Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

02.03.2007

13. Jugendmedizin-Kongress des BVKJ - Presseerklärung (1) Dr. Wolfram Hartmann

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) unterstützt die Forderung von Frau von der Leyen nach einem Ausbau des Angebots an qualifizierten Betreuungsplätzen auch für Kinder vor vollendetem 3. Lebensjahr nachdrücklich und ist nicht der Meinung, dass eine frühe Betreuung von Kleinkindern außerhalb des familiären Umfeldes unweigerlich zu seelischen Schäden und frühen Bindungsstörungen bei Kleinkindern führen muss. Entscheidend ist aber, dass die Kindertagesstätten personell und räumlich so ausgestattet werden, dass sie ihrem Erziehungs- und Bildungsauftrag auch gerecht werden können. Davon sind wir vielerorts noch weit entfernt.

Wir sehen in unseren Praxen täglich Kinder, denen in der Familie keine adäquate Förderung zuteil wird, die vernachlässigt und misshandelt werden. Konservative Politikerinnen und Politiker müssen endlich erkennen, dass ihr Bild von der heilen Familienwelt für ca. 25 % aller Kinder in Deutschland nicht mehr zutrifft und der Staat handeln muss, um diesen Kindern gute Startchancen für ihr Leben zu gewährleisten. Das Kindeswohl hat hier im Vordergrund zustehen. Wir können es uns auch als Gesellschaft nicht länger leisten, Kindern keine bestmögliche Förderung zukommen zu lassen.

Wir sehen aber auch gut ausgebildete und hoch qualifizierte Frauen (auch in unseren eigenen Reihen mit einem Frauenanteil von 68 %), die wegen fehlender Betreuungsplätze für Kinder gezwungenermaßen kinderlos bleiben oder, wenn sie den Mut zum Kind hatten, große Probleme haben, Beruf und Elternschaft miteinander zu vereinbaren, weil die Rahmenbedingungen, besonders in den alten Bundesländern, nicht stimmen. Die Gesellschaft braucht diese gut ausgebildeten Mütter auch auf dem Arbeitsmarkt. Eine berufstätige Mutter, die mit ihrer beruflichen Situation zufrieden ist, ist für das Kind eine wesentlich bessere Mutter, als eine Mutter, die gezwungenermaßen frustriert zu Hause bei ihrem Kind bleibt, weil sie keinen Betreuungsplatz findet. In der Eltern-Kind-Interaktion kommt es nicht in erster Linie auf die Quantität der Beziehung sondern auf die Qualität an. Zwei Stunden mit einer ausgeglichenen Mutter oder Vater sind für ein Kind wertvoller als 12 Stunden mit einem unausgeglichenen frustrierten Elternteil.

Den Eltern muss es selbstverständlich frei stehen, sich für verschiedene Lebensformen zu entscheiden. Dabei sollten auch Mütter, die bewusst ihre Kinder zu Hause betreuen und fördern, einen eigenen Rentenanspruch erwerben und steuerlich so entlastet werden, dass die Entscheidung für ein Kind nicht mit einem Armutsrisiko behaftet ist. Wir unterstützen aber auch die Forderung der Politik, das letzte Jahr vor der Einschulung zum Pflichtjahr zu machen, wenn denn die Qualität der Betreuungseinrichtungen stimmt und die Kinder optimal gefördert werden.
Der BVKJ beabsichtigt, sich in seinem diesjährigen Politforum in Berlin ausgiebig mit dieser Problematik zu befassen und hat Frau von der Leyen eingeladen, dort öffentlich ihre Politik zu erläutern."