Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

12.10.2009

37. Herbst-Seminar-Kongress des BVKJ in Bad Orb: Presseerklärung Prof. Dr. Stefan Wirth, Wissenschaftliche Leitung

Schwerpunkt Pädiatrie: Das chronisch kranke Kind
In einer Gesellschaft werden Kinder häufig als höchstes Gut und als wesentliche Säulen der Zukunft bezeichnet. Die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen hat beträchtlichen Einfluss auf das Wecken ihrer Talente und die geordnete Entwicklung bis zum Erwachsenenalter. In der Bundesrepublik Deutschland hat sich seit der Zeit ihrer Gründung die Gesundheit in dieser Altersgruppe zunächst eindrucksvoll verbessert. Ein wesentliches Beispiel ist die Reduktion der Säuglingssterblichkeit aufgrund der besseren apparativen Ausstattung, der medizinischen Weiterentwicklung und der strukturellen Maßnahmen im Gebiet der Perinatologie. Ein weiteres Beispiel ist der dramatische Rückgang des plötzlichen Kindstods in den letzten 10 Jahren aufgrund eines umfangreichen präventiven Ansatzes mit dem Hauptgesichtspunkt der Vermeidung der Bauchlage.

Änderungen der Lebensgewohnheiten und Prioritäten der Freizeitgestaltung sowie soziale Unterschiede haben vor allem im letzten Jahrzehnt aber auch zu gegenläufigen Entwicklungen geführt, die die Morbidität der Kinder und Jugendlichen in einigen Bevölkerungsgruppen erhöht haben.

In Zeiten finanzieller Anspannung werden in der Regel Mittel besonders in Lebensbereichen mit einer starken Lobby fließen. Aufgrund der demographischen Entwicklung kann trotz aller Bekenntnisse der Politiker nicht behauptet werden, dass die Gesundheitsvorsorge und -fürsorge für Kinder und Jugendliche optimal ist. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass die gesundheitliche Entwicklung durch die soziale Herkunft beeinflusst wird. In einem viel beachteten Projekt, der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KIGGS-Studie) zwischen 2003 und 2006, wurden viele Daten über die aktuelle Gesundheitssituation erhoben. Die Bevölkerungsgruppe der bis 18-Jährigen beträgt ca. 15,5 Millionen. In der Befragung wurden von den Eltern die Gesundheit nur bei 7% als mittelmäßig, schlecht oder sehr schlecht beschrieben. Doch wenn man bestimmte Diagnosen betrachtet, ist der Anteil chronischer Erkrankungen weit höher, so dass zweifellos erheblicher Handlungsbedarf besteht.

Kleinkinder sind besonders von obstruktiver Bronchitis betroffen
Die gesundheitlichen Probleme sind erwartungsgemäß in den unterschiedlichen Altersgruppen verschieden. Säuglinge und Kleinkinder sind im Vergleich zu älteren Kindern deutlich vulnerabler und existentiell auf die Befriedigung von Basisbedürfnissen angewiesen. Chronische Erkrankungen sind in dieser Altersgruppe eher selten, können aber die gesamte Entwicklung bei inadäquater Versorgung nachhaltig beeinträchtigen. Neben Problemen der Vernachlässigung oder gar Misshandlung, die häufig populistisch dargestellt werden, aber insgesamt vergleichsweise selten sind, sind die Neurodermitis (8,7%) und obstruktive Bronchitis (12,3%) die häufigsten chronischen Erkrankungen in dieser Altersgruppe. Erwähnenswert sind vor allem auch Störungen der kindlichen Verhaltensregulation, die bei inadäquater Wahrnehmung wesentliche Auswirkungen auf die spätere psychische Entwicklung haben. Bei vielen Heranwachsenden, die ursprünglich die Diagnose einer „Bindungsstörung mit Enthemmung“ erhielten, wird im späten Jugendalter die Diagnose z. B. einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gestellt.
In der Altersgruppe zwischen 3 und 6 Jahren sind vor allem Auffälligkeiten im Bereich der motorischen und Sprachentwicklung zusätzlich zu beachten. Die Häufigkeit von Entwicklungsstörungen der Motorik wird mit 4-6%, die von Sprachentwicklungsstörungen mit 4-8% angegeben. Dabei bleiben letztere durchaus nicht folgenlos; 60% aller Kinder mit Störungen des Sprachverständnisses entwickeln Lese-/Rechtschreibschwierigkeiten und 90% haben Schulleistungsprobleme. Bereits in dieser Altersgruppe werden 5,3% als psychisch auffällig erlebt.

