Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

13.06.2014

Dr. W. Hartmann: Presseerklärung des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zum 44. Kinder- und Jugendärztetag vom 13. bis 15. Juni 2014 in Berlin

Dr. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e. V. (BVKJ)

1.    Gesunde Umwelt

Gesundheit und Krankheit bei Kindern hängen von ganz unterschiedlichen Faktoren ab. Da sind vererbte Anlagen, Infektionen durch Viren und Bakterien, Änderungen an den Erbanlagen und umweltbedingte Ursachen wie Schimmelpilze, häuslicher Tabakrauch,  Wetter, elektromagnetische Einflüsse, Autoverkehr, Lärm, Weichmacher, Gifte in Spielzeug, Armut, Migration, Pflanzenschutzmittel.

Für alle, die über Umweltbelastungen für unsere Kinder nachdenken und aus Erkenntnissen praktische Konsequenzen ziehen wollen, ist Faktenwissen unverzichtbar. Es sollte möglichst umfassend, exakt und richtig sein, frei von politischen, ideologischen, paramedizinischen und kommerziellen Einflüssen. Dies ist das Ziel des 44. Kinder- und Jugendärztetages in Berlin.

2. Forderungen an die Politik zur Verbesserung der frühkindlichen Bildung    

  • Kindertagesstätten und Kindergärten sollten als gesellschaftlich notwendige, vorschulische Bildungseinrichtungen und nicht als bloße Versorgungseinrichtungen begriffen werden, um Müttern ihre Berufstätigkeit zu ermöglichen. Nicht warm, trocken und satt darf die Devise einer erfolgreichen Kindergartenversorgung sein, sondern sprachlich, motorisch, sozial und intellektuell kompetente Vorschulkinder sind das Aushängeschild. Diese Einrichtungen betrachten wir als qualifizierte Förderinstitution, sie wirken primärpräventiv: für die große Zahl der Kinder, die in sozial prekären und anregungsarmen Lebenswelten aufwachsen, sind solche Einrichtungen oft die einzige Chance, motorisch, sprachlich und geistig angeregt zu werden und soziales Verhalten zu trainieren. Damit verbessern sich ihre Chancen auf eine gute Schul- und die spätere Berufsausbildung und damit eine gute Sozialprognose deutlich.
  • Insbesondere Kinder aus sozial benachteiligten Familien müssen einen kostenlosen Platz in einer qualifizierten KiTa garantiert bekommen. Für Familien mit Kindern nicht deutscher Herkunft müssen besondere (sprachliche) Förder- und Integrationsangebote gemacht werden, um ihnen die Entsendung ihrer Kinder in diese Einrichtungen attraktiv werden zu lassen.
  • Die den gewachsenen Erfordernissen entsprechende Aus- und Fortbildung der Erzieher und Erzieherinnen in den Bereichen sprachliche, motorische und kognitive Anregung ist dringend.
  • Es bestehen häufig große, aber nicht immer mit wünschenswerter Qualität ausgestattete KiTas. Wir fordern rasche Umstrukturierungen im Sinne hochkompetenter Betreuungs- und - Fördereinrichtungen insbesondere in sozialen Brennpunkten.
  • Wir fordern ein klares politisches Bekenntnis zur Verortung der Kindertagesstätten in den Bildungsbereich.  Gegenwärtig werden die Kindertageseinrichtungen entsprechend einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes von 1998 ausschließlich aus dem (klammen) Sozialtopf der Kommunen finanziert und nicht von den für die Bildung zuständigen Ländern.
  • Ob eine frühere Einschulung bzw. der Wegfall von Schulkindergärten bzw. Vorschulen in dieser Situation hilfreich ist, muss aus meiner Sicht mit einem Fragezeichen versehen werden. Natürlich müssen Erziehung und Lernen bereits vor der Schule stattfinden. Dies ist aber in geeigneten und entsprechend personell, räumlich und materiell ausgestatteten Kindertageseinrichtungen sicher besser zu erreichen als in unseren herkömmlichen Grundschulen. Die besten Pädagogen gehören in den vorschulischen und in den Grundschulbereich. Hier werden die Weichen für das gesamte Leben gestellt.

