Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

21.01.2007

Frühe Intervention und Hilfe zur Verhinderung von Kindesmisshandlung/-vernachlässigung

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) zeigt sich über die immer häufiger dokumentierten Fälle von eklatanten Verletzungen des Kindeswohls in Deutschland außerordentlich besorgt und begrüßt die Initiativen der Politik und des Gesetzgebers ausdrücklich, der im Sozialgesetzbuch VIII gerade erst neu definierten und ausgeführten Schutzaufgaben zur Wahrung des Kindeswohls konsequent entsprechen zu wollen.

Neben den verschiedenen Formen von Gewalt gegen Kinder ist es gerade die chronische Vernachlässigung, die Kinder aller Lebenschancen beraubt und somit ihre Entwicklung zu eigenverantwortlichen und ihr Leben selbständig gestaltenden Mitgliedern unserer Gesellschaft unmöglich macht. Kinder- und Jugendärzte verstehen sich als professionelle Fachleute, die aufgrund ihrer Aus- und Weiterbildung den Entwicklungsstand eines Kindes in den verschiedenen Lebensphasen qualifiziert beurteilen und daher einen Beitrag zur Früherkennung und -prävention von Kindeswohlgefährdung leisten können.

Um möglichst alle Kinder untersuchen und ihren Gesundheits- sowie Entwicklungsstand beurteilen zu können, bedarf es nach Auffassung des BVKJ sowohl eines Systems verbindlicher Kinderfrüherkennunguntersuchungen und einer zielgerichteten Erweiterung des Inhaltes dieser Untersuchungen einschließlich der Aufnahme primärpräventiver Anteile. Dies ist jedoch nur durch eine entsprechende Änderung in § 26 SGB V möglich, zu der die Kinder- und Jugendärzte die Politik wiederholt aufgefordert haben. Leider sieht das Bundesgesundheitsministerium dazu im Rahmen der anstehenden Gesundheitsreform keine Notwendigkeit.

Durch ein gesetzlich verankertes Meldewesen, nach dem im Konsens mit den Eltern die Teilnahme an den jeweiligen Kinderfrüherkennungsuntersuchungen bescheinigt wird, würden Jugendhilfe und öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) in die Lage versetzt, die mit ihrem Kind nicht teilnehmenden Eltern über ein Erinnerungsverfahren zur Teilnahme aufzufordern und schließlich auch diejenigen Kinder und Familien ausfindig zu machen, die sich einer Früherkennungsuntersuchung weiterhin entziehen.

Die Strukturen eines personell und materiell ausreichend erweiterten Systems der aufsuchenden Hilfe des ÖGD und der Jugendhilfe müssen gleichzeitig in die Lage versetzt werden, gefährdeten Kindern und Familien frühzeitig und rechtzeitig Hilfe und Untersuchung anbieten zu können.

Der BVKJ fordert deshalb parallel zur Einführung der notwendigen Strukturen eines verbindlichen Kinderfrüherkennungsprogramms die Entwicklung eines flächendeckenden multiprofessionellen Netzwerks früher Hilfestrukturen, das erziehungsunfähigen Eltern zeitnah und kompetent bei der Verbesserung ihrer Erziehungsfähigkeit zur Seite stehen kann. Nur durch ein balanciertes Nebeneinander von Fordern und Fördern kann die Gesellschaft im Konsens mit den Eltern mittelfristig eine Sicherstellung des Kindeswohls für möglichst alle Kinder erreichen.