Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

14.10.2014

Eröffnungsrede des Präsidenten anlässlich des 42. Herbst-Seminar-Kongresses in Bad Orb am 12.10.14

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich begrüße Sie ganz herzlich zum 42. Herbst-Seminar-Kongress des BVKJ  in Bad Orb. Vielen Dank, dass Sie nach Bad Orb gekommen sind und durch Ihre Anwesenheit die Fortbildungsanstrengungen des BVKJ unterstützen. Heutzutage ist es nicht einfach, bei all den vielen Fortbildungsangeboten, auch der Industrie, den Qualitätszirkeln vor Ort und natürlich auch den Freizeitansprüchen der nachfolgenden Generation genügend Mitglieder für einen solchen Seminarkongress zu interessieren, auch wenn wir mit der Infektiologie ein sehr aktuelles Thema für Praxis und Klinik ausgewählt haben.

 

Wahlen

Unser Kongress ist in diesem Jahr natürlich nach den Wahlen der DV, die heute Nachmittag zu Ende gegangen ist, von besonderem Interesse. Die DV hat für die Amtszeit vom 01.11.2015 bis 31.10.2019 als meinen Nachfolger Herrn Dr. Thomas Fischbach aus Solingen gewählt. Zudem ist eine Neustrukturierung der Verbandsspitze mit nunmehr drei Vizepräsidenten erfolgt, die zusammen mit dem Präsidenten versuchen werden, in enger Kooperation die wachsenden Aufgaben des BVKJ zu bewältigen und gleichzeitig auch noch in Praxis bzw. Klinik berufstätig zu sein, um engen Kontakt mit der Medizin zu halten. Dies ist ein Experiment, wir werden sehen, ob es klappt. Gewählt wurden Frau Dr. Sigrid Peter aus Berlin, Herr Prof. Dr. Ronald Schmid aus Altötting für den Bereich der stationären Kinder- und Jugendmedizin und Herr Dr. Roland Ulmer. Ich wünsche diesem Team jedenfalls viel Erfolg.

 

Kinderrechte

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte setzt sich weit über seinen medizinischen Versorgungsauftrag hinaus im Sinne der Präambel der UN-Kinderrechtskonvention für das Recht aller Kinder auf ein gesundes Aufwachsen ein. Gesundes Aufwachsen ist ohne ein entsprechendes Umfeld und politische Rahmenbedingungen nicht möglich. Zieht man nach 25 Jahren UN-Kinderrechtskonvention Bilanz, muss man feststellen, dass zahlreiche Forderungen bei uns nicht ausreichend umgesetzt sind.

Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt ein uneinheitliches Bild. Insbesondere ist nach unserer Auffassung nicht hinzunehmen, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in so starkem Maße von der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand des Elternhauses beeinflusst wird. Ich verweise hierzu auf den Kindergesundheits-Atlas für Deutschland von 2011. Diese gravierenden Unterschiede zeigen, dass in Deutschland noch Etliches zu tun ist, um allen Kindern eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung und ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

Nach den Ergebnissen der KIGGS-Studie – erste Folgebefragung (KIGGS Welle 1) schätzten 94 % der Eltern die gesundheitsbezogene Lebensqualität der 7- bis 10-jährigen Mädchen und Jungen als sehr gut oder gut ein. In der Selbsteinschätzung der 11- bis 17-Jährigen waren es sogar 96 %, die ihre Lebensqualität als sehr gut oder gut einschätzten. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität der untersuchten Kinder und Jugendlichen erwies sich also überwiegend als sehr gut oder gut. Sowohl körperliche Erkrankungen und Schmerzen als auch psychische Auffälligkeiten und ein niedriger sozioökonomischer Status gingen mit Einschränkungen in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität einher. Diese Ergebnisse der Selbsteinschätzung durch Eltern und Jugendliche stimmen nicht mit den in den pädiatrischen Praxen erhobenen Befunden überein. Interventionen zur Verbesserung der Lebensqualität sind ganz besonders bei Kindern und Jugendlichen mit körperlichen Erkrankungen und psychischen Auffälligkeiten unabhängig von ihrer sozialen Lage zwingend erforderlich.

