Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

13.10.2014

Pressemitteilung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ) anlässlich des 42. Herbst-Seminar-Kongresses 2014 am 13.10.14 in Bad Orb

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ)

 KINDERRECHTE AUF DEM PRÜFSTAND: KINDER- UND JUGENDÄRZTE PRANGERN ERHEBLICHE DEFIZITE BEI DER UMSETZUNG AN

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) setzt sich weit über seinen medizinischen Versorgungsauftrag hinaus im Sinne der Präambel der UN-Kinderrechtskonvention vom 20. November 1989 [von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet (Zustimmung von Bundestag und Bundesrat durch Gesetz vom 17. Februar 1992 - BGB1. II S.121) am 6. März 1992 Hinterlegung der Ratifikationsurkunde beim Generalsekretär der Vereinten Nationen am 5. April 1992 für Deutschland in Kraft getreten (Bekanntmachung vom 10. Juli1992 - BGBl. II S. 990)] für das Recht aller Kinder auf ein gesundes Aufwachsen ein. Gesundes Aufwachsen ist ohne ein entsprechendes Umfeld und bestimmte politische Rahmenbedingungen nicht möglich.

 

Zieht man Bilanz, muss man feststellen, dass auch im 25. Jahr des Bestehens der UN-Kinderrechtskonvention zahlreiche Forderungen verschiedener Artikel bei uns nicht ausreichend umgesetzt sind.

 

 

 

Ein Problem bei der Umsetzung der Kinderrechte in Deutschland ist, dass im Grundgesetz die Kinderrechte nicht ausdrücklich verankert sind und in

 

 

 

GG Art 6 „(1) Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung.

(2) Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“

 

 

 

dem Recht der Eltern ein vorrangiger Stellenwert eingeräumt wird und staatliche Organe sich oft scheuen, ihrer Fürsorgepflicht für die Kinder nachzukommen, wenn die Eltern versagen oder dem Erziehungsauftrag aus unterschiedlichen Gründen nicht gewachsen sind. Das Recht eines jeden Kindes auf körperliche und seelische Unversehrtheit ist in Deutschland zweitrangig gegenüber dem Erziehungsrecht der Eltern. Kinder werden quasi als Besitz der Eltern (Objekte) und nicht als Subjekte mit eigenen Rechten angesehen.
(s. auch § 1631d im Bürgerlichen Gesetzbuch, der Eltern das Recht einräumt, ihren minderjährigen und nicht entscheidungsfähigen Söhnen einen Teil ihrer intakten Körperoberfläche ohne jede medizinische Indikation entfernen zu lassen.). Mädchen sind hier besser geschützt.

 

 

 

I. Mängel in der Gesundheitsversorgung

 

Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt ein uneinheitliches Bild. Insbesondere ist nach unserer Auffassung nicht hinzunehmen, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in so starkem Maße von der sozialen Herkunft und dem Bildungsstand des Elternhauses beeinflusst wird.

 

 

 

Wir sind der Auffassung, dass ein großer Teil an Mortalität, Morbidität und Behinderungen bei Kindern und Jugendlichen verhindert werden könnte, wenn  das politische Engagement und eine ausreichende Zuteilung von Ressourcen in der Bundesrepublik Deutschland gewährleistet wären. Das Wissen ist vorhanden, aber an der Umsetzung in politisches Handeln hapert es oft.

 

 

 

Gerade die primäre Prävention, also die frühe Verhinderung von Erkrankungen und Gesundheitsbeeinträchtigungen im späteren Leben, ist bei uns noch völlig unzureichend umgesetzt. Ein Präventionsgesetz ist in den letzten beiden Legislaturperioden des Deutschen Bundestages nicht zustande gekommen, jetzt wird erneut an einem Referentenentwurf gearbeitet, aber auch in diesem Jahr wird es nichts mehr mit dem Gesetz.

 

 

 

In der Bundesrepublik Deutschland sind über 90 % aller Kinder gesetzlich krankenversichert, etwa 9 % sind privat krankenversichert und ein kleiner Teil ist nicht versichert. Insbesondere Kinder und Jugendliche ohne gesicherten Aufenthaltsstatus werden in der Bundesrepublik Deutschland nur unzureichend ärztlich versorgt. Ihnen werden wesentliche medizinische Leistungen wie Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen entgegen den Bestimmungen in Artikel 24 der UN-Kinderrechtskonvention nicht gewährt. Hier wird regelmäßig auch gegen Artikel 22 der UN-Kinderrechtskonvention verstoßen.

