Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

02.03.2007

13. Jugendmedizin-Kongress des BVKJ - Presseerklärung Dr. med. Susanne Berger

"Das verwächst sich nicht mehr!” ist oft das bittere Ergebnis von verspäteten Untersuchungen erst im fortgeschrittenen Jugendalter. Im Rahmen des 13. Jugendmedizin-Kongresses in Weimar fordern die Kinder- und Jugendärzte das Recht jedes Heranwachsenden auf kontinuierliche Begleitung durch von den Kassen getragene regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter. Nicht nur orthopädische Probleme, sondern wie in aktuellen bundesweiten Studien nachgewiesen, auch Störungen des Essverhaltens, psychische Auffälligkeiten und Bewegungsstörungen steigen dramatisch an. Jugendliche sind die vergessene Generation. Rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen mit dem Ziel der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention sind nötig, damit die Kinder- und Jugendärzte zusammen mit den Ärzten des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, Lehrern und Sporttrainern Gesundheitsprobleme bei Jugendlichen verhindern oder mildern können.

Bereits 50 Prozent der Schüler klagen über Rückenschmerzen (1). Bei einer Auswertung der Jugendgesundheitsuntersuchung J1 in Sachsen (2) wies jeder fünfte Jugendliche im Alter zwischen 12 bis 15 Jahren Auffälligkeiten des Skelettsystems auf, ein Viertel der Auffälligen wurde therapeutischen Maßnahmen zugeführt.
Jeder zehnte Jugendliche hatte behandlungspflichtige Erkrankungen des Knochenapparates und des Stützsystems bei flächendeckenden Schulentlassungsuntersuchungen des Landes Brandenburg (3), Untersuchungen der öffentlichen Gesundheitsdienste in Mecklenburg-Vorpommern, NRW, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erhärten diese erschreckenden Zahlen.

Die nachgewiesenen Erkrankungen wie Fehlstellungen der Wirbelsäule, des Brustkorbes und des Schultergürtels, Störungen des Knie- oder Fußgelenkes oder deutliche Beinlängendifferenzen führen anfangs noch nicht zu einschneidenden Schmerzzuständen. Der betroffene Jugendliche sucht deshalb nur selten frühzeitig ärztliche Hilfe. Rechtzeitige Diagnostik und Behandlung durch den Kinder- und Jugendarzt könnten jedoch ein Fortschreiten der Störung und somit viel Schmerzen und hohe Kosten vermeiden. Immerhin leiden 70 Prozent der Bundesbürger zwischen 30 und 50 Jahren an behandlungsbedürftigen Rückenschmerzen (1). Die ‚Volksseuche Rückenschmerzen’ führt zu Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung, zu großem individuellen Leid ebenso wie zu einer Kostenlawine im Gesundheitssystem.

Auf dem Rücken der Jugendlichen:
Das Dilemma mit der Vorsorge
Dabei sind Wissen und Instrumente für Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention vorhanden.
Seit Jahren drängen die Kinder- und Jugendärzte darauf, dass die Heranwachsenden auch während der gesamten Schulzeit durch Früherkennungsuntersuchungen begleitet werden. Der BVKJ hat standardisierte Vorsorgen für das 7./8., das 9./10. und das 16./17. Lebensjahr zur Ergänzung des bisher schon kassengetragenen Präventions-Programmes entwickelt (4). Die Ergebnisse dieser Untersuchungen könnten in Zusammenarbeit mit den Kinder- und Jugendärzten im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) im Sinne einer Verhältnisprävention genutzt werden, der ÖGD nimmt die Stellung als Vermittler in das Setting Schule ein.

Jugendliche im Stich gelassen
Die Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U9 haben sich als ausgezeichnete Instrumente für das junge Kindesalter bis zum fünften Geburtstag erwiesen. Dann aber klafft bis zur Jugendgesundheitsberatung J1 mit zwölf Jahren eine riesige Lücke. Präventionsleistungen wie Beratung und Durchführung von Regelimpfungen und neuen Impfungen wie die jetzt verfügbare gegen Papillomvirus (Gebärmutterhalskrebs-Impfung) können oft nicht durchgeführt werden. Nach der J1 werden die Jugendlichen bis zum Erwachsenenalter vorsorgetechnisch im Stich gelassen.

