Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

12.06.2015

Herr Prof. Dr. med. Klaus M. Keller (wissenschaftliche Leitung) zum 45. Kinder- und Jugendärztetag 2015

Das diesjährige Schwerpunktthema des BVKJ ist: „Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen“

Im Juli-Heft 2014 Bundesgesundheitsblatt; Vol 57: ab den Seiten 747 ff sind die wichtigsten Erkenntnisse der KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) publiziert (über das Robert-Koch Institut Berlin – RKI – im Internet als PDF erhältlich). Die erste Basiserhebung erfolgte 2003 – 2006 an 167 Untersuchungsorten in Deutschland als Bestandteil des Gesundheitsmonitorings durch das RKI im Auftrag des BM für Gesundheit, um erste Daten zur gesundheitlichen Lage der in Deutschland lebenden Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren zu erhalten. Es werden ganz vielfältige Daten zum Gesundheitsstatus, -verhalten, Lebensbedingungen etc. durch Befragungen sowie in best. Abständen auch durch körperliche Untersuchungen, Tests und Laboranalysen erhoben.

Die erste Folgebefragung – genannt KiGGS-Welle 1 – erfolgte 2009 – 2012 und wurde 2014 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlicht (Vol. 57: 747ff): 

1.    Psychische Auffälligkeiten / Erkrankungen bei Kindern / Jugendlichen

Die jüngste Publikation des Robert Koch- Instituts „Psychische Auffälligkeiten und psychosoziale Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3-17 Jahren in Deutschland – Prävalenz und zeitliche Trends zu 2 Erhebungszeitpunkten (2003-2006 und 2009-2012) - Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS-Welle 1) (H. Hölling et al In: Bundesgesundheitsblatt 2014; 57: 807-819) hat uns eindrücklich vor Augen geführt, dass das ein hoch relevantes Thema ist. Es ist zwar sehr erfreulich, dass nach Einschätzung der Eltern 94% der Kinder und Jugendlichen bei über 12.000 Befragten aus dem ganzen Bundesgebiet einen sehr guten bis guten allgemeinen Gesundheitszustand aufweisen, dass Heranwachsende weniger rauchen und Alkohol trinken, dreiviertel der Kinder und Jugendlichen regelmäßig Sport treiben und dass die Häufigkeit von ADHS mit 5% gleich geblieben ist, sowie die Rate der psychischen Auffälligkeiten nicht zugenommen hat.

Große Sorgen aber macht es schon, wenn in diesem Gesundheits-Survey ein Fünftel (20,2%) der Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 – 17 Jahren laut Einschätzung ihrer Eltern einer Risikogruppe für psychische Auffälligkeiten zugeordnet werden.

Der Symptomfragebogen (SDQ) enthielt 25 Items mit 4 Problem-Skalen: „Emotionale Probleme“, „Probleme mit Gleichaltrigen“, „Verhaltensprobleme“, Hyperaktivitätsprobleme“ sowie „Prosoziales Verhalten“(Elternversion). Aus einem Summenscore kann ein Risikoprofil erstellt werden.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass alle diese Kinder manifest psychisch krank sind. Ziel der Untersuchung war es, Risikogruppen im Sinne eines Präventionsansatzes durch Public Health zu definieren. Der gefundene Prozentsatz bewegt sich innerhalb eines Korridors von 10-20% aus internationalen Bevölkerungsstudien und hat im Vergleich der beiden Studienzeiträume nicht zugenommen. Jungen sind mit 23,4% häufiger betroffen als Mädchen (16,9 %). Infolge emotionaler und verhaltensbedingter Probleme sind Jungen häufiger in ihrer Alltagsfunktionalität beeinträchtigt. 12,4% der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten haben zusätzlich deutliche bzw. massive Beeinträchtigungen im sozialen und familiären Alltag. Ganz klar war wiederum ein erhebliches soziales Gefälle: Im Vergleich zu Familien mit hohem sozioökonomischen Status war das Risiko für einen mittelmäßigen bis sehr schlechten allgemeinen Gesundheitszustand für Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status um das 3,4- bzw. 3,7-Fache erhöht. Das muss nicht in jedem Fall schicksalhaft sein, wenn z.B. niedrige sozioökonomische Bedingungen durch eine gute Bildung der Eltern kompensiert werden.