Ein Problem bei der Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland ist, dass im Grundgesetz die Kinderrechte nicht ausdrücklich verankert sind und  in

GG Art 6 „(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“

dem Recht der Eltern ein vorrangiger Stellenwert eingeräumt wird und staatliche Organe sich oft scheuen, ihrer Fürsorgepflicht für die Kinder nachzukommen, wenn die Eltern versagen oder dem Erziehungsauftrag aus unterschiedlichen Gründen nicht gewachsen sind.

Kinder und Jugendliche benötigen Lebensbedingungen, die es ihnen ermöglichen, den höchsten Standard an körperlicher und seelischer Gesundheit zu erreichen. Dazu bedarf es einer Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz und des politischen Bekenntnisses, dass das Grundrecht eines jeden Kindes höher zu bewerten ist, als das Erziehungsrecht der Eltern.

Kinder- und Jugendärzte (-innen) sind als ambulant-tätige Allgemeinpädiater für über 90 % aller Kinder und Familien im ersten Lebensjahr die ersten und wichtigsten Ansprechpartner zu allen Fragen der Kindergesundheit und des gesunden Aufwachsens von Kindern aus allen sozialen Gruppen. Sie genießen das Vertrauen der Eltern und haben einen niederschwelligen Zugang zu den Familien.

 

Prävention

Diese Möglichkeiten gilt es auch im Rahmen der Gesetzgebung zu einem Präventionsgesetz zu nutzen.

Wir sind der Auffassung, dass ein großer Teil an Mortalität, Morbidität und Behinderungen bei Kindern und Jugendlichen verhindert werden könnte, wenn  das politische Engagement und eine ausreichende Zuteilung von Ressourcen in der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet wären. Das Wissen ist vorhanden, aber an der Umsetzung in politisches Handeln hapert es oft. Gerade die primäre Prävention, also die frühe Verhinderung von Erkrankungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen im späteren Leben, ist bei uns noch völlig unzureichend umgesetzt.

Der BVKJ hat bereits vor 7 Jahren gehandelt und das gesamte Kinderfrüherkennungsprogramm inhaltlich überarbeitet und den Erfordernissen der Zeit angepasst. Mit dem Programm PaedCheck steht ein zeitgemäßes Vorsorgeprogramm für Kinder und Jugendliche zur Verfügung, das aber aufgrund unzureichenden politischen Engagements und des Widerstands eines Großteils der gesetzlichen Krankenkassen derzeit nur Privatpatienten sowie Kindern und Jugendlichen, die bei der BarmerGEK oder der AOK Baden-Württemberg versichert sind, zugute kommt.

Grundsätzlich sollte die Gesundheitsversorgung von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen die bestmögliche medizinische Behandlung beinhalten. „Bestmögliche medizinische Behandlung“ bedeutet sowohl das rechtzeitige Erkennen des abwendbaren schweren Verlaufes einer Erkrankung als auch die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in alle diagnostischen und therapeutischen Überlegungen mit einzubeziehen.

 

Kinderbeauftragter

Deshalb fordert der BVKJ neben der wirklich aktiven und unsere Forderungen immer wieder artikulierenden Kinderkommission im Deutschen Bundestag, die leider keine wirklichen Rechte und Kontrollmöglichkeiten hat, neben der Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz auch die Einrichtung von Kinderbeauftragten in allen deutschen Parlamenten, die ähnlich personell und von ihren Befugnissen ausgestattet sind wie der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages.

 

Erziehung und frühe Bildung

Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung und Bildung von Anfang an. Wir wollen keine „Helikopter-Eltern“, wo die Mütter bis ins Schulalter hinein stillen, ihren Kindern jegliche Entwicklung zur Selbständigkeit vorenthalten und sie permanent an der Leine führen. Dies ist nicht im Interesse der Kinder. Kinder sind eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten, sie sind nicht Eigentum der Eltern.

Eltern, Gesellschaft und Staat sollen gemeinsam dazu beitragen, dass junge Menschen zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten mit freien Entfaltungsmöglichkeiten werden. Sie sollen junge Menschen vor Gefahren für ihr Wohl schützen, Benachteiligungen vermeiden bzw. abbauen. Gesellschaft und Staat sollen dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten und zu schaffen.

