Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

27.07.2005

Fragen zur gesundheitlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen an die politischen Parteien zur Bundestagswahl

Im September soll ein neuer Bundestag gewählt werden. Doch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) sieht derzeit die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen, insbesondere mit chronischen und seltenen Erkrankungen, durch entsprechend weitergebildete qualifizierte Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin gefährdet. Nur eine optimale Versorgung der wenigen Kinder, die noch in Deutschland geboren werden, kann sicherstellen, dass diese Kinder möglichst gesund erwachsen werden und nicht von vermeidbaren chronischen Erkrankungen gezeichnet sind, die sie frühzeitig erwerbsunfähig machen und die Kosten unserer Sozialsysteme sprengen.

Die derzeitige Gesundheitspolitik, die ihr Hauptaugenmerk nach wie vor weniger auf Prävention legt, sondern Millionenbeträge für die Verwaltung bereits chronischer Erkrankungen bei Erwachsenen ausgibt, setzt nach Meinung des BVKJ falsche Schwerpunkte. Kinder und Jugendliche finden in unserem Gesundheitssystem nach wie vor zu wenig Beachtung, ihre Versorgung im ambulanten und stationären Bereich ist massiv gefährdet.

Auch macht dem BVKJ die soziale Situation von Kindern und Familien erhebliche Sorgen. In Klinik und Praxis erleben Kinder- und Jugendmediziner täglich die gesundheitlichen Auswirkungen bei Kindern und Jugendlichen durch Armut, Bildungsferne, inkompetente Erziehung, Ausgrenzung und Sucht.

Die gemeinsame Plattform des BVKJ und der Elternselbsthilfegruppen des Kindernetzwerks e.V. in Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) möchte vorab die Parteipositionen, die im Fall einer Regierungsbeteiligung vertreten werden, kennen lernen und ihren Mitgliedern als Hilfe bei der Wahlentscheidung mitteilen. Der Fragenkatalog ist unter den pädiatrischen Gesellschaften (BVKJ, DGKJ, DGSPJ) abgestimmt und somit repräsentativ für die gesamte Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland.

Fragenkatalog an die Parteien:

1. Stehen Sie zur Resolution aller Parteien im Deutschen Bundestag vom 25.06.2002, in der gefordert wird, die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu sichern und zu verbessern? Wie und wann wollen Sie die Inhalte dieser Resolution umsetzen?

2. Wie wollen Sie die soziale Situation von Familien verbessern, um die Geburtenrate zu steigern und zu verhindern, dass jeder 5. Bürger unter 18 Jahren an der Armutsgrenze lebt?

3. Wie wollen Sie unter Ihrer Regierung die vorschulische und schulische Erziehung und Bildung organisieren, um allen Kindern möglichst optimale Startchancen zu gewährleisten?

4. Welche Strategien hat Ihre Partei, um Kinder und Jugendliche wirksam vor legalen und illegalen Drogen zu schützen?

5. Welche Pläne hat ihre Partei, um sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche bzw. mit Migrationshintergrund wirksamer zu fördern und zu integrieren?

6. Wie verlässlich bleibt unter Ihrer Regierungsmitverantwortung die beitragsfreie Mitversicherung von Kindern und Jugendlichen in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der Verzicht auf Zuzahlungen bis zum vollendeten 18. Lebensjahr?

7. Werden Sie sich für die Übernahme der Kosten für alle von der STIKO empfohlenen Impfungen durch die GKV mittels einer entsprechenden Änderung im Sozialgesetzbuch (SGB) V (§ 23, abs.9) einsetzen?

8. Werden Sie sich für den gesetzlich verankerten Ausbau der Untersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr durch Änderung im SGB V (§ 26) und die Durchführung durch entsprechend qualifizierte Kinder- und Jugendärzte einsetzen, wie dies Eltern und Pädiater wünschen?

9. Ein besonderes Anliegen der gemeinsamen Plattform ist die Übernahme der Kosten für nicht-verschreibungspflichtige Medikamente (OTC-Präparate) mit nachgewiesener Wirksamkeit bis zum vollendeten 18. Lebensjahr durch entsprechende Änderung im SGB V (§ 34). Welche Position nimmt Ihre Partei dabei ein?