 

 

 

KiGGS Basiserhebung 2003-2006 (%)

KiGGS Welle 1 2009-2012 (%)

p-wert

Gesamt

 

20,0

20,2

0,74

Geschlecht

Jungen

23,8

23,4

0,71

 

Mädchen

16,0

16,9

0,357

Altersgruppen

3-6 Jahre

19,3

17,2

0,158

 

7-10 Jahre

22,6

23,1

0,75

 

11-13 Jahre

21,5

23,3

0,256

 

14-17 Jahre

17,0

17,8

0,539

Sozialstatus

niedrig

30,8

33,5

0,21

 

mittel

19,2

19,0

0,81

 

hoch

11,3

9,8

0,078

 

Tab. 1: Prävalenz von Kindern und Jugendlichen (3-17 J) mit erhöhtem Risiko für psychische Auffälligkeiten (grenzwertig auffällig oder auffällig; SDQ; Elternversion) nach Erhebungszeitraum, Geschlecht, Alter und Sozialstatus (aus Hölling et al, Bundesges.bl 2014; 57: 812)

Der Gesamtproblemwert bei Jungen war wieder stärker ausgeprägt als bei Mädchen, ebenso wie Verhaltensauffälligkeiten und Peer-Probleme, bei Mädchen waren emotionale Probleme stärker ausgeprägt als bei Jungen. Darüber hinaus zeigten Jungen ein geringer ausgeprägtes prosoziales Verhalten.

Im Trend der beiden Befragungszeiträume ließ sich ein nur sehr geringer aber statistisch signifikanter Anstieg bei den Subskalen Emotionalen Probleme und Verhaltensproblemen nachweisen, ein abnehmender Trend bei Peer-Problemen und eine Zunahme prosozialen Verhaltens. Keine Veränderungen ergaben sich bei der Hyperaktivitätsskala.

Bezogen auf den Sozialstatus der Familien ergaben sich im Vergleich Basiserhebung mit der KiGGS-Welle 1 bei den Kindern und Jugendlichen aus Familien mit niedrigerem Sozialstatus signifikant höhere Werte in der Subskala „Emotionale Probleme“, nicht jedoch für solche aus Familien mit hohem Sozialstatus. Bei Kindern und Jugendlichen aus Familien mit hohem Sozialstatus fanden sich im Verlauf signifikant mehr Verhaltensprobleme, nicht jedoch bei Kindern aus Familien mit niedrigerem Sozialstatus. Bei der Subskala Hyperaktivität über die Zeit keine Veränderungen.

Beeinträchtigung der Kinder durch psychische Probleme:

52% der Eltern verneinten die Eingangsfrage, ob und inwieweit ihre Kinder Schwierigkeiten in den Bereichen Stimmung, Konzentration, Verhalten und/oder Umgang mit anderen haben.

40,8% der Eltern gaben für ihre Kinder leichte, 6,3% deutliche und weitere 1,1% massive Schwierigkeiten in mind. einem der Bereiche an. Jungen waren in der Regel  häufiger betroffen. Darüber hinaus zeigte sich eine klare Tendenz zur Chronifizierung: Diese Störungen lagen bei 73% schon länger als ein Jahr vor, bei weiteren 16% dauerten sie seit 6 – 12 Monaten an. Etwa ein Fünftel der Eltern betroffener Kinder und Jugendlichen gab eine deutliche oder schwere familiäre Belastung durch diese Schwierigkeiten an.

Die Analyse des Impactscores ergab, dass insgesamt 9,7% der Kinder und Jugendlichen in einem Lebensbereich deutliche und weitere 11,6% in mindestens 2 Lebensbereichen deutliche oder mindestens in einem Lebensbereich schwere Beeinträchtigungen aufgrund von psychischen Auffälligkeiten aufwiesen.  Das ergibt eine mit 21,3% vergleichsweise hohe Prävalenz einer Risikogruppe.

Die Autoren ziehen folgendes Fazit:

Es lässt sich eine über 6 Jahre stabile Häufigkeit von etwa 20% für psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen im Alter von 3 – 17 Jahren in Deutschland feststellen.

Diese Daten sollten Anlass zu weiteren präventiven Anstrengungen sein.