3. Forderungen an ein Präventionsgesetz

Die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zeigt ein uneinheitliches Bild. Insbesondere ist nach unserer Auffassung nicht hinzunehmen, dass die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in so starkem Maße von der sozialen Herkunft beeinflusst wird. Diese gravierenden Unterschiede zeigen, dass im 25. Jahr des Bestehens der UN-Kinderrechtskonvention auch in Deutschland noch Etliches zu tun ist, um allen Kindern eine bestmögliche gesundheitliche Versorgung und ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen.

Wir sehen einen grundlegenden Wandel im Krankheitsspektrum von Kindern und Jugendlichen und völlig neue Anlässe, die Hilfe des Gesundheitswesens in Anspruch zu nehmen. In den klinischen Einrichtungen überwiegen schwerkranke Kinder und Jugendliche mit seltenen und chronischen Erkrankungen, die früher häufigen Infektionskrankheiten sind durch Impfungen und verbesserte Hygienemaßnahmen in den Hintergrund gedrängt worden. Heute überleben zahlreiche Kinder mit komplizierten und seltenen angeborenen Erkrankungen und erreichen das Erwachsenenalter. Im Kindesalter sind sie durch die vernetzten Strukturen zwischen klinischen Spezialambulanzen und niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten/-innen sowie sozialpädiatrischen Zentren gut versorgt, finden aber beim Übergang ins Erwachsenenalter (Transition) fast nur Organspezialisten und keine vernetzten Strukturen vor.

In den pädiatrischen Praxen nehmen die Präventionsleistungen (Impfungen, Vorsorgeuntersuchungen) einen zunehmend großen Raum ein (über 45 % der Arbeitszeit). Hinzu kommen Kinder- und Jugendliche mit chronischen Erkrankungen und die wachsende Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit soziogenen Gesundheits- und Entwicklungsstörungen. In der Bundesrepublik wachsen inzwischen ein Fünftel der Kinder im Vorschulalter ohne die Möglichkeit auf, durch ausreichende frühkindliche Entwicklungsanregung ihre intellektuellen und sozialen Kompetenzen ausreichend zu entfalten. Meist stammen diese Kinder aus häufig sozial benachteiligten, bildungsfernen Familien in prekären Lebensverhältnissen oder Familien  mit bestimmtem Migrationshintergrund (sog. „anregungsarme Familien“). Diese Kinder verbringen ihre wichtigsten Jahre vor Bildschirmen, sie wachsen auf ohne Bücher, ohne Erwachsene, die sich ausreichend um sie kümmern, mit ihnen regelmäßig spielen, ihnen Geschichten erzählen oder ihnen vorlesen. Kinder, die unter solchen prekären Lebensbedingungen aufwachsen müssen, werden früh in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und manche von ihnen nachhaltig traumatisiert. Sie fallen daher nicht selten bereits im Kindergarten mit deutlichen Entwicklungsstörungen auf. Solche Entwicklungsstörungen belasten die jungen Menschen bis in die Jugend und die Erwachsenenzeit hinein.

Kinder mit Störungen funktionaler Grundkompetenzen (neue Morbiditäten) wie Wahrnehmungsfähigkeit, Sprachverständnis und damit verbundener Sprach- und Ausdrucksfähigkeit oder Störungen des Sozialverhaltens haben von vornherein schlechtere Chancen, einen Schulabschluss oder einen höherwertigen Schulabschluss zu erringen als Kinder aus sozial besser gestellten bzw. bildungsnahen Familien. Jährlich verlassen 60.000 bis 70.000, mithin ca. 10% unserer Kinder, die Schule ohne Abschluss und werden nur über zeit- und kostenintensive Integrationsprogramme mit mehr oder weniger Erfolg zu Schulabschlüssen bzw. in eine berufliche Ausbildung  geleitet. Vernachlässigt, ohne Anerkennung, mit erheblichen Erziehungs- und Bildungsdefiziten, können diese jungen Menschen bei der Gestaltung und Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nicht mitwirken, bleiben am Rande und haben keine Stimme. Die Gefahr ist groß, dass die prekären Lebensumstände und die chronische Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen an die nächste Generation „weitergegeben“ werden. Die Rate eines sozial abweichenden Verhaltens bzw. der Delinquenz dieser Jugendlichen ist relativ hoch. Soziogene frühkindliche Entwicklungsstörungen sind demnach in Abhängigkeit von ihrer Ausprägung geeignet, eine erhebliche Beeinträchtigung der späteren Sozialprognose zu determinieren.