 

 

 

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben es nicht leicht, sich in unserem Gesundheitswesen zurechtzufinden, wie Erhebungen des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte im Rahmen des Schwerpunktthemas[1] 2013 ergeben haben. Kultursensitive oder kulturresponsive Interventionen können nur dann erfolgreich sein, wenn unsere Sozialsysteme die Strukturen, Erziehungs- und Sozialisationsziele der Migranten gut kennen und berücksichtigen. Vielfach gibt es Verständigungsprobleme, die Finanzierung qualifizierter Dolmetscher ist nicht geregelt.

 

 

 

Krankenversicherte Kinder erhalten trotz geregelter Kostenübernahme durch die Kassen z.B. nicht den nötigen Schutz vor durch Impfung zu verhütenden Erkrankungen, wenn die Eltern nicht einverstanden sind. Auf der UN-Sondertagung für Kinder vom 8. – 10. Mai 2002 in New York wurde in Ergänzung des Artikels 24 der UN-Kinderrechtskonvention folgendermaßen konkretisiert:

 

 

 

Jedes Kind hat das Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten. Die Routineimpfung von Kindern ist notwendig, um das Recht der Kinder auf Gesundheit zu gewährleisten“.

 

 

 

Aus ärztlicher Sicht kann man von unterlassener Hilfeleistung, von Vernachlässigung elterlicher Fürsorgepflicht oder auch von grober Fahrlässigkeit sprechen, wenn man einem Kind den derzeit möglichen Schutz vor durch Impfung zu verhütenden Erkrankungen vorenthält. Alle Bundesregierungen haben es bisher versäumt, ein Nationales Impfkonzept zum Schutz aller Kinder vor solchen Erkrankungen zu verabschieden und sich nachhaltig zum Impfschutz zu bekennen. Daher sind bei uns immer noch Kinder gefährdet, an Masern, Windpocken und Mumps zu erkranken oder sogar zu sterben. Hier hat die staatliche Fürsorge seit vielen Jahren versagt.

 

 

 

Die inhaltliche Struktur der Vorsorgen muss mit Nachdruck und vorrangig vom G-BA (gemeinsamer Bundesausschuss) zeitgemäß gestaltet und dem wissenschaftlichen Stand angepasst werden. (Stichwort: Standardisierung). Hierzu bedarf es des politischen Willens und eines entsprechenden Drucks auf alle Beteiligte.

 

 

 

Die Gesetze müssen eine Vorsorgestrategie von 0 – 18 Jahren ermöglichen, im ersten Lebensjahr engmaschig, danach genügen jährliche Abstände zwischen den Untersuchungen, bei Jugendlichen auch Abstände von 2 Jahren. Gleichzeitig muss die Primärprävention („Vorausschauende Beratung“) gesetzlich verankert werden (§ 26 SGB V).

 

Der BVKJ hat bereits vor 7 Jahren gehandelt und das gesamte Kinderfrüherkennungsprogramm inhaltlich überarbeitet und den Erfordernissen der Zeit angepasst. Mit dem Programm PaedCheck[2] steht ein zeitgemäßes Vorsorgeprogramm für Kinder und Jugendliche zur Verfügung, das aber aufgrund unzureichenden politischen Engagements und des Widerstands eines Großteils der gesetzlichen Krankenkassen derzeit nur Privatpatienten sowie Kindern und Jugendlichen, die bei der BarmerGEK oder der AOK Baden-Württemberg versichert sind, zugute kommt.

 

 

 

II. Frühe Förderung aller Kinder

 

 

 

Das unzureichende Angebot an frühkindlicher Förderung von Grundkompetenzen in Kindertageseinrichtungen auf lokaler Ebene führt zu einem medizinisch nicht zu begründenden Anstieg von Heilmittelverordnungen bei Kindern, die in ihrer sozialen Umgebung nur unzureichend gefördert werden. Die Hoffnung auf eine „sozialkompensatorische“ Förderung der Kinder durch außerfamiliäre Fördereinrichtungen (Kita, KiGas, Tagesmütter) ist aktuell nicht realistisch, da die spezifische Förderqualität der Einrichtungen in Deutschland im unteren Drittel der Qualitätsskala angesiedelt ist (s. NUBBEK-Studie)[3]. Besonders betroffen sind Kinder aus bildungsfernen Familien, Kinder Alleinerziehender und Kinder mit Migrationshintergrund (etwa 20 % aller Kinder). Diese Gruppen stellen später auch das Gros der Jugendlichen, die ohne Schulabschluss bleiben (ca. 60 - 70.000 pro Jahr).

