Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

10.03.2005

I Gesunde Schule? Reparaturwerkstatt Jugendmedizin?!

Krankheiten und beeinträchtigtes Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern haben in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen, so die Erkenntnis der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte in der täglich Praxis. Die Krankheitsgeschichte steht sehr häufig in enger Verbindung mit dem schulischen Belastungsdruck, sei es, dass das Schulsystem die Schülerinnen und Schüler überfordert oder sei es, dass die Schule die individuellen Probleme und Krankheiten der Schülerinnen und Schüler nicht aufzufangen vermag.

Weil sich Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte zunehmend mit den Belastungen, die von der Schule ausgehen, auseinandersetzen müssen, haben sie sich bei einer Abstimmung unter den Teilnehmern des letzten Kongresses für Jugendmedizin mehrheitlich für ein Thema aus dem Bereich: "Krankmachende Schule" entschieden.

Schule ist ein Teil unserer Gesellschaft, dies verkennt die wissenschaftliche Leitung des Kongresses nicht, die aktuellen politischen Sparzwänge, bürokratische und gesetzliche Regelungen machen beim Schulsystem keine Ausnahme. Nur der weitaus kleinere Teil der Lehrerinnen und Lehrer tragen zu den gesundheitlichen Problemen der Schülerinnen und Schüler bei, der überwiegende Teil ist trotz aller Schwierigkeiten, die das Schulsystem hervorruft, engagiert, das Beste aus diesen Rahmenbedingungen zu machen. In der Folge sind nicht nur Schülerinnen und Schüler, sondern auch Lehrerinnen und Lehrer übermäßig von beruflich bedingten Erkrankungen betroffen.

Schule ist für Schülerinnen und Schüler belastend, weil ein raues Klassenklima mit fehlendem Zusammenhalt und fehlender gegenseitige Unterstützung vorherrscht. Das Lehrer-Schüler-Verhältnis wird häufig nicht getragen von gegenseitiger Akzeptanz, Wertschätzung, Offenheit und Respekt voreinander. Die Beurteilungen von Schulleistungen werden als intransparent und ungerecht wahrgenommen, weil bei den Leistungsanforderungen nicht die individuellen Potentiale der Schülerinnen und Schüler im aktivierenden Unterricht im notwendigen Maß berücksichtigt werden. Wer mag sich dann noch mit seiner Schule identifizieren? Schülerinnen und Schüler reagieren auf diesen Belastungsdruck unterschiedlich, ein paar wenige bleiben aktive Schüler, die Mehrheit erträgt und erleidet die Schulzeit und ein weiterer Teil neigt dazu, die Schule zu stören, zu zerstören.

Es könnte auch anders sein! Schule muss nicht nur einen Bildungsauftrag erfüllen, sondern ebenso das Schulleben und die Schulkultur gestalten: soziale Unterstützung anbieten, Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen fördern, um damit die Verbundenheit mit der Schule zu stärken. Schulische Leistungsanforderungen werden eher erfüllt, wenn sie mit beruflichen Ausbildungschancen, Lebensperspektiven sowie dem eigenen Leben in enger Beziehung stehen - mehr „Lebenskompetenz“, mehr Lebensperspektive und Sinnerfahrungen.

Die Effektivität der Lehrkräfte und Schüler wird durch Empowerment und Respekt verbessert. So korrelieren Lernerfolge mit Veränderungen der Räumlichkeiten, nicht öde und schmutzige Steinwüsten sind gefordert, sondern Räume mit Bewegungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Die Regeln einer Schule betreffen alle, selten sind Schülerinnen und Schüler im Sinne einer echten Mitbestimmung an der Ausformulierung und Umsetzung von Regeln beteiligt.

In diesem Kontext der Änderung des Schulklimas und des Schulethos positionieren sich die gesundheitsfördernden Schulen. Mit einem umfassenden, mit der Schulentwicklung verbundenen Ansatz wird ein ganzheitliches Konzept von Gesundheit verfolgt. Die wichtigen Strategien zur "Stärkung von Schulen" und "Hilfe zur Selbsthilfe" sind Vernetzung und Empowerment. Die Verbindung von ärztlichem Handeln mit pädagogischen Bildungs- und Erziehungsaufträgen (Salutogenetische Perspektive) ist bislang das Beste, was wir zu bieten haben, jedoch nicht flächendeckend und schon gar nicht überall mit einem umfassenden Ansatz.

In der Zukunft wird Schule Bildung und Erziehung neu gestalten müssen, Schule hat sich verändert, wie das gesamte Bildungssystem. Ein besserer Lernerfolg wird nur dann erreicht werden, wenn die Bildungs- und Erziehungsqualität der Schule gesteigert werden. Dazu zählt der gezielte Einsatz gesundheitswissenschaftlich fundierter Interventionen - deshalb: Gesundheit im Dienst der Schule: "Mit Gesundheit gute Schule machen"! (Auch die Bildungsberichterstattung neben der Gesundheitsberichterstattung der Schule beachten.)

"Gesunde Schule" als ein Kriterium der Orientierung an den Qualitätsdimensionen guter Schule ist als ein Auftrag der Erneuerung an das Schulsystem zu sehen. Gesundheitsförderung und Prävention an Schulen geht einen Schritt weiter. Verbesserung des psychischen, physischen, sozialen, ökologischen und spirituellen Wohlbefindens ist nach Ansicht der Kinder- und Jugendärztinnen und -ärzte nicht mehr allein durch Schule zu leisten. Modelle der Vergangenheit, wie „Schule öffnet sich“, sind beispielhaft wie durch Integration außerschulischer Experten die Handlungskompetenzen von Schülern und Lehrkräften nicht nur verbessert werden, sondern auch gute Voraussetzungen für die Bewältigung kognitiver und sozialer schulischer Anforderungen geschaffen werden.


Prof. Peter Paulus
Wissenschaftlicher Leiter des 11. Kongresses für Jugendmedizin