Kindertagesstätten und Schulen vermögen es derzeit nicht oder viel zu wenig, solche familiären häuslichen Förderdefizite (soziogene Entwicklungsdefizite) auszugleichen. Damit fehlen diesen Kindern die ihnen zustehenden Entwicklungschancen – obwohl sich die Bundesrepublik durch die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet hat, allen hier lebenden Kindern ein Recht auf Bildung zu gewähren.

Wir fordern:

 

  • Eine Stärkung der Position der Kinder- und Jugendärzte als Erstversorger von Kindern und Jugendlichen durch ihre Integration in bestehende Verträge der hausarztzentrierten Versorgung gemäß § 73b des Fünften Buches Sozialgesetzbuch (SGB V).
  • Versorgungskonzepte für Kinder und Jugendliche an den Bedürfnissen der Kindergesundheit auszurichten und die Kriterien für eine altersdifferente Gesundheitspolitik zu formulieren.
  • Bei allen Maßnahmen müssen die besonderen Belange von Kindern mit Behinderung berücksichtigt werden.
  • Im Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention muss die Inklusion aller Kinder und Jugendlichen Ziel der Kindergesundheitspolitik sein, wobei sinnvolle Fördereinrichtungen für Kinder mit schwersten geistigen Behinderungen durchaus erhalten werden sollten. Entscheidend hat das Kindeswohl zu sein.
  • Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen im Krankenhaus und in Einrichtungen der ambulanten und stationären Kinderkrankenpflege mit einer verbindlichen Fachkraftquote für Kinderkrankenpflegerinnen und Kinderkrankenpfleger zu sichern.
  • Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf gesetzliche Vorsorgeuntersuchungen und Früherkennungsmaßnahmen durchgehend von der Geburt bis zum vollendeten 18. Lebensjahr durch entsprechende Änderung in § 26 SGB V. Aufnahme der primären Prävention in die Inhalte dieser Untersuchungen. Verbindliches Einladungssystem für diese Untersuchungen.
  • Prävention in Gruppensettings in Kitas, Kindergärten und Schulen unter Einbeziehung von Kinder- und Jugendärzten        

4. Nationales Impfkonzept

Impfungen gehören zu den wirksamsten präventiven Maßnahmen der Medizin. Moderne Impfstoffe sind gut verträglich; bleibende unerwünschte gravierende Arzneimittelwirkungen werden nur in ganz seltenen Fällen beobachtet und stehen in keinem Verhältnis zu den möglichen Komplikationen, die bei den Erkrankungen auftreten können, gegen die wir in Deutschland impfen. Unmittelbares Ziel der Impfung ist es, den Geimpften vor einer ansteckenden Krankheit zu schützen. Bei Erreichen hoher Durchimpfungsraten ist es möglich, einzelne Krankheitserreger regional zu eliminieren und schließlich weltweit auszurotten.

Für einen ausreichenden Impfschutz der von ihm betreuten Personen zu sorgen, ist eine wichtige Aufgabe ärztlichen Handelns. Dies bedeutet, die Grundimmunisierung bei Säuglingen und Kleinkindern frühzeitig zu beginnen, ohne unnötige Verzögerungen durchzuführen und zeitgerecht abzuschließen. Vertragsärztinnen und Vertragsärzte sind gemäß den Beschlüssen des gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) verpflichtet, ihre Patienten nach dem Stand der Wissenschaft zu beraten und zu behandeln. Die Empfehlungen der STIKO beim RKI und des G-BA gelten im vertragsärztlichen Bereich als wissenschaftlicher Standard in Deutschland.

In der Bundesrepublik Deutschland besteht keine Impfpflicht. Impfungen von besonderer Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung können nach den Bestimmungen des Infektionsschutz-Gesetzes „öffentlich empfohlen“ werden. Diese Empfehlungen werden von den obersten Gesundheitsbehörden der Länder ausgesprochen. Versorgung bei Impfschäden durch „öffentlich empfohlene“ Impfungen leisten die Bundesländer.

