Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

12.06.2015

Herr Dr. Wolfram Hartmann zum 45. Kinder- und Jugendärztetag 2015

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.)

1.   Forderungen an ein Präventionsgesetz

Der vorliegende Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention (PrävG) berücksichtigt die frühe primäre Prävention bei Kindern und Jugendlichen, bei denen primäre Prävention besonders wichtig und wahrscheinlich auch besonders effektiv ist, zu wenig. Durch die unzureichende Einbeziehung des BMFSFJ und des BMEL kommt die wichtige Prävention in den Lebenswelten der Kinder (Familie, KiTa, Kindergarten, Schule) zu kurz. Die sehr guten Ansätze zur Förderung der Kindergesundheit, die die SPD-Fraktion in ihrem Antrag 17/9059 vom 21.03.2012 an den Deutschen Bundestag formuliert hat, finden sich leider in den aktuellen Gesetzesvorhaben der Bundesregierung nicht wieder. Hier wird erneut eine wichtige Weichenstellung zur Verbesserung der Kindergesundheit versäumt.

Positiv stellen wir fest, dass nach jahrelangen Forderungen der Kinder- und Jugendärzte die Vorsorgelücke im Grundschulalter und bei den Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren endlich geschlossen werden soll. Wenig Verständnis haben wir aber dafür, dass diese Gesetzesänderung erst 2016 erfolgen soll. Bei anderen Gesetzesänderungen war die Regierungskoalition wesentlich schneller.

Weitere Forderungen des BVKJ im Kontext der Prävention sind:

 

  • Nationale Impfstrategie: Es muss sichergestellt werden, dass alle Kinder in Betreuungseinrichtungen, bei denen keine medizinischen Kontraindikationen vorliegen, vollständig entsprechend den aktuellen Impfempfehlungen des jeweiligen Bundeslandes geimpft sind (Herdenimmunität). Ein alleiniger Beratungsnachweis ist unzureichend und wird auch impfskeptische Ärztinnen und Ärzte nicht davon abhalten, Eltern weiter zu verunsichern.
  • Ebenso müssen alle Professionen (z.B. Gesundheitsberufe, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Betreuer in Kirchen und Vereinen), die Kinder betreuen, einen kompletten Impfnachweis vorlegen.
  • Prävention in Gruppensettings in Kitas, Kindergärten und Schulen unter Einbeziehung von Kinder- und Jugendärzten und den in den pädiatrischen Praxen tätigen Präventionsassistentinnen (z. B. analog der zahnärztlichen Prophylaxe).
  • Präventionskonzepte für Kinder und Jugendliche sind an den Bedürfnissen der Kindergesundheit auszurichten und es sind Kriterien für eine altersdifferente Gesundheitspolitik zu formulieren (betrifft besonders die Arzneimittelversorgung, die stationäre Versorgung, aber auch die Prävention).
  • Berücksichtigung der besonderen Belange von Kindern mit Behinderung.
  • Im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention muss die Inklusion aller Kinder und Jugendlichen Ziel der Kindergesundheitspolitik sein, wobei sinnvolle Fördereinrichtungen für Kinder mit schwersten geistigen Behinderungen durchaus erhalten werden sollten. Entscheidend hat das Kindeswohl zu sein. Dies findet im gegenwärtigen Entwurf des Präventionsgesetzes keine ausreichende Berücksichtigung.
  • Wir fordern ein klares politisches Bekenntnis zur Verortung der Kindertagesstätten in den Bildungsbereich.  Gegenwärtig werden die Kindertageseinrichtungen entsprechend einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1998 ausschließlich aus dem (klammen) Sozialtopf der Kommunen finanziert und nicht von den für die Bildung zuständigen Ländern.
  • Ob eine frühere Einschulung und der Wegfall von Schulkindergärten bzw. Vorschulen der primären Prävention dient, muss mit einem Fragezeichen versehen werden. Natürlich müssen Erziehung und Lernen bereits vor der Schule stattfinden. Dies ist aber in geeigneten und entsprechend personell, räumlich und materiell ausgestatteten Kindertageseinrichtungen sicher besser zu erreichen als in unseren herkömmlichen Grundschulen. Die besten Pädagogen gehören in den vorschulischen und in den Grundschulbereich. Hier werden die Weichen für das gesamte Leben gestellt.

 

2.   Künftige Versorgungsengpässe in der ambulanten Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland (mögliche Auswirkungen des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes)

Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt ein unverändert uneinheitliches Bild. Die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wird in starkem Maße von sozialen Faktoren beeinflusst. Auch psychische Auffälligkeiten, die Hauptthema dieses Kongresses sind, folgen einem sehr deutlichen sozialen Gradienten. Eine bemerkenswerte Untersuchung aus dem Institut und der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der TU Dresden, die im Juni-Heft unserer Verbandszeitschrift veröffentlicht wurde, hat gezeigt, dass ein frühzeitiger Betreuungsbeginn in einer guten Kindertageseinrichtung mit einem geringeren Risiko für psychische Störungen assoziiert zu sein scheint. Je früher Kinder eine Kindertageseinrichtung besuchten, desto niedriger war die Häufigkeit psychischer Auffälligkeiten zum Zeitpunkt der Einschulung. Zudem zeigten früh geborene Kinder mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1.500 g viermal häufiger zum Zeitpunkt der Einschulung psychische Auffälligkeiten als Kinder mit einen Geburtsgewicht über 2.500 g. Da Frühgeburten bei sozial schwächeren Familien deutlich häufiger vorkommen als bei Mittel- und Oberschichtfamilien, brauchen diese Kinder  unsere ganz besondere Aufmerksamkeit.

