Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

15.06.2007

(2) Presseerklärung anlässlich des Kinder- und Jugendärztetages 2007 des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte am 15. Juni 2007 in Dresden

Infektionen in der Zeit der Globalisierung

Prof. Dr. Stefan Wirth,
wissenschaftlicher Leiter des 37. Kinder- und Jugendärztetages 2007

Infektionen in der Zeit der Globalisierung bedeutet nichts anderes als die Globalisierung von Infektionskrankheiten. In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts nach überstandenen Kriegen wurde den Infektionskrankheiten sowohl in klinischer, epidemiologischer als auch seuchenhygienischer Hinsicht eine abnehmende Bedeutung beigemessen, zumal die Möglichkeiten einer Impfprävention mit mehr und effektiveren Impfstoffen zunahm. Die sich verbreitende Sorglosigkeit wurde durch die besseren Behandlungsmöglichkeiten weiter unterstützt. Das Spektrum hochwirksamer Antibiotika wurde wesentlich erweitert und auch in der Entwicklung antiviraler Medikamente machte man große Fortschritte. Besonders im Kindes- und Jugendalter waren die Erfolge teilweise umwerfend: Geißeln wie Pocken und Polio gehörten der Vergangenheit an, aber auch weniger bekannte Erkrankungen wie die Epiglottitis (Kehldeckelentzündung) oder gefährliche Formen der Hirnhautentzündung verschwanden fast vollständig. Dies wiegte uns in Sicherheit. Hinzu kam in Mitteleuropa eine wesentlich bessere Individualhygiene.
Auch die Übertragbarkeit von Erregern durch Blutprodukte wurde durch neu entdeckte Viren und in der Folge entwickelte Testverfahren wahrnehmbar besser kontrolliert.

Einen ersten entscheidenden Dämpfer bekam die wissenschaftliche Medizin vor 25 Jahren, als man erkennen musste, dass eine neue, von der Natur subtil inszenierte Infektionserkrankung die Welt umklammern und in Atem halten wird. Auch mit den modernsten Verfahren gelang es bis heute nicht, eine kausale Therapie oder Impfung gegen das HI-Virus (AIDS) zu entwickeln. Man brachte in der Folge ganze Substanzklassen neu zur Zulassung, die die Virusvermehrung entscheidend behindern können und damit den betroffenen Patienten eine deutlich verbesserte Lebenserwartung und Lebensqualität bieten. Mitten im Prozess der Erkenntnisgewinnung, dass es schwierig sein würde, die neu entdeckte und sich rasch verbreitende Virusinfektion zu kontrollieren, kam der nächste “Schock” aus England, als bekannt wurde, dass auch die “Bovine spongiforme Enzephalopathie” (BSE) bei Rindern eine Infektionserkrankung sei, die offenbar von einem ansteckenden Eiweiß (Prion) verursacht wird. Spätestens jetzt war klar, dass die Komplexität und Kompliziertheit neuer Erkrankungen eine andere Dimension erreichen würde und die Fachwelt viel zu wenig wusste, um abzusehen, wie die Entwicklung weitergehen könnte. Dies führte dann erwartungsgemäß – von den Medien entsprechend populistisch verbreitet – zu fast panikartigen Reaktionen der Bevölkerung mit - man erinnert sich noch gut – signifikanter Verweigerungshaltung gegenüber Rindfleisch.

Aber die Wahrnehmung von Menschen ist selektiv und das Gedächtnis recht kurzzeitig, denn es etablierten sich in den letzten Jahrzehnten viel mehr neue Infektionen, ohne dass sie in den Industrieländern große Beachtung fanden. Unter den bakteriellen Infektionen gehören Erreger wie Campylobacter, Legionellen, Yersinien, Bartonellen und Borrelien dazu, unter den Viren neben HIV, Ebola- , Lassa- oder Hantavirus auch Erreger der Früh-Sommer-Meningoenzephalitis (FSME) und der Atemwege wie das Metapneumovirus.
Wenn in Industrieländern die Infektionserkrankungen nur für etwa 1% der Todesursachen verantwortlich sind, mag einem dies wenig erscheinen; in den Entwicklungsländern sind es 40%. In neuester Zeit kam es wieder zu spektakulären, populistischen Darstellungen von weiteren neuen Infektionserkrankungen wie SARS und der Vogelgrippe. Anfang 2007 wurde in Deutschland in allen Medien die zunehmende Verbreitung von Noroviren als Haupterreger von Durchfällen vor allem bei älteren Menschen und auch Kindern beklagt.

