlegung der Kostenersparnis, wieder auf dem Rücken der Schülerinnen und Schüler.

Auf die drängendsten Fragen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Schulen der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte soll der diesjährige Kongress Lösungen aufzeigen, wir wollten nicht nur auf Missstände und Gefahren hinweisen. Sind und bleiben gesundheitsfördernde Schulen ein Traum? Gibt es Lösungswege der Jugendärzte, wenn Schule und Schüler hilflos sind?

Dieser Kongress hat noch ein besonderes Highlight, die Vorstellung des Handbuches "Arzt und Schule" des BVKJ. Von diesem werden bei der PK einige zur Ansicht ausliegen. In Anlehnung an das Tagungsthema vom Sonntag: Ein Ruck geht durchs Land, soll dieses Handbuch aufzeigen, welchen Beitrag Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte zum Thema Gesundheitsförderung und Prävention und Präventionsgesetz beitragen können und wollen. Das Handbuch und der Kongress geben Antworten auf drängende Fragen zur gesunden Schule und zur Beteiligung von ärztlichem Wissen. Mit dem Handbuch eröffnen sich für Ärztinnen und Ärzte Handlungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten in der schulischen Gesundheitsförderung sowohl in der Kooperation mit Schulen als auch mit weiteren Akteuren. Das Handbuch greift wichtige Themen der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auf und belegt, wie in und mit Schulen gehandelt werden kann und sollte.

Dr. med. Uwe Büsching
Wissenschaftlicher Leiter des 11. Kongresses für Jugendmedizin