Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

05.03.2010

16. Kongress für Jugendmedizin in Weimar: Viele Kinder leiden unter Stress und Leistungsdruck


Dr. med. Monika Niehaus, Pressesprecherin des Landesverbandes Thüringen des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)


LBS-Studie zum Wohlbefinden Neun- bis Vierzehnjähriger


Wie fühlen sich Kinder in Thüringen?
„Mehrheitlich gut“ heißt es im Kinderbarometer 2009 der Landesbausparkasse (LBS), deren Länderbericht Thüringen vom Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit, sowie dem deutschen Kinderschutzbund in Erfurt vorgestellt wurde.

Allerdings folgen dieser zunächst positiven Einschätzung bald Einschränkungen. Denn bereits in den vierten bis siebten Schulklassen leiden Kinder unter Stress und Leistungsdruck. Fast ein Drittel der neun- bis vierzehnjährigen Schülerinnen und Schüler fühlt sich überfordert durch die Erwartungen in Schule und Elternhaus. Besonders gut fühlen Kinder sich überwiegend in der Familie und im eigenen Freundeskreis.

„Für uns war es besonders interessant, von den Kindern selbst zu erfahren, wie sie ihr Befinden einschätzen“, erklärt Martina Reinhardt, Referentin für Jugendpolitik im Thüringer Sozialministerium. So wurden im Rahmen der Studie des LBS-Kinderbarometers im Winter 2008/2009 rund 10.000 Kinder aus der gesamten Bundesrepublik befragt, darunter 457 in Thüringen, so dass die Studie damit auch für dieses Bundesland repräsentativ ist.

Fragen zur körperlichen und psychischen Gesundheit ergaben weit verbreitete Stress-Symptome bei Kindern. Am häufigsten äußern diese sich in Kopfschmerzen (37%) oder Bauchschmerzen (20%). Bedenklich erscheine es, das viele Kinder zur Schule gehen, obwohl sie sich krank fühlen. „Das zeigt eine gewisse Hilflosigkeit“, so Prof. Dr. Ronald Lutz, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes in Thüringen, „offenbar fehlen Betroffenen Zugänge zu Hilfsmöglichkeiten, wie etwa zu Schulsozialarbeitern“.

Bei Fragen nach der Selbsteinschätzung ihrer schulischen Leistungen ergaben sich bei Schülerinnen und Schülern häufig Versagensängste. Angst vor Klassenarbeiten oder vor dem Sitzenbleiben beschäftigen immerhin 16 Prozent von ihnen. Nur rund 40 Prozent aller Kinder empfinden die Lernatmosphäre in ihrer Schule als „stressfrei“. Positiv wirkt sich ein gutes soziales Klima in der Klasse aus, während eine starke Cliquenbildung eher das Gegenteil bewirkt.

Nur selten, so heißt es, gehe Druck von den Eltern aus. Die meisten Thüringer Kinder empfinden das Interesse ihrer Eltern an ihren Belangen als „genau richtig“, nur zehn Prozent reagieren „eher genervt“ auf Nachfragen.

Wichtig sei in jedem Fall ein richtiges Maß an Achtsamkeit seitens der Erwachsenen in Bezug auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, so die Leiterin der Studie, Anja Beisenkamp vom ProKids-Institut. Faktoren wie gute Ernährung, genügend Pausen und Interesse an Hausaufgaben und anderen schulischen Belangen wirkten sich positiv auf das allgemeine Wohlbefinden der Kinder aus.

Das LBS-Kinderbaromter wird mit finanzieller Förderung der LBS-Initative „Junge Familie“ seit 1997 vom ProKids-Institut für Sozialforschung der PROSOZ Herten GmbH erhoben. Die Studie verfolgt das Ziel, Kinder als „Experten“ für ihre eigene Lebenswelt zu befragen und ihnen so eine gleichberechtigte Stimme in der Öffentlichkeit zu verleihen.
Bis 2008 konnten 1000 Kinder in 16 Bundesländern in die Studie eingeschlossen werden.

Das Ergebnis dieser Studie spiegelt die Erfahrungen und Beobachtungen der Kinder- und Jugendärzte in Thüringen in ihrer täglichen Arbeit wider.

Besonders vor Klassenarbeiten, Leistungskontrollen oder während der Prüfungszeiten kommen Jugendliche mit diversen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen in die Sprechstunde.

Häufig werden auch erhebliche Schlafstörungen und Unruhe geklagt. Erst nach eingehender Untersuchung und Ausschluss einer organischen Ursache lässt sich ein Zusammenhang zur Belastungssituation herausfinden. Sowohl die manchmal unrealistische Erwartungshaltung an die eigene Leistungsfähigkeit als auch das Anspruchs- oder Wunschdenken der Eltern können die Beschwerden verstärken. Hier ist ein Gespräch oft schon hilfreich.
Mit dem Erlernen von Entspannungstechniken können die Jugendlichen selbst versuchen, Be- und Entlastungssituationen bedarfsweise zu steuern und Versagensängste mindern.

Wichtig ist es, schulische Belastungen mit Freizeitaktivitäten und Medienkonsum aufeinander abzustimmen.

Während die einen von dem Arztbesuch eine Krankschreibung schon bei banalen Beschwerden erwarten, gehen andere Kinder und Jugendliche trotz Krankheit weiter zur Schule. Ein Schulbesuch etwa mit psychosomatischer Beschwerden ist aus ärztlicher Sicht nicht immer gut.

Eine kurze Auszeit bis zum Abklingen der Beschwerden oder eine Aufarbeitung der Beschwerden mit den Eltern wäre häufig weit besser und ist daher aus pädiatrischer Sicht durchaus ratsam.

Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen ihre Sorgen und Nöte frühzeitig erhört werden und die sich in ihre Klasse aufgehoben fühlen, erscheinen auch den Thüringer Kinder- und Jugendärzten ausgeglichener, psychisch gesünder und leistungsfähiger.

Dr. med. Monika Niehaus
PRAXIS FÜR KINDER- UND JUGENDMEDIZIN
Facharzt für Pädiatrie, Asthma-Trainer
Pressesprecher des Landesverbandes Thüringen
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