 

 

 

Wir fordern ein auf die Familien zugehendes Vorgehen beim Anbieten sozialer Förderprogramme sowie die entsprechende Ausstattung von Kindertageseinrichtungen und qualitative Fortbildung der Erzieher/Innen.

 

 

 

Die ersten Jahre sind die »Schicksalsjahre des Lebens«. Internationale Studien wie das Perry Preschool Project[4] haben gezeigt, dass es möglich ist, Kinder aus Risikofamilien durch frühe Intervention nachhaltig zu fördern, so dass sie ihre intellektuellen und sozialen Fähigkeiten entsprechend ihren Anlagen entwickeln und als Erwachsene unabhängig von staatlicher Fürsorge leben können. In Deutschland sind diese Erkenntnisse noch zu wenig bekannt und im Alltag nicht hinreichend umgesetzt. Wir verschleudern unsere Zukunft, indem wir sozial benachteiligte Familien alleine lassen. Das muss sich ändern.

 

 

 

Wir brauchen unbedingt ein Kita-Qualitätsgesetz, das bundesweite Mindeststandards für Kindertageseinrichtungen festlegt und betont, dass Kindertageseinrichtungen nicht allein der Betreuung der Kinder außerhalb des Elternhauses dienen, sondern einen wichtigen Bildungsauftrag haben, um allen Kindern bestmögliche Entwicklungschancen zu geben. Leider wird aus diesem wichtigen Gesetzesvorhaben trotz sehr guter Steuereinnahmen nichts, weil Bund, Länder und Gemeinden nicht bereit sind, der frühkindlichen Bildung einen vorrangigen Stellenwert einzuräumen. Deutschland gibt nur 5,3 % seiner Wirtschaftsleistung für Kitas, Schulen und Universitäten aus, dies liegt deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von 6,3 %. Für uns Kinder- und Jugendärzte ist dies unbegreiflich.

 

 

 

Wir benötigen ein Optimum an frühkindlicher Bildung und Förderung innerhalb und außerhalb von Familien für alle Kinder, eine wirksame Unterstützung von Familien in allen Lebensräumen und eine gesunde Umwelt. Speziell im Gesundheitswesen fordern wir eine Stärkung der kinder- und jugendärztlichen Kompetenz in der allgemeinen medizinischen Grundversorgung, aber auch in der fachärztlichen Versorgung und im öffentlichen Gesundheitsdienst, der eng mit der Kinder- und Jugendhilfe verzahnt werden muss, was der 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bereits im Jahr 2009 gefordert hat.

 

 

 

Anmerkung für die Redaktionen:

 

 

 

Bei Nachfragen stehen Ihnen

 

 

 

Dr. med. Wolfram Hartmann,

 

Präsident Berufsverband der  Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), zur Verfügung unter

 

Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685

 

und über die Geschäftsstelle des BVKJ in Köln

 

dr.w.hartmann-kreuztal@noSpam.t-online.de

 

dr.wolfram.hartmann@noSpam.uminfo.de

 

 

 

 

 

Pressesprecher: Dr. med. Ulrich Fegeler

 


Pichelsdorfer Str. 61, 13595 Berlin
Tel.: 030-3626041 Fax: 030-3611713
E-Mail: ul.fe@noSpam.t-online.de

 

 

 

Verantwortlich:

 

Berufsverband der Kinder- und  Jugendärzte, Mielenforster Straße 2, 51069 Köln Tel:  0221/68909-0

 

 

 

www.bvkj.de           www.kinderarzte-im-netz.de

 

 

 

 

 

Bad Orb, 13.10.2014

 


[1] BVKJ Schwerpunktthema 2013. Migrantinnen und Migranten in der Pädiatrie ISBN 978-3-9816001-0-0

[2] www.bvkj-service-gmbh.de/paedcheck/

[3] Tietze, W., Becker-Stoll, F., Bensel, J., Eckhardt, A. G., Haug-Schnabel, G., Kalicki, B., Keller, H., Leyendecker, B. (Hrsg.) (in Vorbereitung). NUBBEK – Nationale Untersuchung zur Bildung, Betreuung und Erziehung in der frühen Kindheit. Forschungsbericht. Weimar/Berlin: verlag das netz.

[4] High/Scope Perry Preschool Project seit 1962 von David Weikert