Über die Ziele gibt es in Deutschland ein breites Einverständnis; bei der Umsetzung sind wir jedoch nicht unbedingt erfolgreich:

  • Zehntausende von Kindern werden in der Bundesrepublik benachteiligt.

Diese Kinder wachsen ohne ausreichende Unterstützung und Förderung, Erziehung und Bildung auf.

Ihnen fehlen liebevolle Zuwendung und sichere Bindungen.

Sie haben häufig keinen ausreichenden Zugang zu einer guten kinder- und jugendmedizinischen Betreuung in Deutschland.

Sie werden nicht aufmerksam und zuverlässig vor Gefährdungen geschützt.

In bildungsfernen, sozial benachteiligten, von Armut und Ausgrenzung bedrohten familiären Lebensverhältnissen fehlen diesen Kindern nachhaltige Entwicklungsanregungen, um ihre intellektuellen und sozialen Kompetenzen zu entfalten.

Die jungen Menschen, die unter solchen prekären Lebensbedingungen aufwachsen müssen, werden früh in ihrer Entwicklung erheblich beeinträchtigt und manche von ihnen traumatisiert. Sie fallen daher nicht selten bereits im Kindergarten mit deutlichen Entwicklungsstörungen auf. Solche Entwicklungsstörungen belasten die jungen Menschen bis in die Jugend- und die junge Erwachsenenzeit hinein und auch im weiteren Leben.

Zunehmend mehr Eltern brauchen  für die Wahrnehmung ihres Erziehungsauftrags ein breites Spektrum von Hilfen, die bereits in der Schwangerschaft und rund um die Geburt einsetzen müssen (Frühe Hilfen).

Das gesundheitliche und soziale Hilfesystem, die Kindertagesstätten und Schulen vermögen es derzeit zu wenig, solche frühen Förder- und Entwicklungsdefizite, die im Wesentlichen sozial bedingt sind, auszugleichen. Den benachteiligten Kindern und Jugendlichen fehlen daher die ihnen zustehenden Entwicklungschancen.

Das unzureichende Angebot an frühkindlicher Förderung von Grundkompetenzen in Kindertageseinrichtungen auf lokaler Ebene führt zu einem medizinisch nicht zu begründenden Anstieg von Heilmittelverordnungen bei Kindern, die in ihrer sozialen Umgebung nur unzureichend gefördert werden. Die Hoffnung auf eine „sozialkompensatorische“ Förderung der Kinder durch außerfamiliäre Fördereinrichtungen (Kita, KiGas, Tagesmütter) ist aktuell nicht realistisch, da die Förderqualität der Einrichtungen in Deutschland im unteren Drittel der Qualitätsskala angesiedelt ist (s. NUBBEK-Studie). Besonders betroffen sind Kinder aus bildungsfernen und anregungsarmen Familien, Kinder Alleinerziehender und Kinder mit Migrationshintergrund (etwa 20 % aller Kinder). Ärztinnen und Ärzte, die in solchen sozialen Brennpunkten arbeiten, werden aber wegen ihrer hohen Zahl an Heilmittelverordnungen regelmäßig mit Prüfanträgen der Krankenkassen in fünfstelliger Höhe konfrontiert.

Die Anzeichen für das Fehlen von Anregung, Unterstützung, Wärme und Aufmerksamkeit sind deutlich und nicht zu übersehen::

-Trotz sinkender Kinderzahl steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die kinder- und jugendärztlich sowie sozialpsychiatrisch behandelt werden, die zu Klienten sozialpädagogischer und psychologischer Institutionen werden oder deren Delinquenz Polizei und Justiz auf den Plan ruft.

Auch die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die zu Schulverweigerern werden, nimmt zu.

ca. 70.000 Jugendliche verlassen jedes Jahr in Deutschland die Schule ohne Abschluss und finden dann - wenn überhaupt - nur über kostspielige und wenig wirksame Eingliederungsprogramme ihren Weg ins Berufsleben. Viele von ihnen sind lebenslang von Arbeitslosigkeit bedroht.

