Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

02.03.2007

13. Jugendmedizin-Kongress des BVKJ - Presseerklärung (2) Dr. Wolfram Hartmann

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Deutschlands (BVKJ e.V.) sieht auch nach der Verabschiedung des GKV-WSG die Zukunft einer eigenständigen Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland in großer Gefahr. Die Zusagen der Regierung zur Honorierung der Vertragsärzte in EURO und die Übernahme des Morbiditätsrisikos durch die Krankenkassen sind zu vage, als dass sich auf diesem Konzept langfristige Planungen aufbauen ließen.

GKV-WSG
Wir verlangen, dass die Unterfinanzierung im ambulanten und stationären Versorgungsbereich, die die Kinder- und Jugendmedizin wegen ihrer zuwendungsintensiven Tätigkeit ganz besonders betrifft, endlich beendet wird und ausreichend Mittel zur Verfügung gestellt werden, um eine “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” von Kindern und Jugendlichen in Deutschland langfristig sicherzustellen. Dazu gehören

  • eine kostendeckende Vergütung ohne Budgetierung überall in Deutschland,
  • eine Mitfinanzierung von Weiterbildungsstellen in der Praxis,
  • eine gesicherte Finanzierung der Versicherung von Kindern sowohl bei der GKV als auch in der PKV

Wir verschließen uns nicht den Vorschlägen einer gewissen Pauschalierung von Grundleistungen, wenn gesichert ist, dass besondere Qualifikationen in der fachärztlichen Kinder- und Jugendmedizin (Neuropädiatrie, Kinderkardiologie, Kinder-Nephrologie, Kinder-Hämatologie/ Onkologie, Kinder-Rheumatologie, Kinder-Gastroenterologie, Kinder-Endokrinologie, Kinder-Pneumologie/ Allergologie) auch adäquat vergütet werden und bestimmte Einzelleistungen wie Prävention, Leistungen im Notfalldienst usw. erhalten bleiben. Transparenter wäre aus unserer Sicht allerdings die generelle Kostenerstattung.

Wir begrüßen es ausdrücklich, dass die Kassen in Zukunft verpflichtet sind, die Kosten für alle von der STIKO empfohlenen Impfungen zu übernehmen, sofern der G-BA innerhalb von 3 Monaten nach Veröffentlichung der aktuellen Empfehlungen keine stichhaltigen Gegenargumente vorbringt. Ebenso begrüßen wir die Klarstellung bei den Mutter-Kind-Kuren, wobei man natürlich fragen darf, ob solche Leistungen nicht zu den gesamtgesellschaftlichen Aufgaben gehören, die aus Steuermitteln zu finanzieren sind. Wir begrüßen es auch, dass es in Zukunft eine generelle Krankenversicherungspflicht gibt, denn derzeit gibt es in Deutschland noch ca. 200.000 Kinder und Jugendliche ohne Krankenversicherungsschutz.

Die Möglichkeiten, mit Kassen bzw. Kassenverbänden eigene Versorgungsverträge zur hausärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen abzuschließen und dabei Qualifikation und Qualität als wesentliches Versorgungsargument in der Kinder- und Jugendmedizin zu verankern, werden wir nutzen, ggf. auch in Zusammenarbeit mit den KVen, wenn diese die besondere Qualifikation unserer Fachgruppe für diesen Versorgungsbereich auch entsprechend berücksichtigen.

Zukunft der Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland gefährdet
Etwa 35 % der aus Altersgründen freiwerdenden Kinder- und Jugendarztpraxen in Deutschland finden keinen Nachfolger mehr, in den neuen Bundesländern ist sogar davon auszugehen, dass bis zu 60 % der Praxen ohne Nachfolger bleiben. Das Durchschnittsalter der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland ist mit > 45 Jahren das höchste aller Arztgruppen, ca. 24% der niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte haben das 60. Lebensjahr überschritten, so viel wie in keiner anderen Arztgruppe.