Es besteht kein Zweifel, dass durch die Tatsache, dass der Mensch in so ziemlich jeden Winkel dieser Erde vorgedrungen ist, das Risikopotential wesentlich steigt. Dies auch deshalb, da intensiver Kontakt mit Flora und Fauna besteht und zoonotische Erreger von seltenen Tierarten auf Menschen übergehen könnten. Für eine rasche Verbreitung ist durch die rege Reisetätigkeit und die Internationalisierung von Unternehmen und vieler Lebensbereiche gesorgt.

Für Mitteleuropa könnte die zunehmende Klimaveränderung einige Überraschungen bieten. So steht zu befürchten, dass in den nächsten Dekaden Krankheitserreger endemisch werden, die wir bis jetzt nur tropischen bzw. subtropischen Gegenden kennen. Hinweise dafür geben bereits jetzt Insekten, die diese Gebietsgrenzen überschreiten und in unseren Gefilden heimisch werden können.

Man hat in der Zwischenzeit verstanden, dass wir Infektionserkrankungen ernst zu nehmen haben, und es sind viele präventive Maßnahmen mit internationaler Abstimmung getroffen worden. Diese führten dazu, dass es gelang, die Verbreitung von SARS zügig zu stoppen, nachdem sich die Erkrankung binnen Jahresfrist von einem kleinen Infektionsherd in Südchina in 31 Staaten verbreitet hatte und zu über 8000 Infektionen mit über 900 Todesfällen führte. Trotz aller Bemühungen wird befürchtet, dass es im Rahmen der raffinierten Variationsprinzipien von Viren in absehbarer Zeit zu einer Grippeepidemie kommen wird, bei der im ungünstigsten Fall auch die Vogelgrippe eine Rolle spielen könnte.
Beim 37. Kinder- und Jugendärztetag in Dresden werden diese Themen aktualisiert. Kinder- und Jugendärzte arbeiten wesentlich an der Basis der Patientenbetreuung und sind naturgemäß mit Infektionserkrankungen “groß geworden”. Neben Grippe stehen weitere Viruserkrankungen wie z.B. der Atemwege oder des Darmtraktes, aber auch die über Zecken übertragbaren FSME- und Borrelieninfektionen im Fokus.
Neben der Vermittlung von medizinischen Kenntnissen ist es wichtig, das Bewusstsein bei Fachleuten und der Bevölkerung zu schaffen, dass wir neuen Infektionskrankheiten keineswegs schutzlos ausgeliefert sind. Zweifellos wird der Trend zur Globalisierung nicht umkehrbar sein. Es ist daher von besonderer Bedeutung, die Hygienestandards national und international weiter zu verbessern und vor allem die Inanspruchnahme der Prävention bereits jetzt impfpräventabler Erkrankungen nicht nur unter dem Aspekt des individuellen, sondern auch des globalen, epidemiologischen Nutzens zu optimieren.
Wir werden uns auch in Zukunft auf das Variationspotential der evolutionär äußerst erfolgreichen Mikroorganismen verlassen können. Es liegt in der Verantwortung und im Handeln der Menschen, diese Erfolgsgeschichte nicht noch erfolgreicher werden zu lassen. AIDS, BSE, SARS, Vogelgrippe, MRSA…… sollten und eigentlich Lehre genug sein.

Prof. Dr. Stefan Wirth
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
HELIOS Klinikum Wuppertal
Universität Witten-Herdecke

Dr. Antonio Pizzulli
Kinder- und Jugendarzt, Köln