Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

22.06.2016

46. Kinder- und Jugendärztetag 2016 Pressekonferenz in Berlin

Seit 16 Jahren haben Kinder in Deutschland ein gesetzlich verankertes Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Eltern – und natürlich auch anderen Personen wie Lehrern, Babysittern und anderen Aufsichts- bzw. Erziehungspersonen – ist es seitdem verboten, Kinder psychisch oder physisch zu verletzen bzw. sie zu erniedrigen.

Das Gesetz hat gewirkt: 90 Prozent der Eltern sehen heute eine gewaltfreie Erziehung als Ideal an.

Die Normierung von Kinderschutz durch den Gesetzgeber hat also zu Einstellungsveränderungen in der Bevölkerung geführt. Damit ist aber noch lange nicht gesichert, dass Kinder und Jugendliche nun keine Gewalt mehr zu befürchten haben. Immer noch halten laut Kinderschutzbund 48 Prozent der Bundesbürger eine Ohrfeige für zulässig.

Das BKA hat am 1. Juni die aktuellen Zahlen von 2015 zur Gewalt gegen Kinder bekannt gegeben. Demnach wurden in Deutschland 16 Morde an Kindern registriert, zudem 38 Totschlagdelikte, 68 Fälle fahrlässiger Tötung und acht Körperverletzungen mit Todesfolge. Die meisten Todesopfer sind nicht einmal sechs Jahre alt geworden.

Tote Kinder sind die äußerste Katastrophe. Tragisch sind aber auch körperliche Misshandlungen. Kinder leiden oft ein Leben lang darunter, viele zerbrechen. 13 929 Kinder wurden 2015 Opfer sexueller Gewalt. Knapp 4000 Mal wurden im vergangenen Jahr Kinder körperlich misshandelt.

 

Das bedeutet:

Jeden Tag werden rund 40 Kinder Opfer sexueller Gewalt, meist im familiären Umfeld, elf Kinder werden jeden Tag so schwer körperlich oder seelisch misshandelt, dass diese Fälle in der Kriminalstatistik auftauchen und pro Woche werden im Durchschnitt zwei Kinder in Deutschland zu Tode geprügelt. Oder sie verhungern, werden vergiftet oder sterben durch sonstige Gewalt oder Vernachlässigung. Meist durch die Eltern, die doch für sie sorgen sollten.

Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr geht das so. Die Zahlen der letzten Dekade zeigen nur einen leichten Rückgang. Und wahrscheinlich bleiben viele Taten unentdeckt, sagte BKA-Präsident Holger Münch letzte Woche bei der Vorstellung der Zahlen. Insbesondere Kinderpornos, also die Herstellung, Verbreitung und der Konsum von pädophilen Inhalten hält er für ein Massenphänomen, bei dem die Polizei kaum hinterherkomme.

Die Zahl der Inobhutnahmen von Kindern steigt in den vergangenen Jahren dagegen stetig an. Allein im Jahr 2013 nahmen Jugendämter bundesweit 42.100 Kinder in Obhut. Im Vergleich zum Jahr 2008 war das ein Anstieg um 31 Prozent. Mit der Inobhutnahme werden oft Verwahrlosung, Gewalt und Missbrauch verhindert bzw. abgebrochen.

International liegt Deutschland im Bereich der Gewalt gegen Kinder im Mittelfeld. Bei uns werden pro 100.000 Einwohner jährlich vier Mal mehr Kinder getötet als in Griechenland; in den USA sind es drei Mal so viele wie bei uns, hat der Kinder- und Jugendarzt Dr. Christoph Kupferschmid recherchiert.

Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen, niedriger Ausbildungsstand und sozialer Status der Erwachsenen, Alkohol- und Beziehungsprobleme, dazu oft eigene Gewalterfahrungen bilden das ungute Gemisch, aus dem sich Gewalt und Missbrauch gegen Kinder entwickeln.

Heute sagt zum Glück niemand mehr, dass Kindererziehung Privatsache sei. Niemand bezweifelt mehr, dass Kinder in ihren Familien geschützt werden müssen gegen Gewalt,  Missbrauch und Vernachlässigung.

Wir Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen sehen uns hier in der Verantwortung. Zu uns kommen alle Familien, auch die Risikofamilien.

Was wir für unsere Arbeit brauchen:

Um gefährdete Familien einer Beratung zuzuführen, müssen wir noch mehr als bisher unsere Kompetenz und unsere Sensibilität schulen, um familiäre Notlagen, die Zeichen von Gewalt und Verwahrlosung noch besser als bisher wahrzunehmen und richtig einzuordnen und um die richtigen Worte für die Eltern, aber auch für die Kinder und Jugendlichen bei Verdacht auf Kindswohlgefährdung zu finden. Worte, mit denen wir sie in ihrer Erziehungskompetenz stärken und - falls das nicht ausreicht -  auf regionale Unterstützungsangebote wie Frühe Hilfen hinweisen.

Unsere politischen Forderungen:

Abschaffung der Versäulung der Hilfesysteme.

Wir brauchen mehr Netzwerkstrukturen, die eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ermöglichen. Gesundheitsämter, Erziehungs-, Ehe- und Familienberatungsstellen, der ASD, Schwangerschaftsberatungsstellen und Familienhebammen, arbeiten zwar heute schon zusammen, allerdings nur in 66 Prozent aller Fälle mit Kinder- und Jugendärzte/innen. Hier müssen neue Strukturen, aber auch finanzielle Anreize geschaffen werden, um kinder- und jugendärztliche Kompetenz in die Netzwerke einzubringen.

 

Mehr Prävention durch:

·         die Etablierung eines Kinderbeauftragten im Deutschen Bundestag!

·         die explizite Verankerung von Kinderechten im Grundgesetz!

·         die Überprüfung aller Gesetze auf die speziellen Bedarfe und zum
          Schutz von Kindern und Jugendlichen!

·         einen jährlichen Bericht über die Verletzung des Kinderschutzes und zum
          Stand der Umsetzung von mehr Kinderrechten!

·         Ausbau der vorausschauenden Beratung bei den pädiatrischen
          Vorsorgeuntersuchungen!

 

Berlin, 17.06.2016