Gesunde Kinder
sind unsere Zukunft

09.03.2006

12. Kongress für Jugendmedizin Weimar 2006: Jugend am Rande der Gesellschaft (2)

Sind Jugendliche noch ein Teil der Gesellschaft – oder eine immer größer werdende Gruppe am Rand? Aus und vorbei vor 18?!

Materielle Armut, zerrüttete Familienverhältnisse, Bildungsferne, fehlende Ausbildung, fehlende Zukunftschancen, emotionale Verwahrlosung, psychisch kranke Eltern, Kontakt zu Sucht und Gewalt - all das ist Jugend heute.
Dies sind schwerwiegende und die Entwicklungsaufgaben der Jugendlichen gefährdende Belastungen.

Die Situation von Jugendlichen ist von einer großen gesellschaftlichen Diskrepanz geprägt, nirgends ist die weit aufgehende Schere deutlicher.

Der Teil der Jugendlichen, die in emotionaler Stabilität, in gegenseitiger Akzeptanz, Wertschätzung, auch Offenheit und Respekt der Familienmitglieder und der Peergroup zueinander aufwachsen, wird immer geringer!

Kongresse speziell für Jugendmedizin durch den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sind Tradition. Seit 12 Jahren treffen sich die Kinder- und Jugendärzte aus ganz Deutschland in Weimar. Sie setzen sich mit speziellen Fragen und Problemen der Jugendlichen und ihrer medizinischen Versorgung auseinander - auch derer am Rande der Gesellschaft. Dabei stellen sich die Kinder- und Jugendärzte den besonderen Aufgaben und suchen den Dialog mit anderen Fachdisziplinen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Obwohl die Jugendlichen zu einer der gesündesten Altersgruppen gehören, dürfen die Risiken und die chronischen körperlichen sowie psychischen Erkrankungen mit für Jahrzehnte nachhaltigen Auswirkungen nicht verharmlost werden. Diese mindestens 20 % der Jugendlichen eines Jahrgangs mit chronischen Erkrankungen wie z. B Asthma bronchiale, Diabetes mellitus, Adipositas und anderen Essstörungen, auch Aufmerksamkeitsdefizitstörung und Lernstörungen müssen zusätzlich besondere Entwicklungsaufgaben lösen. Gerade sie bedürfen einer intensiven Betreuung durch Kinder- und Jugendärzte.

Mit dem Thema des diesjährigen Kongress „Jugend am Rande der Gesellschaft“ macht der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte auf eine bedrohliche Entwicklung aufmerksam! Immer mehr Jugendliche sind von „Randständigkeit“ bereits betroffen, viele bedroht! Die Grundsteine für eine gelungene Pubertätsentwicklung sind erheblich ins Wanken gekommen .

Immer mehr Jugendliche brechen aus, verhalten sich gewalttätig, nutzen riskantes Verhalten zur Abgrenzung und zur Steigerung des Selbstwertes, zur aggressiven Selbstverwirklichung, konkurrieren auch um eine Form des „Männlichkeitswahns“, suchen nach dem „Kick“! Langfristige Auswirkungen werden von ihnen oft nicht bedacht. Andere Jugendlichen resignieren und zeigen Ängste und Depressionen, selbst verletzendes und durch mangelnden Selbstwert gekennzeichnetes Verhalten oder andere psychiatrische Erkrankungen.
Zu den spezifischen Erkrankungen „randständiger“ Jugendlichen zählen z.B. Suchterkrankungen, auch Ticstörungen und Depressionen, Angststörungen, Essstörungen, fremd- und autoaggressive Störungen und psychosomatische Erkrankungen.

Die Kinder- und Jugendärztinnen und Ärzte wissen längst, was Jugendliche in ihrer Entwicklung bedroht, was sie krank macht. Denn ohne die spezifischen Kenntnisse sind die Schwierigkeiten und Probleme der Jugendlichen nicht zu verstehen, nicht anzugehen.

Mehr als 100.000 Jugendliche in der BRD (mindestens 8%) haben keinen Schulabschluss, ca. 15 % der Jugendlichen haben keine Berufsausbildung! Ihre Zukunft beginnt ohne Perspektive: sie stehen schon im Abseits, bevor sie erwachsen werden!

Dabei ist längst bekannt, dass Jugendliche ohne eine erfolgreiche Schulbildung, ohne Aussicht auf Ausbildungsstelle und Arbeit, ohne ausreichendes Selbstwertgefühl und soziale Integration auch später als Erwachsene keine Chance haben.
Wie stellen sich die Jugendärzte in Praxen, Kliniken und öffentlichem Gesundheitsdienst darauf ein und welche Interventionsmöglichkeiten bestehen bei gefährdeten Kindern und Jugendlichen? Was bedeutet die zunehmende Arbeitslosigkeit der Eltern für Jugendliche? Was bedeutet die zunehmend aufgehende Schere zwischen Armut und Reichtum? Experten aus sehr verschiedenen Disziplinen beantworten diese Fragen für mehr als 750 Kinder- und Jugendärzte aus ganz Deutschland.

Wie sehen die aktuellen Jugendkulturen aus, was ist noch „normal“, was gefährdet nachhaltig?
Strömungen und Jugendkulturen, denen man mit Staunen, vielleicht auch mit Unverständnis gegenüber steht, lassen die aktuellen Phänomene des Jugendalters und auch die damit verbundenen Störungen besser verstehen. Wo muss von Eltern und Lehrern Besonnenheit verlangt werden, da langfristig eine positive Entwicklung erwartet werden kann?
Groß sind die Unterschiede in der Entwicklung von Jungen und Mädchen. Jugendliche mit Migrationshintergrund wissen oft nicht, wohin sie gehören, sie haben besondere Probleme.

Im Sinne der Prävention gilt es zu klären, an welcher Stelle kann und muss der Kinder- und Jugendarzt intervenieren, wie können bedrohliche Entwicklungen ausreichend früh erkannt und damit vielleicht abgewendet werden?

Doch die Politik lässt trotz anders lautender Beteuerungen die junge Generation im Stich: Mittel- und Budgetkürzungen treffen besonders die Jugendhilfe und damit die Kinder und Jugendlichen selbst!!!


Die Einsparungen im Kinder- und Jugendhilfebereich sind Sparmaßnahmen auf Kosten der nachwachsenden Generation!
Hilfsangebote und Helfersysteme in Kindertagesstätten, Horte, „offene Türen“, Jugendtreffs oder Erziehungsberatungsstellen werden durch die aktuellen Sparmaßnahmen zerstört.
Dabei ist unstrittig, dass sich Präventionsmaßnahmen und frühe Förderung langfristig auszahlen. Nach Schweinhart LJ, et al in Lifetime Effects (2005)) rentieren sich frühe Investitionen durch Einsparungen von Folgekosten um den Faktor 4 nach 20 Jahren und um den Faktor 16 nach 40 Jahren!

Die Jugendgesundheitsuntersuchung (J1), eine erste zentrale Präventions-Maßnahme im Jugendalter wird bundesweit derzeit von circa 30% der Jugendlichen, in einzelnen Regionen immerhin schon von bis zu 50% der Jugendlichen wahrgenommen. Neue Erkenntnisse zum Erkrankungsspektrum Jugendlicher, neue Impfungen, noch fehlende Impfraten bei wichtigen altbekannten Erkrankungen erfordern dringend die Teilnahme jedes Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren an der J1. Hierauf wollen die Kinder- und Jugendärztinnen und Ärzte immer wieder aufmerksam machen.

Als Teil des Rechtes auf Vorsorge bieten die Kinder- und Jugendärzte eine neue, zusätzliche Jugendgesundheitsuntersuchung J2 für Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren an. Sie fordern auch die Schulentlassuntersuchung durch den öffentlichen Gesundheitsdienst mit der besonderen Ausrichtung auf Ausbildung und Berufswahl als festen Bestandteil zumindest zur subsidiären Versorgung besonders bedrohter Jugendlicher beizubehalten.

Die Kinder- und Jugendärztinnen und Ärzte erwerben mit dem Kongress in Weimar Erkenntnisse, die sie ermutigen, früher und entschiedener Jugendliche vor dem Abseits, vor der Ausgrenzung durch die Gesellschaft zu bewahren und einer sachgerechten Hilfe oder Therapie zuzuführen.
Es gilt die Warnsignale zu erkennen, bevor bedrohliche Situationen entstehen oder die Katastrophe eingetreten ist. Die Jugendlichen am Rand der Gesellschaft stellen eine besondere Herausforderung in der täglichen jugendärztlichen Arbeit dar. Sie verlangen eine enge Vernetzung mit psychosozialen und jugendpsychiatrischen Einrichtungen zur qualifizierten Bewältigung der Bedrohungen.

Fazit:
Jugendliche zeigen ein spezifisches Krankheitsspektrum, sie sind in psychosozialer und medizinischer Sicht keine Erwachsene.
Kinder- und Jugendärztinnen und Ärzte stellen sich diesen besonderen Herausforderungen. Sie sind die Fachärzte für alle Jugendlichen – auch für diejenigen am Rande der Gesellschaft.


Dr. Gabriele Trost-Brinkhues
Tagungspräsidentin des 12. Kongresses für Jugendmedizin
Gesundheitsamt Aachen
Kinder- und Jugendgesundheitsdienst
Hachländerstr. 5
52064 Aachen
Gabriele.Trost@mail-aachen.de