Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

13.10.2014

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) anlässlich des 42. Herbst-Seminar-Kongresses am 13.10.14 in Bad Orb

Prof. Dr. med. Klaus-Michael Keller, Wissenschaftliche Leitung

 
Hauptthema: Infektiologie

1.    In der FAZ war am 25. August 2014 in einem langen Artikel von Prof. Konrad Reinhard, Sepsisforscher aus Jena, zu lesen: Ich zitiere:

 

„Noch 1900 starben in den USA mehr als 800 von 100.000 Einwohnern an einer Infektionskrankheit. Gesundheitspolitische Maßnahmen, die Entwicklung von Impfstoffen und Antibiotika haben sechzig Jahre später zu einem Rückgang auf weniger als 100 Infektionstote pro 100.000 Einwohnern geführt. Geblendet durch diese Erfolge, traf der „Surgeon General“ der Vereinigten Staaten, Jesse Steinfeld, im Jahr 1972 die fatale Aussage: „Das Buch der Infektionskrankheiten kann endgültig geschlossen werden.“ (Zitat Ende)

 

Dass dieser Satz nicht stimmen kann, ist angesichts der Ebolavirusinfektionen in Westafrika tagtäglich im Fernsehen und in den Printmedien zu hören bzw. zu lesen. Allerdings werden durch die Medien in der Weltöffentlichkeit im kollektiven Unterbewusstsein der Menschen tief verwurzelte Ängste befördert in Erinnerung an Seuchen aus der Vergangenheit wie Pest, Cholera und Pocken. Fakt ist, dass seit der Erstbeschreibung der Infektionskrankheit durch Ebolavirus 1976 bei ca. 20 Ausbrüchen etwa 1600 Menschen verstorben sind, beim aktuellen Ausbruch bislang >1200.

 

Bei allem Verständnis für die schrecklichen Bedingungen in Westafrika werden jedoch die Dimensionen anderer Infektionen nicht angesprochen:

 

2.    2,35 Millionen Menschen haben sich 2012 auf dem amerikanischen Kontinent mit dem Dengue-Virus angesteckt, d. h. 1,2 Mio. mehr als 4 Jahre zuvor in der ganzen Welt registriert wurden.

 

Mortalitätsraten bis zu 20% bei schlecht funktionierendem Gesundheitssystem, 1% bei gut funktionsfähigem System.

 

Dengue ist in großen Teilen Südamerikas und Asiens mittlerweile die wichtigste Todesursache bei Kindern.

 

Wer beim Kinder- und Jugendärztekongress in Berlin dieses Jahr zum Thema „Umweltmedizin“ gut zugehört hat, weiß, dass der Klimawechsel hin zu wärmeren Temperaturen dazu führen kann, dass z.B. die wärmeliebenden Stechmücken auch nach Europa kommen: 2010 wurden die ersten bekannten Übertragungen in Südfrankreich und Kroatien nachgewiesen. Vor 2 Jahren wurden auf Madeira mehr als 2000 Infektionen erfasst. Die WHO rechnet, dass 40% der Weltbevölkerung in potentiellen Dengue-Regionen lebt.

 

3.    Ein ganz ähnliches Thema ist die Malaria! 40% der Weltbevölkerung lebt in Malaria-Endemiegebieten, geschätzt 250 Mio. Menschen erkranken pro Jahr, 800.000 – 1,2 Mio. Menschen sterben daran, 50% der Fälle Kinder < 5 Jahre. 90% aller Erkrankungen finden in Afrika statt, vereinzelte autochthone Fälle werden aus Südeuropa (Griechenland und Spanien) berichtet (KLIMAWANDEL). Etwa 500 Fälle werden nach Deutschland importiert, meist aus Afrika.

 

4.    Trotz aller Bemühungen der WHO, die Polio auszurotten, gibt es nach wie vor einige Hundert Fälle weltweit, endemisch noch immer in Afghanistan, Pakistan und Nigeria und wieder aufgeflackert in Syrien! Zum Teil verhindern die Taliban Polioimpf-Kampagnen in Pakistan aus Angst vor so getarnten Spionageaktionen.

 

Eine in Syrien 1971 geborene Frau war kürzlich mit ihrem Kind bei mir in der Klinik. Die Frau saß im Rollstuhl: ihrer Mutter war damals die Wartezeit in der Schlange für die Schluckimpfung zu lange......

 

Und von woher kommen heutzutage die Flüchtlingsfamilien mit traditionell vielen Kindern?

 

Wir müssen auch bei uns sehr wachsam sein angesichts der Globalisierung und weltreisenden Bevölkerung. Ich befürworte sehr die Forderung des BVKJ:

 

Kein Kind ohne komplettierte Impfungen in öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen und Schulen!