10. Wollen Sie auch weiterhin in Deutschland eine qualifizierte ambulante Kinder- und Jugendmedizin als eigenständige Fachgruppe und sind Sie bereit, die Sonderstellung der haus- und fachärztlichen Versorgung durch Kinder- und Jugendärzte im SGB V (§ 73) festzuschreiben?

11. Wie stehen Sie zu Hausarztmodellen unter dem Aspekt einer qualifizierten fachärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen?

12. Wie verhindert Ihre Partei durch Einwirkung auf die Länder die derzeit zu beobachtende Ausblutung des jugendmedizinischen Dienstes im ÖGD (Reihenuntersuchungen, aufsuchende Gesundheitsfürsorge, gesundheitliche Beratung und Betreuung von Kindertageseinrichtungen und Schulen), der besonders für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche eine unverzichtbare Säule des Gesundheitssystems ist?

13. Wie will Ihre Partei die Arzneimittelversorgung (Stichwort: Off-Label-Use) von Kindern und Jugendlichen durch entsprechende Bestimmungen im AMG, Änderungen beim Zulassungsrecht und entsprechende Anreize für die forschende Pharmaindustrie sichern?

14. Wie will ihre Partei den Erhalt von Kinderkliniken und Spezialambulanzen für Kinder- und Jugendliche mit chronischen und/oder seltenen Erkrankungen sowie eine qualifizierte Facharztweiterbildung zum Kinder- und Jugendarzt in Klinik, Praxis und ÖGD sichern? Stehen Sie dazu, dass Kinder und Jungendliche nur in entsprechenden Fachabteilungen und Fachkliniken behandelt werden sollen? Werden Sie bei Übernahme der Regierungsverantwortung für eine Umsetzung des § 116 b des SGB V sorgen?

15. Sind Sie bereit, das nicht für die Kinder- und Jugendmedizin entwickelte DRG-System zu überarbeiten, das in seiner gegenwärtigen Form die Existenz von zahlreichen leistungsfähigen Kinderkliniken und –abteilungen massiv gefährdet?

16. Vor kurzem ist unter maßgeblicher Beteiligung des Kindernetzwerkes und der BAG Selbsthilfe die Allianz chronischer seltener Erkrankungen (ACHSE) unter der Schirmherrschaft von Frau Eva Luise Köhler gegründet worden. Werden Sie und wenn ja, in welcher Weise diese neue Allianz für seltene Erkrankungen in Deutschland künftig unterstützen?

17. Die psychosoziale Nachsorge gerade für Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen ist in Deutschland noch sehr unterentwickelt. Was werden Sie künftig tun, um hier insbesondere bei der Pflegebegutachtung im Kindesalter konkrete Verbesserungen herbeizuführen?

18. Was wird Ihre Partei unternehmen, um die konkrete Umsetzung der Frühförderverordnung nach § 30 SGB IX zu erreichen?

19. Welche konkreten Maßnahmen zur Förderung der Kindergesundheit und zur Prävention der sogenannten „neuen Morbiditäten“ im Kindes- und Jugendalter möchten Sie einleiten?

20. Der Übergang der Betreuung vom Kinder- und Jugendarzt zu anderen Arztgruppen gestaltet sich für chronisch kranke Jugendliche und Jugendliche mit seltenen Erkrankungen oft sehr schwierig. Ab dem vollendeten 18. Lebensjahr dürfen Kinder- und Jugendärzte nach den Bestimmungen der Berufsordnung diese Patienten nicht mehr weiter behandeln, andere Arztgruppen können oder wollen sie jedoch zum Teil nicht übernehmen. Wo sehen Sie hier in Zukunft - gerade im Kontext der neuen Versorgungsformen im Gesundheitswesen - eine Lösung im Interesse der zu versorgenden Patienten?

21. Werden Sie in Regierungsverantwortung das Potential der Selbsthilfe, das im § 20 SGB V festgeschrieben ist, weiter stärken? Wenn ja, in welcher Weise?

22. Wie wird sich Ihre Partei für die Verbesserung der Integration von behinderten und chronisch kranken Kindern und Jugendlichen in Regeleinrichtungen sowie die adäquate Betreuung in Regelschulen sowie in betreuenden Einrichtungen einsetzen?