Frühkindliche Entwicklungsanregung bleibt auf der Strecke

In den pädiatrischen Praxen sehen wir zunehmend Kinder- und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen und eine wachsende Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit soziogenen Gesundheits- und Entwicklungsstörungen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. In der Bundesrepublik wachsen inzwischen ein Fünftel der Kinder im Vorschulalter ohne die Möglichkeit auf, durch ausreichende frühkindliche Entwicklungsanregung ihre intellektuellen und sozialen Kompetenzen ausreichend zu entfalten.

Meist stammen diese Kinder aus sozial benachteiligten, bildungsfernen Familien in prekären Lebensverhältnissen oder Familien  mit bestimmtem Migrationshintergrund (sog. „anregungsarme Familien“). Diese Kinder verbringen ihre wichtigsten Jahre vor Bildschirmen, sie wachsen auf ohne Bücher, ohne Erwachsene, die sich ausreichend um sie kümmern, mit ihnen regelmäßig spielen, ihnen Geschichten erzählen oder ihnen vorlesen. Kinder, die unter solchen prekären Lebensbedingungen aufwachsen müssen, werden früh in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und manche von ihnen nachhaltig traumatisiert. Sie fallen daher nicht selten bereits im Kindergarten mit deutlichen Entwicklungsstörungen auf. Solche Entwicklungsstörungen belasten die jungen Menschen bis in die Jugendzeit und die Erwachsenenzeit hinein.

8 Prozent aller Kinder verlassen die Schule ohne Abschluss

Kinder mit Störungen funktionaler Grundkompetenzen (neue Morbiditäten) wie Wahrnehmungsfähigkeit, Sprachverständnis und damit verbundener Sprach- und Ausdrucksfähigkeit oder Störungen des Sozialverhaltens haben von vornherein schlechtere Chancen, einen Schulabschluss oder einen höherwertigen Schulabschluss zu erringen als Kinder aus sozial besser gestellten bzw. bildungsnahen Familien. Jährlich verlassen 40.000 bis 50.000, mithin ca. 8 % unserer Kinder, die Schule ohne Abschluss und werden nur über zeit- und kostenintensive Integrationsprogramme mit mehr oder weniger Erfolg zu Schulabschlüssen bzw. in eine berufliche Ausbildung  geleitet.

Wir sehen all diese Kinder in unseren Praxen und sind zunehmend sozialpädiatrisch eingespannt. Werden die im GKV-VSG vorgesehenen Definitionen von Überversorgung (ab 140 %) ohne sorgfältige und an den Realitäten orientierte Bedarfsplanung umgesetzt und Praxen nicht wiederbesetzt, können viele dieser Kinder nicht mehr durch qualifizierte kinder- und jugendärztliche Praxen versorgt werden. Angesichts der geschilderten Anforderungen können wir pro Tag weitaus weniger Patienten versorgen als noch vor 25 Jahren. Bereits heute haben viele Praxen in angeblich überversorgten Gebieten überdurchschnittliche Patientenzahlen und verfügen einen Aufnahmestopp für neue Patienten.

Auch muss die Weiterbildung in den pädiatrischen Praxen dringend finanziell analog der allgemeinmedizinischen Weiterbildung gefördert werden. Wir hatten in den letzten 20 Jahren einen Zuwachs von über 2.000 Kinder- und Jugendärzten in der Klinik, aber im niedergelassenen Bereich einen Rückgang von mehreren Hundert, obwohl die Anforderungen zunehmen und wir keine rückläufigen Patientenzahlen haben. Die für den patientennahen fachärztlichen Versorgungsbereich im letzten Gesetzentwurf vorgesehenen 1.000 Weiterbildungsstellen in den Praxen sind gemessen an den 7.500 Weiterbildungsstellen in der Allgemeinmedizin entschieden zu wenig! Allein die Pädiatrie benötigt mindestens 800 finanzierte Weiterbildungsstellen in den Praxen.  

3.   Bundeskinderschutzgesetz: Erste Evaluationsergebnisse liegen vor

Wir sehen elementare Kinderrechte bei vielen politischen Entscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt und müssen leider auch zweieinhalb Jahre nach Inkrafttreten des Bundeskinderschutzgesetzes feststellen, dass die im Mai veröffentlichte Kriminalstatistik eine unverändert hohe Zahl an Kindesmisshandlungen und –vernachlässigungen ausweist, auch wenn die Zahl der getöteten Kinder rückläufig ist. Die Evaluation zeigt, dass das, was wir bereits vor drei Jahren im Rahmen der politischen Diskussionen zum Gesetz angemahnt haben, nämlich die unzureichende Vernetzung von Gesundheitswesen mit der Kinder- und Jugendhilfe, mit ein wesentlicher Grund dafür ist, dass dieses Gesetz die hochgesteckten Ziele bisher nicht erreichen konnte und der Kinderschutz in Deutschland noch völlig unzureichend ist.  

Berlin, 12.06.015