Auch wenn die Zahl der Kinder und Jugendlichen pro berufstätigem Kinder- und Jugendarzt in den letzten Jahren aufgrund der zurückgehenden Geburtenrate kontinuierlich gesunken ist, ist absehbar, dass innerhalb der nächsten 5 Jahre eine flächendeckende Versorgung von Kindern und Jugendlichen durch entsprechend weitergebildete Kinder- und Jugendärzte nicht mehr gesichert ist.

Wir Kinder- und Jugendärzte sind bereit, uns den Herausforderungen der Zukunft zu stellen, neue Versorgungsformen und Kooperationen zwischen Praxis und Klinik mitzugestalten. Entsprechende Modelle wurden von uns erarbeitet und verschiedenen Kassenverbänden angeboten. Leider ist es aufgrund des Widerstands der Kassen bisher nur zu vereinzelten innovativen Verträgen gekommen, da Kinder in den Planungen der meisten Kassen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Hier muss ganz sicher politischer Druck nachhelfen.

Auch wenn überall von Qualität und Qualifikation gesprochen wird, muss sichergestellt werden, dass da, wo Qualität draufsteht, auch Qualität drin ist. Die neuen Morbiditäten im Kindes- und Jugendalter wie Entwicklungsdefizite, Verhaltensstörungen, Adipositas, seltene und chronische Erkrankungen usw. erfordern eine besondere Qualifikation der behandelnden Ärztinnen und Ärzte, also mindestens eine abgeschlossenen 5-jährige Weiterbildung im Fach Kinder- und Jugendmedizin.

Im Hausärztlichen Versorgungsbereich muss es eine Aufgabenteilung geben. Allgemeinärzte, die in der Fläche Kinder bei akuten Erkrankungen mitversorgen, müssen sich entsprechend im Fach Kinder- und Jugendmedizin weiterbilden. Die Betreuung von Kindern mit Entwicklungsstörungen, seltenen und chronischen Erkrankungen, die Durchführung von Kinder-Vorsorgeuntersuchungen muss aber Ärztinnen und Ärzten mit abgeschlossener kinder- und jugendärztlicher Weiterbildung vorbehalten bleiben. Dies spart nachweislich Kosten im Gesundheitswesen und trägt dazu bei, dass die wenigen Kinder, die wir noch haben, einigermaßen gesund erwachsen werden können und auf ihrem Weg die bestmögliche Förderung erhalten. Natürlich ist dies nicht allein eine medizinische Aufgabe, aber die moderne Kinder- und Jugendmedizin trägt wesentlich dazu bei.

Arme Kinder – kranke Kinder
Zu einer Zeit, in der immer mehr Kinder und Jugendliche von Armut betroffen sind, schlechte Startbedingungen und entsprechend den Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention von 1990 einen Anspruch auf “bestmögliche gesundheitliche Versorgung” haben, muss die Politik umgehend handeln, wie es auch der Bundestag im Juni 2002 mit allen Fraktionen gegenüber der Bundesregierung gefordert hat. Um gerade den sozial benachteiligten sowie den chronisch-kranken Kindern und Jugendlichen bessere Chancen im Leben zu geben, ist eine flächendeckende ambulante und stationäre Versorgung mit Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin unbedingt erforderlich.

Die Studienergebnisse des Robert-Koch-Instituts (RKI) über die Kindergesundheit in Deutschland haben ganz deutlich gezeigt, dass Kinder und Jugendliche aus unteren sozialen Schichten in ihrer Entwicklung gegenüber den anderen Kindern und Jugendlichen erheblich benachteiligt sind und Defizite aufweisen, die einer dringenden Förderung bedürfen. Das gleiche Ergebnis weist die vor 3 Wochen veröffentlichte Studie der UNICEF zur Situation von Kindern in den Industrienationen auf, nach der Deutschland deutlich hinter anderen Staaten mit geringerem Bruttosozialprodukt hinterherhinkt.

Verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen und Meldesystem
Um Kindesmisshandlungen und -vernachlässigungen künftig besser erkennen bzw. vorbeugen zu können, fordern wir verbindliche Vorsorgeuntersuchungen für jedes Kind - verbunden mit einer Meldepflicht. Wir Kinder- und Jugendärzte begrüßen die derzeitigen Initiativen der Politik zum Ausbau eines sozialen Frühwarnsystems. Doch kann dieses aus unserer Sicht nur funktionieren, wenn ein gesetzlich geregeltes, bundesweites Meldewesen für die Teilnahme an Früherkennungsuntersuchungen besteht. So könnten ein personell gestärkter Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) bzw. die Jugendhilfe Eltern bisher nicht registrierter Kinder an die Termine erinnern und diejenigen Familien ausfindig machen, die sich einer Früherkennungsuntersuchung grundsätzlich entziehen. Ziel muss letztendlich ein flächendeckendes Netzwerk verschiedener Fachgruppen und Anlaufstellen sein, das vorbeugend greift. Gefährdete Kinder und Risiko-Familien müssen frühzeitig Hilfe erhalten, überforderte Eltern brauchen zeitnahe und kompetente Unterstützung bei der Erziehung.

Die Rolle der Kinder- und Jugendärzte im Rahmen eines solchen Früherkennungsprogramms ist für den BVKJ klar definiert: Aufgrund unserer Aus- und Weiterbildung sind wir die Experten der 0- bis 18-Jährigen. Die qualifizierte Beurteilung des Entwicklungsstandes eines Kindes und damit auch die frühzeitige Erkennung von Anzeichen der Verwahrlosung und Misshandlung gehören in unsere Hände. Wichtig ist es nur, die Inhalte verbindlicher Früherkennungsuntersuchungen zielgerichtet und einheitlich zu erweitern und die finanzielle Seite dieser Mehrbelastung zu klären. Hier ist die Politik gefragt, damit die Kosten nicht auf den niedergelassenen Kinder- und Jugendärzten sitzen bleiben.


Nur durch ein balanciertes Nebeneinander von Fordern und Fördern kann die Gesellschaft – gemeinsam mit den Eltern – mittelfristig eine Sicherstellung des Kindeswohls für möglichst alle Kinder erreichen.

Ausbau des Kinderfrüherkennungsprogramms
Um generell eine bessere Prävention in den verschiedenen, für die Entwicklung des Kindes entscheidenden Altersstufen zu ermöglichen, und Lücken der bisherigen 10 Vorsorgen (U1-J1) zu schließen, ruft der BVKJ Eltern zu zusätzlichen Untersuchungen ihres Kindes auf. Hierzu zählen die U7a mit 3 Jahren, die U10 zwischen dem 7. und 8. Lebensjahr, die U11 zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr sowie die J2 im Alter von 15 und 17.
Deshalb fordert der BVKJ, dass die Inhalte der Kinder-Vorsorgeuntersuchungen zügig überarbeitet werden, der primären Prävention ein hoher Stellenwert eingeräumt und der § 26 SGB V folgendermaßen geändert wird:

(1) Versicherte Kinder und Jugendliche haben bis zur Vollendung des achtzehnten Lebensjahres Anspruch auf Untersuchungen zur Früherkennung und Verhinderung von Krankheiten, die ihre Entwicklung gefährden…..

Dies lehnt die Bundesregierung ab und behauptet, die gesundheitliche Versorgung von Schulkindern im Rahmen der primären Prävention sei durch den jugendmedizinischen Dienst im öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) sichergestellt. Wir wissen, dass bundesweit nur noch maximal 10 % aller Schulkinder regelmäßig von Ärztinnen und Ärzten des ÖGD untersucht werden.

Anmerkung für die Redaktionen:
Pressesprecherin des BVKJ: Dr. med. Gunhild Kilian-Kornell