 

5.    Man könnte nun denken, die infektiologischen Schwachstellen dieser Welt konzentrierten sich auf die ärmeren Länder.

 

Das stimmt so nicht, auch wenn AIDS und Tuberkulose in Kombination mit Unterernährung dort noch größere Ausmaße haben als bei uns in Europa.

 

Aber wie ist es mit der zunehmenden Zahl an Sepsisfällen, die in alternden Gesellschaften in der westlichen Welt rapide steigen? Mehr und mehr Menschen bei uns, auch Kinder und Jugendliche überleben schwere Krankheiten dank Organtransplantationen, ausgeklügelten onkologischen Therapieregimes und Behandlungen mit monoklonalen Antikörpern. Sie haben daher oft ein stark supprimiertes Immunsystem und sind gefährdet durch lebensgefährliche Bakterien und Pilze.

 

Hinzu kommt in Deutschland eine zunehmende Ökonomisierung der Medizin, die besonders im Privatsektor, aber auch in anderen Kliniken der öffentlichen oder kirchlichen Hand, durch Einsparung von Personalkosten, schwarze Zahlen zu schreiben, bzw. Aktionärsinteressen zu befrieden versucht. So arbeiten in deutschen Kliniken zu wenig Infektiologen, Hygieneärzte und Hygieneschwestern. Besonders unsere empfindlichsten Patienten, die kleinen Frühgeborenen mit ihrem unreifen Immunsystem benötigen optimal geschultes Pflegepersonal in ausreichender Zahl.

 

6.    Abschließend das leidige Problem der Masern in Deutschland! (Daten vom RKI in Berlin)

 

Die Häufigkeit der Masern ist durch die Impfung seit 40 Jahren rückläufig. Seit der Einführung des Infektionsschutzgesetzes (IFSG) 2001 wird seit 2005 eine jährlich erheblich schwankende Anzahl von Masernfällen aufgrund unterschiedlich großer lokaler Ausbrüche gemeldet. Die Zahl der Masernfälle in Deutschland stagniert erheblich über einem von der WHO angestrebten Eliminationsziel von < 1 Fall /1 Mio. Einwohner. Es gibt eine hohe Zahl an Masernfällen bei Kindern >10 J und bei den kleinen < 1 Jahr und Einjährigen. Letztere könnten nur vom Herdenschutz geimpfter älterer Kinder profitieren, weil die jungen noch nicht geimpft werden können.

 

Komplikationen der Masern sind meistens bakterielle Superinfektionen wie Otitis, Bronchitis und Pneumonie.

 

Sehr gefährlich die akute postinfektiöse Enzephalitis (Hirnentzündung) (0,1% der Fälle), die zu 10-20% tödlich und zu 20-30% mit Residualschäden verlaufen!

 

Die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) tritt in 4 – 11/100.000 Masernerkrankungen auf, bei jung unter 5 Jahren erkrankten Kindern aber bis zu 20 – 60 SSPE/100.000 Masererkrankungen mit immer infauster Prognose, d.h. Tod!

 

Cave in diesem Zusammenhang: Patienten mit Immunsuppression, d.h. Krebs- und Bestrahlungspatienten, Organtransplantierte und solche mit Therapie mit monoklonalen Antikörpern!

 

 

 

 

 

Letalität der Masern 0,05 – 0,1% in Industrieländern, aber 5 – 6% in Entwicklungsländern!

 

Laut IfSG-Meldedaten für Deutschland: 15 Todesfälle aufgrund von Masern 2001 – 2012 , d.h. etwa ein Todesfall auf 1000 Masernfälle!

 

Sie sehen, die Infektiologie ist nach wie vor gerade für uns Pädiater essentiell. Es ist uns gelungen, schwere Infektionskrankheiten durch Impfungen zu vermeiden, nur die Älteren unter uns kennen die fatalen Folgen der Pneumokokken- und Hämphilusmeningitis bzw. Epiglottitis. Dafür kommen neue bzw. alte Infektionen wieder neu in den Fokus: hier denke ich z.B. an sexuell übertragbare Krankheiten oder die Tuberkulose.

 

Seit 1981 haben sich nach groben Schätzungen der WHO mehr als 75 Mio. Menschen mit HIV infiziert, jährlich sterben ca. 1,6 Mio. Patienten an den Folgen von AIDS.

 

 

 

 

 

Bad Orb, den 13.10.14

 

Prof. Dr med Klaus-Michael Keller

 

Wissenschaftliche Leitung

 

Deutsche Klinik für Diagnostik, Wiesbaden

 

Klaus-michael.keller@noSpam.helios-kliniken.de

 

 

 

 

 

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