Breites Spektrum von chronischen Erkrankungen bei älteren Kindern
Bei älteren Kindern wird das Spektrum an chronischen Erkrankungen noch vielfältiger. Die Prävalenz von Kindern und Jugendlichen mit speziellem Versorgungsbedarf liegt bei Zweijährigen bei 5% und bei Jugendlichen bei 15,8%. Neben den gesamten atopischen Erkrankungen wie Neurodermitis (24,4%) und Asthma (14,6%) treten vor allem chronische Schmerzsymptome in Erscheinung. Kopf- und Bauchschmerzen gehören zu den häufigsten Beanspruchungssymptomen im Kindes- und Jugendalter. Nach Angaben des LBS-Kinderbarometers sind von den 9-14-Jährigen 33% häufig von Stresskopfschmerzen und 22% von Stressbauchschmerzen betroffen. Im Alter von 7-10 Jahren berichten bereits 2/3 aller Kinder von Schmerzen in den letzten 3 Monaten. Auch hier sind überwiegend Kopfschmerzen und auch Bauchschmerzen die Hauptlokalisationen.

1,0-1,4% der Kinder sind schwerbehindert (mehr als 50% Grad der Behinderung). Das sind immerhin 150 000-200 000 Patienten. Dabei sind nur die gezählt, die einen Behinderten-Ausweis vorweisen. Insgesamt geht man von einer Gruppe von Heranwachsenden mit geistigen und körperlichen Behinderungen von 2,8% aus. Psychische und Verhaltensauffälligkeiten im Alter zwischen 3 und 17 Jahren schwanken zwischen 5 und 10%, wobei im Jugendalter der Anteil bei ca. 5-6%, im Alter zwischen 7 und 10 Jahren bei 9% liegt. Besonders auffällig ist die hohe Rate der Kinder mit Migrationshintergrund und niedrigem Sozialstatus, deren Eltern über Symptome von Verhaltensauffälligkeiten berichten.

Fast jeder Zehnte zwischen 7 und 10 Jahren hat Ängste
Zwischen 7 und 10 Jahren wird das Aufmerksamkeitsdefizit bei 5,3% der Jungen und Mädchen gestellt. Die erworbene Menge von Methylphenidat durch Apotheken in Form von Fertigarzneimitteln stieg in den letzten 15 Jahren um das 42-fache. 9,3% der 7 bis 10-Jährigen geben Angststörungen an, wobei dieses Phänomen bei zunehmendem Alter wieder abnimmt. Im Jugendalter haben dann Tabak-, Alkohol- und Drogenkonsum auch Auswirkungen auf chronische Störungen. Ein riskantes Alkohol-Konsumverhalten (Binchdrinking oder Komasaufen) weisen etwa 20-25% der 12 bis 17-Jährigen auf. Cannabis wird von 15-25% konsumiert. Aktuelle Studien aus der Jugendforschung belegen die Existenz einer sehr kleinen Gruppe Heranwachsender, die über viele Jahre kriminelle Handlungen begehen. Ihre Entwicklungsverläufe sind meist durch eine Vielzahl von gesundheitsrelevanten Auffälligkeiten, beginnend mit der frühen Kindheit (Regulation und Bindungsstörungen, sprachliche Entwicklungsauffälligkeiten, sozial-emotionale Probleme, ADHS) gekennzeichnet. Bei 11 bis 13-Jährigen werden psychische und Verhaltensauffälligkeiten in etwa 16,6%, bei 14 bis 17-Jährigen in 12,4% diagnostiziert. In der KIGGS-Studie gaben 20,6% der 11 bis 13-Jährigen und 22,7% der 14 bis 17-Jährigen Essstörungssymptome an (Selbstbefragung). Übergewichtig sind im Alter von 7 bis 10 Jahren 9%, adipös 6,4%. Im Alter von 14 bis 17 Jahren sind 8,6% übergewichtig und bereits 8,5% adipös, also 17% gesundheitsbeeinträchtigend oberhalb der Norm. Unter der Gruppe der Hauptschüler liegt die Quote Übergewicht/Adipositas bei 23%, bei Förderschülern bei 31,9%.

Chronische Krankheiten: Große Herausforderungen für Pädiater
Der 37. Herbst-Seminar-Kongress beschäftigt sich eine Woche lang mit dem chronisch kranken Kind und Jugendlichen und behandelt neben chronischen Atemwegserkrankungen, Epilepsien, weitere somatische Störungen wie rheumatische Erkrankungen oder Erkrankungen im Rahmen von immunsuppressiven Therapien sowie psychosomatische Störungen und Folgeerscheinungen des Übergewichts wie zum Beispiel das metabolische Syndrom. Auch die Lebensqualität chronisch kranker Kinder und Jugendlichen und die Erwartung von Eltern von chronisch kranken und behinderten Kindern werden thematisiert und stellen für die Kinder- und Jugendärzte eine große Herausforderung dar.
Es wird erneut deutlich, dass die Prävention einen Teil dieser Störungen positiv beeinflussen könnte. Sind sie eingetreten, bedürfen sie einer kompetenten Diagnostik und Therapie, um die sich die Kinder- und Jugendärzte intensiv bemühen.

Prof. Dr. med. Stefan Wirth
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
HELIOS Klinikum Wuppertal
Universität Witten/Herdecke

Anton Pizzulli
Kinder- und Jugendarzt

Köln