Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

06.03.2015

Pressemitteilung Dr. med. Uwe Büsching (Sprecher des BVKJ-Ausschusses Jugendmedizin) zum 21. Kongress Jugendmedizin: „Hilfe - ich werde erwachsen“

So sehen die wenigsten unsere Jugend. Öffentlichkeit, aber auch Ärzteschaft, nehmen Jugendliche doch eher als schwierig wahr. Und wer mag schon gerne einen bissigen Hund streicheln? 21 Jahre Kongresse für Jugendmedizin haben uns Kinder- und Jugendärzten vieles erfahren lassen – doch noch immer lernen wir dazu. 20 Jahre, das ist beinahe das gesamte Berufsleben eines Jugendarztes.

Da Jugendmedizin nicht zu den Weiterbildungsinhalten gehört, ist es Aufgabe des Berufsverbandes und eben dieses Kongresses, immer wieder neue wissenschaftliche Entwicklungen und Bekanntes zum Thema zu machen.

Körperliche Pubertät und seelische Gesundheit – unsere Unterthemen – sind nichts Gegensätzliches, sondern eng miteinander verknüpft. Aber beginnen wir mit den Basics: Was wissen wir wirklich von der körperlichen Pubertät? Kann körperliche Pubertät von psycho-sozialer Pubertät getrennt betrachtet werden? Gibt es diese psycho-soziale Pubertät überhaupt? Ist dies vielleicht nur eine Ausrede für ein unmögliches Verhalten? Oder sollte dieser Lebensabschnitt vielleicht ganz anders genannt werden?

Um solche Fragen korrekt zu beantworten, sind Kenntnisse vom aktuellen Stand der Wissenschaft zur körperlichen Pubertät unerlässlich. Aber Wissen über körperliche Pubertät reicht schon lange nicht mehr.

„Seelische Gesundheit“, das Jahresthema des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte fordert uns Mitglieder des Ausschusses Jugendmedizin auf, Antworten zu diesem Thema über Jugendliche zu geben. Ein einzelner Kongress reicht dafür jedoch bei weitem nicht. Die Auseinandersetzung mit psycho-sozialen Themen des Jugendalters ist ein Dauerbrenner. Auch nach 20 Jahren beklagen wir, dass Jugendmedizin (die bio-psycho-soziale Jugendmedizin) in der Gesellschaft und der Ärzteschaft immer noch nicht den ihr zustehenden Stellenwert hat. Schul- und Gesundheitspolitik verweigern mit dem Hinweis auf den Lebenswillen junger Menschen adäquate Hilfen für Jugendliche und akzeptieren stattdessen ein hohes drop out. Händeringend werden junge Arbeitskräfte gesucht, tausende Jugendlicher scheitern gleichzeitig an den Aufgaben, die sich aus der Adoleszenz ergeben. Wir fordern daher: mehr gute Schulen, statt nur Schadensverwaltung bei Schulabbrechern durch Förderprogramme, mit der möglichen Folge einer Abwärtsspirale in Hartz IV etc.

Kostenträger in der Pflicht

Viele betreuen, beschulen, verarzten Jugendliche. Bio-psycho-soziale Jugendmedizin gibt es dagegen nur bei Kinder- und Jugendärzten. Endlich ist das Thema auch bei den Kostenträgern angekommen. Das Ende der Begleitung chronisch kranker Jugendlicher durch den „Kinderarzt“ bedeutet für viele Betroffene eine Katastrophe – dabei geht es nicht um emotionale Trennungsängste, sondern um die Verschlechterung der Patientenversorgung. Es fehlt schlicht die Kommunikation der „Erwachsenmedizin“  mit jungen Menschen, nun soll von Pädiatern kognitiver Umgang mit jungen Menschen gelernt werden. Geplant ist nun Transition – Überleitung vom Kinder- zum Erwachsenenarzt. Finanzielle Unterstützung durch Krankenkassen gibt es in Projekten schon. Dazu dann vielleicht 2016 weit mehr.

Aber bitte, lassen Sie sich nicht blenden. Qualifizierte bio-psycho-soziale Jugendmedizin und auch Transition erfordert personelle und finanzielle Ausstattung. Was aber ist die Realität? Der Rückgang niedergelassener Pädiater ist bedrohlich, nicht nur im ländlichen Raum, sondern inzwischen auch schon in mittelgroßen Städten, wie z.B. Bielefeld. Wo Aufnahmesperren in pädiatrischen Praxen die Regel sind, die Presse die Ablehnung von  Neugeborenen anprangert, wird bio-psycho-soziale Jugendmedizin zunehmend vernachlässigt. Und nun sollen wir auch noch Transition betreiben? Weil es Nachwuchsförderung für niedergelassene Kinder- und Jugendärzte zurzeit immer noch nicht gibt, wird sich die medizinische Versorgung Jugendlicher weiter verschlechtern.

Der Durchbruch bleibt aus

Der BVKJ richtet seit Jahren den größten Kongress für Jugendmedizin in Europa aus. Dieser Weimarer Kongress für Jugendmedizin hat vielen die Notwendigkeit des Kümmerns um Jugendliche vermittelt, wirkliche gesellschafts- oder berufspolitische Veränderungen blieben aber bislang aus.
Hilfe, ich werde erwachsen – ein Großteil des Schmerzes, der manischen Aufschwünge und der verzweifelten Abstürze Jugendlicher gilt dem Abschied von den Eltern und sind daher  schlicht und ergreifend eine normale Entwicklungsarbeit. Nicht jeder pubertärer Stress ist gleich psychiatrisch! Einfache Frage: Was bewirken die Entwicklung der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale beim Jugendlichen? Noch eine einfache Frage: Was bewirken Ihre grauen Haare bei Ihnen? Darüber reden oder lieber färben? Dieser kurze Ausflug in die Zusammenhänge von Körper und Seele macht deutlich: körperliche Pubertät ist für Jugendliche schon Herausforderung genug.

Jugendliche im richtigen Licht sehen!

Die Emotionen Jugendlicher sind ehrlich. Sie werden noch geübt, sind weniger ausgereift und machen deshalb manchen befremdlich. Die hohen Erwartungen der Gesellschaft an die noch suchenden Jugendlichen führen oft zu einer einseitigen Bewertung der Schwächen. Wir wollen die Stärken der Jugendlichen in den Fokus rücken; sie ihren schwierigen Schritten zum Erwachsenwerden durch Respekt, Offenheit und Gelassenheit unterstützen.

Jugendliche sehen die Welt berechtigterweise anders. So wie sie eben nur Jugendliche sehen können. Und diese – für Erwachsene manchmal schwierige – Sichtweise ist für uns Jugendärzte eine echte Bereicherung. Für unsere Gesellschaft auch! Mehr Wertschätzung gegenüber unseren Jugendlichen tut daher Not.

Uwe Büsching und der Ausschuss Jugendmedizin des BVKJ

Dr. Uwe Büsching
Wissenschaftliche Leitung
Beckhausstraße 171
33611 Bielefeld