Schutzimpfungen sind nicht ausschließlich eine private, individualmedizinische Maßnahme: Der Staat hat die Ausgestaltung einzelner Aspekte zu Schutzimpfungen dezidiert zur eigenen (öffentlichen) Aufgabe erklärt (§ 20 Abs. IfSG). Auch Kinder, die aus medizinischen Gründen vor allem mit den üblichen Lebendimpfstoffen (z.B. Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Rota-Viren) nicht geimpft werden können (z.B. Säuglinge in den ersten 10 Lebensmonaten, Kinder mit angeborenen oder erworbenen Immundefekten, Kinder unter immunsuppressiver Behandlung) haben ein Recht auf den Besuch von überwiegend staatlich finanzierten Gemeinschaftseinrichtungen. Daher muss sichergestellt werden, dass alle Kinder in diesen Einrichtungen, bei denen keine medizinischen Kontraindikationen vorliegen, vollständig entsprechend den aktuellen Impfempfehlungen geimpft sind (Herdenimmunität).

In der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 heißt es:

Artikel 24 [Gesundheitsvorsorge]

(1) Die Vertragsstaaten erkennen das Recht des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit an ….. Die Vertragsstaaten bemühen sich sicherzustellen, dass keinem Kind das Recht auf Zugang zu derartigen Gesundheitsdiensten vorenthalten wird.

(2) Die Vertragsstaaten …. treffen insbesondere geeignete Maßnahmen, um
b.    die Säuglings- und Kindersterblichkeit zu verringern;
c.    sicherzustellen, dass alle Kinder die notwendige ärztliche Hilfe und Gesundheitsfürsorge erhalten, wobei besonderer Nachdruck auf den Ausbau der gesundheitlichen Grundversorgung gelegt wird;
d.    Krankheiten sowie Unter- und Fehlernährung auch im Rahmen der gesundheitlichen  Grundversorgung  zu bekämpfen, ……

Dieses Ziel wurde auf der UN-Sondertagung für Kinder vom 8. – 10. Mai 2002 in New York folgendermaßen konkretisiert:

„Jedes Kind hat das Recht auf Impfung gegen verhütbare Krankheiten. Die Routineimpfung von Kindern ist notwendig, um das Recht der Kinder auf Gesundheit zu gewährleisten“.

Kinder sind uneingeschränkt Träger derjenigen Grundrechte, die allein an die menschliche Existenz anknüpfen und haben damit u. a. gem. Art. 2, Abs. 2, GG das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, dessen elementarer Bestandteil nach der UN-Kinderrechtskonvention und dem Recht auf Gesundheit im verfassungsrechtlichen Sinne auch Schutzimpfungen sind.

Aus ärztlicher Sicht kann man von unterlassener Hilfeleistung, von Vernachlässigung elterlicher Fürsorgepflicht oder auch von grober Fahrlässigkeit sprechen, wenn man einem Kind den derzeit möglichen Schutz vor impfpräventablen Erkrankungen vorenthält.

Die Bundesregierung, die sich gegenüber der WHO verpflichtet hat, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die Masern in Deutschland bis 2015 auszurotten, wird aufgefordert, nationale Impfziele zu definieren und einen Aktionsplan zu erstellen, der gewährleistet, dass wir bundesweit bei allen impfpräventablen Erkrankungen, die in Deutschland relevant sind, eine Durchimpfungsrate von 95 % der Bevölkerung erzielen. Nur so können wir alle Kinder vor den oft schwerwiegenden Komplikationen bei durch Impfung vermeidbaren Erkrankungen schützen. Dies ist ein Grundrecht aller Kinder. Die bisher von allen Bundesregierungen favorisierte Freiwilligkeit durch Appelle an die Erziehungsberechtigten hat die notwendigen Durchimpfungsraten von 95 % der Bevölkerung nicht erreicht. Daher sind weitergehende Maßnahmen zum Schutz der Kinder erforderlich.

Anmerkung für die Redaktionen:

Bei Nachfragen stehen Ihnen

Dr. med. Wolfram Hartmann,
Präsident Berufsverband der  Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), zur Verfügung unter
Fon: 02732/762900, Fax: 02732/86685
und über die Geschäftsstelle des BVKJ in Köln
dr.w.hartmann-kreuztal@t-online.de
dr.wolfram.hartmann@uminfo.de

Pressesprecher: Dr. med. Ulrich Fegeler
Pichelsdorfer Str. 61, 13595 Berlin
Tel.: 030-3626041 Fax: 030-3611713
E-Mail: ul.fe@t-online.de

Berlin, 13. Juni 2014, 12 Uhr.