Übergewicht wächst im Grundschulalter heran
Endlich liegen die ersten Ergebnisse der bundesweiten Studie (5) des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (KIGGS) vor. Übergewicht und Fettsucht stellen einen Risikofaktor für orthopädische Erkrankungen dar und nehmen im Grundschulalter erheblich zu, dabei sind Jungen stärker betroffen als Mädchen. Jeder fünfte Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren ist schließlich übergewichtig. Diese bundesweit erhobenen Zahlen stehen im Einklang mit den Ergebnissen der regionalen Untersuchungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes und untermauern die Notwendigkeit einer kontinuierlichen sozialpädiatrischen Betreuung aller Jugendlichen bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter.

...von wegen jung, dynamisch…
Übergewichtige Jugendliche haben häufig Haltungs- und Gelenkprobleme und zählen auffällig oft zu der Gruppe mit geringer körperlich-sportlicher Aktivität. Insgesamt erfüllen nur ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland die Forderung nach mindestens 60 Minuten täglicher sportlicher Aktivität. Bis zum Alter von zehn Jahren sind noch 60 Prozent der Kinder im Sportverein, im Jugendalter nehmen die Zahlen ab. Dreimal wöchentlich irgendeine sportliche Aktivität betreiben nur die Hälfte aller Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren, dabei haben die Jungen ein höheres Aktivitätsniveau als die Mädchen. Nachweislich ist regelmäßiger und intensiver Sport sowohl ein wichtiges therapeutisches Instrument bei Skeletterkrankungen als auch ein Mittel zur Steigerung der Selbstakzeptanz und Gruppenintegration.

Gesundheits”looser”
Sowohl die KIGGS als auch die aktuelle Shell-Jugendstudie (6) weisen einen Trend zu schlechterem Gesundheitsverhalten mit mangelnder körperlicher Bewegung und ungesunder Ernährung gegenüber den Voruntersuchungen auf. Belegt wird durch diese Studien die dramatische Tatsache, dass besonders Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Schichten und mit Migrationshintergrund zu den Gesundheitsverlierern gehören. Auch hinsichtlich Ess-Störungen und psychischen Auffälligkeiten schneidet diese Gruppe Jugendlicher besonders schlecht ab, auffallend benachteiligt sind hier die Mädchen.

  • Jede Altersstufe hat spezielle Gesundheitsrisiken
  • Das Risikoprofil ist bei Jungen und Mädchen unterschiedlich.
  • Jugendliche sozial benachteiligter Schichten sind gesundheitlich besonders gefährdet.
    Die Kinder- und Jugendärzte bieten im Verbund mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und weiteren Kooperationspartnern allen Jugendlichen Beratung, Untersuchung und falls nötig Behandlung an.

Ein lückenloses Früherkennungsprogramm durch den Kinder- und Jugendarzt sichert jedem ‚Von-Null-bis- 18-Jahren’ seine individuelle Chance auf Gesundheit.

Quellenhinweise
(1) Repräsentativbefragung des BKK-Bundesverbandes von TNS-EMNID 2004 in:
Wirbelsäule und Sport, J. Krämer et al, Deutscher Ärzte-Verlag 2005
(2) Auswertungen zur Jugendgesundheitsberatung, KV Sachsen Jahresauswertung 1998,
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der BRD
(3) Schulentlassungsuntersuchung des Jahres 2005 des Landes Brandenburg
(4) Gesundheits-Checkheft für Kinder und Jugendliche, Berufsverband der Kinder- und
Jugendärzte (bvkj), Mielenforster Straße 2, 51069 Köln
(5)
www.kiggs.de
(6) www.shell-jugendstudie.de

Nachfragen bitte an:

Dr. med. Susanne Berger
Mitglied im Jugendmedizinischen Ausschuss des
Telefon: (05141) 53028, Fax: (05141) 208445
praxis@doc4kids.de

Dr. med. Gunhild Kornell, Pressesprecherin des BVKJ