Die Gefahr ist groß, dass sie ihre prekären Lebensumstände und ihre chronische Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen an die nächste Generation weitergeben.

Vernachlässigt, ohne Anerkennung, mit erheblichen Erziehungs- und Bildungsdefiziten können sie bei der Gestaltung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht mitwirken, bleiben sie am Rande und haben keine Stimme.

Diese Kinder und Jugendlichen fehlen der Gesellschaft, dem Staat, der Wirtschaft; sie fehlen uns allen. Einen solchen Verlust können wir uns in einem demokratischen Gemeinwesen nicht leisten. Wir brauchen jedes Kind in Deutschland und können es uns nicht leisten, ihre Talente zu verschleudern. Wir alle haben eine Verpflichtung für das Wohl jedes einzelnen Kindes zu sorgen. Wir brauchen seine Kräfte und Begabungen, seine Kreativität und sein Engagement.

Um diesem Problem im Interesse der Kinder abzuhelfen, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen behandelnden kinder- und jugendärztlichen Praxen, dem jugendmedizinischen Dienst im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und der Kinder- und Jugendhilfe unerlässlich (s. auch 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung). Die gegenwärtige „Versäulung der gesellschaftlichen Hilfeangebote (Sozialwesen; Bildung; Gesundheitssystem) mit ihren eigenen Hilfekonzeptionen ohne Kenntnisnahme und Mitwirkung der jeweils anderen Sektoren ist kontraproduktiv und teuer.

Es ist deshalb unerlässlich, die vorhandenen Einrichtungen der Kindertagesbetreuung zu Institutionen der frühkindlichen kognitiven, sprachlichen, motorischen Förderung und der Förderung des sozialen Verhaltens zu qualifizieren (Akademisierung der ErzieherInnen) und – mit ihnen als Kern - zu Familienzentren im Sinne regionaler Familienbildungsstätten auszubauen. Ohne solche strukturierten, niederschwelligen und lokalen Angebote wird die umfassende Betreuung von Familien, die auf soziale Hilfen angewiesen sind, und ihrer Kinder nicht gelöst werden können. Die aufsuchende Hilfe in den Familien durch den ÖGD und das Jugendamt bleibt auch bei dieser intersektoralen Konzeption von besonderer Bedeutung.

 

Impfschutz

Krankenversicherte Kinder erhalten trotz geregelter Kostenübernahme durch die Kassen z.B. nicht den nötigen Schutz vor durch Impfung zu verhütenden Erkrankungen, wenn die Eltern nicht einverstanden sind. Auf der UN-Sondertagung für Kinder vom 8. – 10. Mai 2002 in New York wurde in Ergänzung des Artikels 24 der UN-Kinderrechtskonvention folgendermaßen konkretisiert:

Jedes Kind hat das Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten. Die Routineimpfung von Kindern ist notwendig, um das Recht der Kinder auf Gesundheit zu gewährleisten“.

Kinder sind uneingeschränkt Träger derjenigen Grundrechte, die allein an die menschliche Existenz anknüpfen und haben damit u. a. gem. Art. 2, Abs. 2, GG das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, dessen elementarer Bestandteil nach der UN-Kinderrechtskonvention und dem Recht auf Gesundheit im verfassungsrechtlichen Sinne auch Schutzimpfungen sind.

Aus ärztlicher Sicht kann man von unterlassener Hilfeleistung, von Vernachlässigung elterlicher Fürsorgepflicht oder auch von grober Fahrlässigkeit sprechen, wenn man einem Kind den derzeit möglichen Schutz vor durch Impfung zu verhütenden Erkrankungen vorenthält. Alle Bundesregierungen haben es bisher versäumt, ein Nationales Impfkonzept zum Schutz aller Kinder vor solchen Erkrankungen zu verabschieden und sich nachhaltig zum Impfschutz zu bekennen. Daher sind bei uns immer noch Kinder gefährdet, an Masern, Windpocken und Mumps zu erkranken oder sogar zu sterben. Hier hat die staatliche Fürsorge seit vielen Jahren versagt.

Impfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen der Medizin. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich; bleibende unerwünschte gravierende Arzneimittelwirkungen werden nur in ganz seltenen Fällen beobachtet und stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen Komplikationen, die bei den Erkrankungen auftreten können, gegen die wir in Deutschland impfen. Unmittelbares Ziel der Impfung ist es, den Geimpften vor einer ansteckenden Krankheit zu schützen. Bei Erreichen hoher Durchimpfungsraten ist es möglich, einzelne Krankheitserreger regional zu eliminieren und schließlich weltweit auszurotten.

Schutzimpfungen sind nicht ausschließlich eine private, individualmedizinische Maßnahme: Der Staat hat die Ausgestaltung einzelner Aspekte zu Schutzimpfungen dezidiert zur eigenen (öffentlichen) Aufgabe erklärt (§ 20 Abs. IfSG). Auch Kinder, die aus medizinischen Gründenvor allem mit den üblichen Lebendimpfstoffen (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken) nicht geimpft werden können (z.B. Säuglinge in den ersten 10 Lebensmonaten, Kinder mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, Kinder unter immunsuppressiver Behandlung) haben ein Recht auf den Besuch von überwiegend staatlich finanzierten Gemeinschaftseinrichtungen. Daher muss sichergestellt werden, dass alle Kinder in diesen Einrichtungen, bei denen keine medizinischen Kontraindikationen vorliegen, vollständig entsprechend den aktuellen Impfempfehlungen geimpft sind (Herdenimmunität).

Die Zukunft der Kindergrundversorgung – ein Ausblick

 

Kinder, Jugendliche und ihre Familien brauchen auch in Zukunft eine gut erreichbare, umfassende, kontinuierliche, Kind- und Familien-zentrierte, empathische und kulturell kompetente Gesundheitsgrundversorgung.

 

In einigen ländlichen Regionen sind bereits jetzt zu wenige oder gar keine Ärzte in einer zumutbaren Entfernung erreichbar. Angesichts des steigenden Frauenanteils der Ärzteschaft (sog. Feminisierung, 80 bis 90 % aller Ärzte/Ärztinnen in allgemeinmedizinischer und pädiatrischer Weiterbildung sind derzeit Frauen) und damit der Reduzierung der Lebensarbeitszeit der Ärzte und Ärztinnen in der medizinischen Grundversorgung müssen grundsätzlich neue Wege für eine flächendeckenden Grundversorgung überlegt werden.

Die Wünsche an den beruflichen Alltag haben sich bei den jüngeren Kolleginnen und Kollegen in den letzten 10 Jahren gewandelt und der Wunsch nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf steht im Vordergrund. Die seit vielen Jahrzehnten bestehenden Versorgungsstrukturen mit strenger Trennung von Klinik, Praxis, Sozialpädiatrischen Zentren, Öffentlichem Gesundheitsdienst und vorwiegend freiberuflichen Einzelpraxen entspricht nicht mehr den Vorstellungen und Wünschen der Kolleginnen und Kollegen, die ihre Weiterbildung abgeschlossen haben und überlegen, wie sie in der gesundheitlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen tätig sein können.

Viele dieser Kolleginnen und Kollegen verfügen neben guten Kenntnissen in der Allgemeinen Kinder- und Jugendmedizin (primary care) auch über zusätzliche Qualifikationen in Schwerpunkten und Zusatzweiterbildungen (Neonatologie, pädiatrische Allergologie und Pneumologie, pädiatrische Rheumatologie, Neuropädiatrie, pädiatrische Hämatologie und Onkologie, pädiatrische Gastroenterologie, Kinderkardiologie, pädiatrische Nephrologie, pädiatrische Endokrinologie, Psychosomatik und Psychotherapie, Stoffwechselstörungen, Naturheilverfahren, Sportmedizin usw.) und sind in der medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen unverzichtbar. Daher müssen die althergebrachten Strukturen aufgebrochen, Grenzen überwunden und neue Versorgungsangebote entwickelt und erprobt werden, die den Wünschen der nachwachsenden Medizinergeneration nach einer Tätigkeit im Angestelltenverhältnis und der Möglichkeit der Teilzeittätigkeit gerecht werden.

