Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

05.03.2010

16. Kongress für Jugendmedizin Weimar: Psychosomatische Grundversorgung Jugendlicher – vom Leiden, Leidensdruck und Leidenschaft

Dr. Uwe Büsching, Wissenschaftliche Leitung

Pädiater sind die Hausärzte der Jugendlichen
Auch der 16. Kongress Jugendmedizin in Weimar vom 5.-7. März 2010 bestätigt diesen Anspruch der Pädiatrie. Dieser Kongress ist einmalig in Europa: Standorttreue, große Besucherzahlen und ein medizinischer Kongress, der viele andere Berufsgruppen mit einschließt, weil er über den Tellerrand weit hinausblickt.

Die psychosomatische Grundversorgung ist eine Kernkompetenz der hausärztlichen Tätigkeit, der seit längerem in den ärztlichen Körperschaften ein großer Stellenwert beigemessen wird und in der Folge seit 2009 durch ein qualifikationsgebundenes Zusatzbudget aufgewertet wurde. Diesen Ball haben wir aufgenommen und einen Kongress Jugendmedizin konzipiert, der die Besonderheiten der Psychosomatik Jugendlicher herausstellt und diese von der psychosomatische Grundversorgung Erwachsener abgrenzt.

Auch bei der psychosomatischen Grundversorgung gilt: Jugendliche sind keine großen Kinder und keine kleinen Erwachsenen. Auch beim 16. Kongress beabsichtigt der Ausschuss Jugendmedizin des BVKJ die Themen derartig aufzubereiten, dass wieder eine große Zahl von „Kinderärzten“ zur Teilnahme motiviert wird, weil ihnen diese spezielle Sicht für die alltägliche Arbeit wichtig ist. „Kinderärzte“ erfahren in Weimar, welche Problemverläufe hätten vermieden werden können, wären die Anfänge in früher Kindheit erkannt worden, sie qualifizieren sich in einem wesentlichen Bereich der ambulanten pädiatrischen Versorgung. Die Auseinandersetzung mit jugendmedizinischen Themen ist eine Kernkompetenz der Kinder- und Jugendärzte.

Viele Pädiater wissen um die besonderen Probleme der Adoleszenz, deren Botschaften und Forderungen verhallen jedoch allzu leicht im Stimmengewirr um Geriatrie und Kostendruck. Nicht wenige glauben noch immer fest dran, dass sich mit der Überwindung dieser schwierigen Entwicklungsphase die Probleme von ganz allein lösen, aber vieles verwächst sich nicht! (siehe Tab. )

Belastungen in der AdoleszenzBindungesstörungenÜberforderung in der SchuleÜberernährungBewegungsmangelMediale ÜberflutungBerufsausbildungArbeitslosigikeit

Pädiater werden deshalb nicht aufhören, für Verständnis für junge Menschen zu werben, die
Enormes in einer Lebensdekade leisten. Es ist sehr ungewiss, ob Menschen jenseits des 50. Geburtstages einen vergleichbaren Anforderungsdruck in ihrer Lebensphase aushalten können – berufliche Ungewissheit, kompletter Umbau von Beziehungsstrukturen, Entscheidungsdruck ohne Rückgriff auf eigene Erfahrungen, verfremdete Wahrnehmung durch ein unüberschaubares Medienangebot und der Spagat zwischen biologischer und sozioökonomischer Reife.

Sind Jugendliche beratungsresistent?
Auch mancher Jugendlicher kann diesem Anforderungsdruck vorübergehend oder auch länger nicht standhalten. Statt sich Hilfe zu suchen, reagieren Jugendliche unangemessen, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Normen und sie erscheinen beratungsresistent. Befremdlich für Eltern und andere Erwachsene ist sowohl die Aggressivität als auch der Rückzug. In Wahrheit haben Jugendliche jedoch große Probleme, sich gegenüber Beratungs- und Helferstrukturen zu öffnen. Es ist so bequem, es spart Zeit, wenn man behauptet, Jugendliche würden ihre Sorgen, Ängste, Verzweiflung nicht kommunizieren.

Welche Strategien von Jugendlichen eingesetzt werden, anstehende Probleme zu bewältigen, bestimmen Erziehung, Lernen am Vorbild und die Persönlichkeit. Kommt es dabei zu Resignation oder gar Rückzug, so kommt es nicht selten zu körperlichen Symptome wie Schmerzen, Schwindel, Essstörung, Substanzmittelmissbrauch, Selbstverletzung und mehr. Wird in solchen Situationen der Arzt aufgesucht, ist dieses Kranksein eine komplexe Herausforderung. Ist der Arzt nicht qualifiziert, so bewahrheitet sich die Beschreibung der somatoformen Störung der Internationalen Codierung der Diagnosen (ICD 10 – F45): die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome in Verbindung mit hartnäckiger Forderung nach medizinischen Untersuchungen trotz wiederholter negativer Ergebnisse und Versicherung der Ärzte, dass die Symptome nicht körperlich begründbar sind. Im Ergebnis bedeutet die wiederholte Darbietung körperlicher Symptome nicht ein Charakteristikum somatoformer Störungen. Vielmehr sind sie Merkmal unseres medizinischen Versorgungssystems, sofern Ärzte unfähig sind, die Hintergründe zu erkennen und darüber mit den Betroffenen zu sprechen.

Häufig fehlt es an Wertschätzung und Zuwendung
Auch in der Prävention wachsen die Anforderungen. Betrachtet man epidemiologische Daten, wird in den nächsten Jahrzehnten eine deutliche Zunahme von chronischen und psychischen Erkrankungen zu erwarten sein. Empathievermögen und die Herstellung hilfreicher Beziehungen zu Patienten haben mehr Bedeutung für Prävention und einen positiven Verlauf von Krankheiten als Wissensvermittlung allein. Auch jugendliche Patienten wünschen sich mehr Wertschätzung, mehr Arzt- Patienten - Kontakt, mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung sowie soziale Unterstützung.

Kinder- und Jugendärzte im Erkennen und Beraten von Psychosomatischen Störungen zu stärken, ist die Absicht des 16. Kongresses für Jugendmedizin.

Dr. Uwe Büsching
Wissenschaftliche Leitung
Beckhausstraße 171
33611 Bielefeld