Die Versorgungsstrukturen müssen überprüft werden, da psychische Auffälligkeiten und Störungen oft unbehandelt bleiben. Nur 11,8% der grenzwertig auffälligen und 18,6% der als auffällig klassifizierten Kinder und Jugendlichen hatten im Jahr vor der Befragung Kontakt zu einem Psychiater, Psychologen oder der Jugendhilfe.

Die hohen Prävalenzen funktioneller Beeinträchtigungen und psychosozialer Belastungen betroffener Kinder und ihrer Familien sowie die hohen individuellen, sozialen und ökonomischen Kosten, die psychische Störungen verursachen, verdeutlichen die hohe Public-Health-Relevanz des Themas!

Anmerkung dazu: Vielfach fehlen die zeitlichen Ressourcen der Pädiater in Praxen und Kliniken, solche Zusammenhänge aufzudecken, von den finanziellen Entgeltstrukturen ganz zu schweigen. Der BVKJ unternimmt hier große Anstrengungen in der Weiter- und Fortbildung der Pädiater (z.B. regelmäßige Kurse der psychosomatischen Grundversorgung während der alljährlichen Herbstseminarkongresse in Bad Orb).

2.    Sport und Medienkonsum (Manz et al Bundesgesundheitsblatt 2014; 57: 840-848)

Ergebnisse der KiGGS-Befragung Welle 1 von 10.426 Kindern und Jugendlichen bzw. ihren Eltern im Alter von 3-17 Jahren nach telefonischen Interviews.

WHO-Empfehlungen: täglich mindestens 60 Minuten körperlich aktiv sein!

 

Alter 7 – 10 J

Alter 14 – 17 J

Gesamt

Sporttreiben

 

 

 

Mädchen

80,8%

75,8%

76,1%

Jungen

82,7%

84,8%

78,8%

Gesamt

81,7%

80,3%

77,5%

Im Sportverein aktiv

 

 

 

Mädchen

64,6%

49,4%

56,8%

Jungen

73,5%

61,9%

62,5%

Gesamt

69,2%

55,7%

59,7%

WHO-Empfehlungen erfüllt

 

 

 

Mädchen

30,5%

8,0%

25,4%

Jungen

31,0%

15,0%

29,4%

 

Häufigkeiten in Prozent nach Geschlecht und Alter bezüglich Sport treiben, aktiv im Sportverein und Erfüllung der WHO-Empfehlungen (nach Manz 2014)

Variable

Geschlecht

Sozialstatus

 

 

 

niedrig

hoch

Treibt Sport
N = 10.039

Mädchen

62,0%

86,5%

 

Jungen

70,4%

87,7%

 

Gesamt

66,4%

87,1%

Im Sportverein aktiv
N = 10.013

Mädchen

36,0%

70,1%

 

Jungen

48,7%

77,9%

 

Gesamt

42,8%

74,1%

WHO-Empfehlungen erfüllt
N = 998

Mädchen

28,5%

26,9%

 

Jungen

28,0%

30,2%

 

Gesamt

28,3%

28,6%

 

Häufigkeit (%) nach Geschlecht und Sozialstatus bezüglich Sport treiben, aktiv im Sportverein und Erfüllung der WHO-Empfehlungen (nach Manz 2014)

Bildschirmnutzung und Parameter der körperlich-sportlichen Aktivität:

Etwa zwei Drittel der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren verbrachten mehr als eine und weniger als 5 Stunden pro Tag mit der Nutzung elektronischer Bildschirmmedien!

Bei beiden Geschlechtern ging eine intensive Bildschirmnutzung von 5 Stunden und mehr pro Tag auch mit etwa verdoppelten Raten fehlender Sportbeteiligung einher. 

Fazit der Autoren:

Die Mehrheit der Kinder und Jugendlichen in Deutschland treibt regelmäßig Sport.

Dennoch ist ein zu hoher Anteil an Kindern und Jugendlichen sportlich inaktiv. Dies betrifft vor allem jene mit niedrigem SES.

Darüber hinaus sind Kinder und insbesondere Jugendliche in ihrem Alltag in einem zu geringen Umfang körperlich aktiv, so dass aktuelle Bewegungsempfehlungen (WHO) mehrheitlich nicht erreicht werden.

Um den negativen Folgen des Bewegungsmangels vorzubeugen, besteht nach wie vor hoher Bedarf an effektiven Maßnahmen zur Förderung der körperlichen und sportlichen Aktivität.

Berlin, 12.06.2015