Wie bereits ausgeführt, ist die spezialärztliche pädiatrische Versorgung in ländlichen Gebieten nicht ausreichend sichergestellt. Einen Lösungsweg bietet der Einsatz von Telemedizin, die in der ambulanten Versorgung noch zu wenig ausgebaut ist und in Zukunft einen  höheren Stellenwert bekommen muss. Telemedizin ist dabei kein Ersatz für den persönlichen Pädiater-Patienten-Kontakt, aber eine wertvolle Ergänzung vor allem im Hinblick auf medizinisches Expertenwissen.

 

Stationäre Versorgung und Vernetzung ambulant/stationär

1. Die stationäre Versorgung (sekundäre und tertiäre Pädiatrie) muss in finanziell bestens ausgestatteten Universitätskliniken und Kliniken der Maximalversorgung zur medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen erfolgen.

Kinderkliniken und Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin brauchen einen Sicherstellungszuschlag, der gesetzlich verankert ist. Hier ist eine Präzisierung bzw. Änderung des Krankenhausentgeltgesetzes notwendig.

2. Kinder und Jugendliche, die auf eine spezialärztliche Versorgung angewiesen sind, müssen diese in zumutbarer Wohnortnähe erhalten.

Hierfür stehen zunächst niedergelassene Kinder- und Jugendärzte mit entsprechenden Zusatzweiterbildungen und Schwerpunkten und bei darüber hinausgehendem spezialärztlichen Bedarf pädiatrische Instituts-Ambulanzen sowie Sozialpädiatrische Zentren (SPZ) bereit. Diese Instituts-Ambulanzen sollten an jeder geeigneten Kinderklinik/Abteilung für Kinder- und Jugendmedizin als Bestandteil ihres Versorgungsauftrages etabliert und durch eine Ergänzung im SGB V abgesichert sein. Ebenso müssen die SPZ abgesichert werden.

3. Die Grenzen zwischen den einzelnen Versorgungsebenen müssen durchlässig sein, damit auch niedergelassene Spezialistinnen und Spezialisten in den Spezialambulanzen mit ihrer Kompetenz tätig werden können.

4. Eine stationäre Versorgung von Kindern und Jugendlichen muss auch außerhalb von Universitätskliniken und Kliniken der Maximalversorgung in Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin mit qualifizierten Kinder- und Jugendärzten/-innen sowie einer entsprechend ausgestatteten Kinderkrankenpflege wohnortnah (maximale Entfernung 50 bis 60 km) gewährleistet sein.

Kinder- und Jugendärzte mit Spezialqualifikationen (Schwerpunkt, Zusatzweiterbildung usw.) können sich an einer stationären Einrichtung für Kinder und Jugendliche niederlassen und dort ambulant und stationär zugleich tätig sein. Eine volle Zulassung erfordert eine Tätigkeit von mindestens 20 Wochenstunden in der ambulanten Versorgung, man kann aber auch nur ½ Zulassung erwerben und muss dann nur 10 Wochenstunden in der ambulanten Versorgung tätig sein. Die übrige Zeit kann man stationäre Patienten mitversorgen.

In einem MVZ, das auch einer Klinik angegliedert sein kann, kann man 1 Zulassung auch auf 4 Ärztinnen und Ärzte verteilen und hat somit noch mehr Zeit für eine gleichzeitige stationäre Tätigkeit. Auch freiberuflich-tätige Ärztinnen und Ärzte können ein MVZ gründen.

Sowohl in einer Praxis als auch in einem MVZ oder einer anderen Form der kooperativen Tätigkeit kann man angestellt tätig sein. Dies bietet sich für junge Ärztinnen und Ärzte an, deren Kinder noch klein sind und mehr Betreuung benötigen.

Meine Damen und Herren, Sie sehen, dass wir sehr viele Themen zu bearbeiten haben, wenn wir gewährleisten wollen, dass Kinder und Jugendliche bei uns gesund aufwachsen können. Der BVKJ ist hier ein ganz wichtiger Partner für Politik, Selbstverwaltung und Verbände. Wir sind uns dieser Verantwortung bewusst.

 

Es gilt das gesprochene Wort.

 

Bad Orb, 12.10.2014

 

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident